Lasst die Köpfe rollen!

8. Mai 2026. Die Kämpfe der Londoner Unterwelt spielen sich direkt unter dem Auge des Gesetzes ab: Viktor Bodó inszeniert die berühmte Ganoven-Revue „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill in einem Gerichtssaal. Ein passender Ort für die antikapitalistische Pointe der Parabel.

Von Thomas Rothschild

Viktor Bodó zeigt „Die Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill in Stuttgart © Julian Baumann

8. Mai 2026. Der Höhepunkt der Aufführung liegt ungefähr in der Mitte. Mackie Messer steht, wie vom Autor gewünscht, in einem engen Käfig und singt „Die Ballade vom angenehmen Leben“. Er verlässt sein Gefängnis und die Düsternis der Story und wechselt in die Welt der Revue mit Paillettenjacke, Konfetti und Flatterhänden. Daran schließt sich das „Eifersuchtsduett“ von Lucy und Polly an, das auch musikalisch ein Highlight ist. Die Freude bleibt ungetrübt, weil sich die Regie im Übrigen nur selten dazu verleiten lässt, die Doppelbödigkeit des Stücks an übermütige Revueeffekte zu verraten.

Fast ein Jahrhundert nach der Uraufführung sieht Mackie Messer immer noch aus wie ein Gentlemanverbrecher. Die Mechanismen des Kapitalismus, auf die die Parabel mit ihren Kämpfen in der Londoner Unterwelt zielt, sind im Wesentlichen die gleichen geblieben. Aber die Oberfläche hat sich verändert. Mehr René Benko, weniger Rudolf Forster oder Curd Jürgens. Ein gefundenes Fressen fürs Regietheater.

Zum Mitsingen

Nachdem er in Stuttgart bereits zwei berühmte Romane – „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Erich Kästner und „Amerika“ von Franz Kafka – und einen berühmten Film – „Der Würgeengel“ von Luis Buñuel – auf die Bühne des Schauspiels gestellt hat, greift sich Viktor Bodó diesmal eines der berühmtesten Theaterstücke: „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill oder, wie manche maliziös meinen, von Kurt Weill und Bertolt Brecht – unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann. Sie steht fast hundert Jahre nach der Uraufführung regelmäßig auf den Spielplänen und erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Da kann allenfalls „Die Fledermaus“ mithalten. Die Songs könnte ein großer Teil des Publikums mitsingen.

Vor dem ruhestand1 Toni SuterHilflose Drohgebärde: Polizeichef Brown (Sebastian Röhrle) probiert, Bettlerkönig Peachum (Klaus Rodewald) unter Druck zu setzen © Julian Baumann

Zwei prominente Rollen, die des Macheath und der Spelunken-Jenny, sind mit Gästen besetzt, mit Marcel Heuperman und Miriam Maertens. Vermutlich wurden sie geholt, weil sie wirklich gut singen. Aber Marietta Meguid und Klaus Rodemann aus dem Haus als das Ehepaar Peachum, das Bettler mit mitleiderregender Kleidung und Accessoires ausstattet, stehen ihnen in dieser Beziehung um nichts nach.

Der Sänger, der die hundertfach gecoverte „Moritat von Mackie Messer“ vorträgt, ist bei Viktor Bodó ein Zombie (Reinhard Mahlberg), der, mit einem Ersatzhirn versehen, zu einem Richter wird, der die einzelnen Personen aufruft. Ein Anwalt spricht die Regieanweisungen.

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Macheath alias Mackie Messer betritt zwecks Hochzeit den Pferdestall, der in Stuttgart nur noch im Text vorkommt, im bodenlangen Ledermantel mit Pelzkragen und mit roten Schuhsohlen. Seine „Platte“ – so nannte man zu Brechts Zeiten eine Verbrecherbande – trägt Uniformen von rätselhafter Bedeutung: Paramilitär, Wach- und Schließgesellschaft, Sträflingskleidung? Die Huren von Turnbridge wiederum laufen im Negligé umher, als wären sie einer „Irrenanstalt“ entflohen.

Dreigroschenoper 3 1200 Julian BaumannWo der Richter ein Auge zudrückt: das Stuttgarter Ensemble im Bühnenbild von Zita Schnábel © Julian Baumann

Begleitet werden die Soli und Duette von eher konventionellen Choreografien der übrigen auf der Bühne Umherstehenden und -sitzenden. Peinlich wird das, wenn es ins Illustrative ausartet, etwa wenn alle das Fallen eines Kopfes andeuten, wo Polly als imaginierte Seeräuber-Jenny – hoppla! – Köpfe rollen lässt. Von einem Missverständnis zeugt es auch, wenn der Regisseur Polly anhält, den von ihm hinzugefügten Richter zu verführen. Eine Lachnummer. Aber die antibürgerliche Pointe ihres „Barbara-Songs“ ist durchaus ernst zu nehmen: „Und als er kein Geld hatte,/ und als er nicht nett war,/ und sein Kragen war auch am Sonntag nicht rein,/ und als er nicht wusste, was sich bei einer Dame schickt,/ zu ihm sagte ich nicht ‚Nein'“. Das weiß Viktor Bodó natürlich. Einen der meistzitierten Vergleiche lässt er Mackie Messer auch in Stuttgart aussprechen: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Ein Hauch von Kafka

Zita Schnábel, die Bodó zusammen mit der Kostümbildnerin, der Choreografin und einer der beiden Dramaturginnen aus Ungarn mitgebracht hat, erfand als Einheitsbühnenbild einen Gerichtssaal, der an den Wänden, unterbrochen nur von zwei Türen mit Notlicht, bis unter die Oberlichten mit hohen Holzstühlen vollgestellt ist und eher an Kafka als an Brecht denken lässt.

Übrigens: Stuttgart hat seit vielen Jahren intensive Beziehungen zu ungarischen Theaterleuten, und zwar nicht auf Initiative des Staatstheaters, sondern der kleinen tri-bühne. So bieten sich Räume für die in den letzten Jahren in Ungarn unter Orbán drangsalierte Schauspielszene. Ein schönes Beispiel von Win-win: für schikanierte Künstler und für Stuttgart.

Die Dreigroschenoper
von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik)
Unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann
Regie: Viktor Bodó, Musikalische Leitung: Klaus von Heydenaber, Bühne: Zita Schnábel, Kostüme: Hanna Erös, Choreografie: Eva Duda, Video: Vince Varga, Licht: Jörg Schuchardt, Dramaturgie: Anna Verres, Katja Prussas.
Mit: Klaus Rodewald, Marietta Meguid, Josephine Köhler, Marcel Heuperman, Sebastian Röhrle, Sonja Geiger, Miriam Maertens, Boris Burgstaller, Felix Jordan, Reinhard Mahlberg, Peer Oscar Musinowski, Simon Löcker, Mina Pecik.
Premiere am 7. Mai 2026
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de