Das Kleingartenwesen. Ein Thema, das nicht nur vourteilsbehaftet ist, sondern auch für viele Essener eher undurchsichtig und abseits ihrer Lebensrealität erscheint. Aber stimmen die Klischees überhaupt? Und wie kommt man eigentlich an einen Schrebergarten? Wir bringen Licht in das Dickicht der Essener Kleingartenszene.
Wer, wie, wo, wie viel? Ein grundlegender Überblick über das Geflecht der Essener Schrebergärten
Insgesamt 114 Kleingartenvereine gibt es in Essen, verteilt im gesamten Gebiet der Stadt. Gemeinsam bilden sie den Stadtverband Essen der Kleingärtnervereine e.V., in dem „wichtige Entscheidungen, die mehrheitlich von den Essener Gartenbauvereinen getragen werden müssen“, so heißt es auf der eigenen Webseite, einmal jährlich bei einer Mitgliederversammlung beschlossen werden.
Die einzelnen Vereine unterscheiden sich dabei in ihrer Größe und auch in der Anzahl der Gruppen. So hat der Kleingartenverein in Altendorf als größter Essener Verein beispielsweise 18 Gruppen mit insgesamt etwa 538 Parzellen, die sich über den gesamten Stadtteil verteilen. In Kupferdreh/Dilldorf hingegen gibt es lediglich eine Gruppe.
Aber wie bekomme ich jetzt eigentlich eine Parzelle?
Im ersten Schritt melde man sich bei dem jeweiligen Verein, erklärt Rainer Weddeling, erster Vorsitzender des Kleingartenvereins Altendorf. Die meisten nehmen dabei einen Verein mit Grundstücken in der Umgebung des Wohnortes. Dort lasse man sich dann auf die Bewerberliste setzen: „Die Bewerberliste dient eigentlich als Grundlage für die Vermittlung, wobei die Familie des Pächters ein Vorrecht hat“, so Weddeling. Die Wartezeiten betragen dabei teilweise weit mehr als ein Jahr.

Nicht nur in Essen sind die Kleingartenparzellen heiß begehrt. Einige Vereine haben aufgrund der hohen Nachfrage sogar die Bewerberlisten geschlossen.
© FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska
Gibt es Tricks, die langen Wartelisten zu umgehen? Helfen Beziehungen in die Vereine?
Da die Bewerberliste „eigentlich als Grundlage für die Vermittlung“ dient, sollten gewisse Beziehungen in die höheren Ränge der Vereine beim Ergattern einer Parzelle faktisch nicht von Vorteil sein. Der einzige Trick wäre also vermutlich: einen Kleingartenpächter, der sein Grundstück abgeben möchte, in der Verwandtschaft zu haben.
Wenn es dann jedoch, auf dem einen oder anderen Weg, so weit ist, eine Parzelle frei wird und man das Glück hat, der Nächste auf der Bewerberliste zu sein, wird diese Parzelle zunächst einer Wertermittlung unterzogen: „Art und Zustand der Bebauung, die Vielfalt der Bepflanzung sowie der Pflegezustand ergeben den Wert“, heißt es dazu auf der Webseite des Stadtverbandes. Die Kosten für eine Wertermittlung trägt dabei der abgebende Pächter.
Und wie viel bezahle ich dann letztendlich als Neu-Pächter?
„Aus der Wertermittlung ergibt sich erstmal die Entschädigungssumme“, führt Rainer Weddeling aus. Die Entschädigungssumme sei das, was von den Neu-Pächtern an die Alt-Pächter gezahlt werde, und liege meistens zwischen 2000 und 3000 Euro. „Die eigentliche Pacht liegt in Essen dann bei etwa 30 Cent pro Quadratmeter. Je nach Gartengröße und Vereinsbeitrag sind das also meistens etwa zwei bis dreihundert Euro im Jahr.“
Das Vereinsleben
Neben den bürokratischen und finanziellen Aspekten eines Kleingartens ist ein großer Bestandteil natürlich die Vereinsmitgliedschaft. Mit dem Pachten eines Schrebergartens ist man automatisch Mitglied im jeweiligen Kleingartenverein: „Die soziale Komponente steht an oberster Stelle“, findet auch Rainer Weddeling, der den Vorstandsposten mittlerweile seit 16 Jahren bekleidet.
Was passiert in den Vereinen eigentlich genau?
„Bei uns in Altendorf machen die einzelnen Gruppen unter sich unter anderem Sommer- oder Oktoberfeste“, beschreibt Weddeling das Gemeinschaftsleben. Mindestens ein Sommerfest gebe es dabei in den meisten Vereinen. Ferner gebe es jedoch auch Zusammenkünfte, die von den Nachbarn privat organisiert würden. Bei guter Nachbarschaft unter den Pächtern wird also auch mal gemeinsame Zeit in den Anlagen verbracht.

Jutta und Robert Tobias (83 und 93) pachten ihren Schrebergarten bereits seit 40 Jahren. Das Ehepaar fühlt sich wohl in der Gemeinschaft des Vereins und kann sich ein Leben ohne den Garten kaum vorstellen. Sie haben unter anderem Silvester in der Anlage verbracht.
© FUNKE Foto Services | Rainer Hoheisel
Was muss ich über das Vereinsleben wissen?
„Wenn man neu in einer Anlage ist, sollte man sich auf jeden Fall vorstellen“, sagt Weddeling. Das sei in jeder Anlage so, nicht nur bei ihnen in Altendorf. Wie in jedem Verein sei es zudem angemessen, sich aktiv in das Vereinsleben einzubringen, also an den Jahreshauptversammlungen teilzunehmen und sich auch um die Gemeinschaftsflächen zu kümmern. In der Gartenordnung heißt es dazu: „Zu den vom Verein beschlossenen Gemeinschaftsarbeiten […] werden alle Kleingärtner herangezogen.“
Trotz einer Veränderung der Altersstruktur bleiben manche Klischees hartnäckig bestehen
In vielen Kleingartenvereinen findet gerade ein Generationenwechsel statt und immer mehr junge Familien interessieren sich, besonders seit der Corona-Pandemie, für einen Schrebergarten. Eine Entwicklung, bei der man meinen könnte, sämtliche Vorurteile und Klischees über Kleingärtner und die Kleingärtnerei seien passé.
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Herr Wedeling, stimmen denn die Klischees über das Kleingartenwesen?
„Ich sag’ mal so: Der Gartenzwerg hat weiter Konjunktur. Auch wenn viele Jüngere in die Vereine kommen – die übernehmen dann meistens einfach die Klischees. Die kommen also nicht von irgendwoher.“ In einigen Punkten lässt sich, zumindest bei Rainer Weddeling, aber feststellen, dass Stereotypen getrotzt wird. So gibt es in der Anlage in der Schluchtstraße in Schönebeck, die zum Verein Altendorf gehört, etwa einen Naturgarten, der nicht dem klassischen Bild eines Schrebergartens entspricht. Und zum Thema Lärm sagt Weddeling: „Man muss auch manche Sachen einfach in Kauf nehmen, gerade wenn es irgendwie um Kinder geht.“

Von außen wirkt es hier etwas wild, dahinter steckt aber ein Konzept: Das ist der Naturgarten von Anke Geil in der Schluchtstraße in Schönebeck. Hier finden heimische Pflanzen und Tiere einen Platz.
© FUNKE Foto Services | Rainer Hoheisel
Ein Kleingarten ist bekanntlich viel Arbeit. Ist es trotzdem ein Hobby für Anfänger?
Für Rainer Weddeling ist die Antwort hier ganz klar: Ja. „Es gibt so viele Informationen im Internet und auch sämtliche Bücher über die Kleingärtnerei.“ Ferner stünden die Nachbarn auch meist beratend zur Seite und zur Not habe auch jeder Kleingartenverein eine Fachberatung für den Schnitt und die Bepflanzung der eigenen Parzelle.
Kann man Arbeit und Kleingarten unter einen Hut bekommen?
Bevor man sich auf eine Bewerberliste setzen lässt, solle man sich einige Fragen stellen, heißt es auf der Webseite des Kleingartenvereins Altendorf. Darunter auch: „Reicht meine Freizeit für die Anforderungen, die ein Garten stellt?“ Es ist also kein Geheimnis, dass eine eigene Schrebergartenparzelle viel Aufwand mit sich bringt. Dass dieser jedoch auch mit einem Vollzeitjob zu bewältigen ist, zeigt unter anderem Markus Wingender. Der 33-jährige Arzt pachtet seit einigen Monaten eine Parzelle in Altendorf und sieht diese als Ausgleich zum Job und als Hobby.

Markus Wingender (33) pachtet in der Schluchtstraße in Schönebeck gemeinsam mit seiner Frau einen Schrebergarten. Mit dem Saisonbeginn steht hier für ihn einiges an Arbeit an.
© FUNKE Foto Services | Rainer Hoheisel
Wie man seine Freizeit verbringen möchte und wie viel Zeit davon dann potenziell in einen Kleingarten fließt, hängt also sehr von der jeweiligen Herangehensweise ab: Wer die Gärtnerei als Arbeit und müßig betrachtet, ist vermutlich bei dem Traum eines Kleingartens, um dort gelegentlich zu grillen, falsch beraten. Wer jedoch seine Freizeit gern in der Natur verbringt, sich in der Gartengestaltung ausleben möchte und Gemeinschaft sucht, findet womöglich mit etwas Geduld eine passende Parzelle in Essen.