Dorian Gamon legt zwischen frisch gebackenen Baguettes auf und will damit junge Menschen für kleine Handwerksbetriebe begeistern. Ende Juni plant er einen Auftritt in Neckarsulm. Eine Bäckerei in Cham hat unlängst bewiesen, dass ein solches Konzept auch in Deutschland funktionieren kann.
Die Pariser Traditionsbäckerei ist an diesem Nachmittag gut gefüllt. Schon aus den Nebenstraßen ist die Musik zu hören. Passantinnen und Passanten schauen neugierig vorbei und beobachten Frauen, die auf dem Bürgersteig spontan eine kleine Tanzchoreografie zeigen. – © picture alliance / MAXPPP | Lionel VADAM
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Mitten zwischen frisch gebackenen Baguettes baut Dorian Gamon sein Mischpult auf, klatscht, springt in die Höhe und bringt die Kundschaft zum Tanzen. Der Franzose nennt sich „DJ Baguette“ und legt an einem Mainachmittag nicht in einem Club auf, sondern in der kleinen Eckbäckerei „Le Grenier de Félix“ im 15. Pariser Arrondissement.
„Ist das eine Disco oder eine Bäckerei?“, fragt eine belgische Touristin überrascht. Andere kommen direkt wippend ins Geschäft, klatschen oder tanzen ausgelassen mit.
„Brot ist in unserer Kultur heilig“
Mit orange getönter Blümchen-Sonnenbrille sieht Gamon nicht aus wie ein klassischer DJ. Schon mit 15 Jahren beginnt er, Musik zu machen. Irgendwann kommt ihm die Idee, in Bäckereien aufzulegen.
Warum gerade dort? „Weil das wirklich der Ort ist, an den alle Generationen kommen„, sagt Gamon. „Das Brot ist in unserer französischen Kultur heilig und ich habe mir gesagt, dass man mehr geben muss als Brot, ein bisschen gute Laune. Das brauchen wir heutzutage.„
Tour durch französische Handwerksbetriebe
Aus der Idee macht Gamon eine ganze „Tour de France“, wie er es selbst nennt. Er ist vor allem in kleinen Orten unterwegs und legt in Handwerksbetrieben auf. Seine Auftritte bewirbt er online. Damit will er kleine Betriebe stärken und junge Menschen motivieren, dort ihr Brot zu kaufen. Auch die französische Bäckervereinigung versucht mittlerweile, mit Influencern junge Kundschaft in Handwerksbetriebe zu locken.
Die Pariser Traditionsbäckerei ist an diesem Nachmittag gut gefüllt. Schon aus den Nebenstraßen ist die Musik zu hören. Passantinnen und Passanten schauen neugierig vorbei und beobachten Frauen, die auf dem Bürgersteig spontan eine kleine Tanzchoreografie zeigen. Eine Mutter sagt, die Musik mache Lust, in den Laden zu gehen. Kinder wippen im Takt, und auch die Seniorin Margaux aus der Bäckerfamilie tanzt mit strahlendem Lächeln mit.
Auftritt in Neckarsulm geplant
Gamons Ziel: „diese Freude in allen Bäckereien Frankreichs zu verbreiten“. An der Landesgrenze macht er aber nicht halt. Ende Juni will der Musiker ins baden-württembergische Neckarsulm reisen und dort sein Mischpult zwischen Brot und Brötchen aufbauen.
Auch in Deutschland: „Teig und Takt“ in Cham
Eine Bäckerei im bayerischen Cham zeigt, dass das Konzept auch hierzulande funktioniert. Im Familienbetrieb „Schäfer’s Backhaus“ hat Jakob Berg, Sohn der Inhaberin Kerstin Berg, die Veranstaltung „Teig und Takt“ organisiert – eine Tanzveranstaltung mit elektronischer Musik in den Räumen der Bäckerei.
„Ich hatte ähnliche Events in größeren Städten wie Paris, Amsterdam und Berlin gesehen und war mir erst nicht sicher, ob so etwas auch in Cham laufen würde. Aber ich habe es einfach ausprobiert“, sagt Berg. Das Ankündigungsvideo auf Instagram ging viral, die Veranstaltung wurde ein Erfolg.
Mutter Kerstin Berg, die ihrem Sohn das gesamte Werbebudget für Social Media überlassen hat, beobachtet seitdem deutlich mehr junge Menschen in ihrer Bäckerei: „Nach Teig und Takt haben wir wirklich stark gemerkt, dass viel mehr junge Leute bei uns an der Theke standen.“ Auch als Verkaufskanal funktioniere Instagram – etwa für die „Partybrezen“, riesige mit Käse und Wurst belegte Brezen, die viele junge Kunden per Direktnachricht vorbestellen. dpa/fre