Es gibt diverse Straßenbahnlinien in Freiburg, die meisten machen irgendwann Halt am Bertoldsbrunnen. Allerdings führt die örtliche Verkehrs AG weder eine Linie Nummer 18 im Bestand, noch fährt eine ihrer Trambahnen an den Bosporus. Und dennoch hat am Donnerstagabend kein Lied auf der Welt besser in die ohnehin gesegnete, nun aber auch selige Stadt im Breisgau gepasst als der programmatisch betitelte Schlager „Heute fährt die 18 bis nach Istanbul“. Kurz vor Mitternacht dröhnte er aus der Kabine des SC Freiburg und trat vorübergehend an die Stelle der badischen Nationalhymne.
Mit den feierlichen Tönen des Badnerlieds hatte der SC Freiburg wie immer die Vorspiel-Zeremonie im Stadion eröffnet, aber nach getaner, glorreicher Arbeit stand den Fußballern in der Kabine nicht der Sinn nach vaterländischem Pathos. Sondern nach dem von Lucas Höler herbeigeschleppten Flaschenbier und Mallorca-Sound. Die ersehnte Reise zum Finale der Europa League nach Istanbul, wo Aston Villa aus Birmingham der Gegner sein wird, war durch den sehr verdienten 3:1-Erfolg gegen den SC Braga tatsächlich Wirklichkeit geworden, und das musste selbstverständlich gefeiert werden – wenn auch vorerst noch nicht von allen Beteiligten.
Vor der Kabine stand einstweilen noch der Seniorchef der Freiburger Belegschaft, Nicolas Höfler, und referierte demütige Sätze, die aus der Zitatensammlung des Klubs stammen könnten. Der Mittelfeldspieler, der sich 2005 als 15-jähriger Bub dem Klub angeschlossen hatte, geriet beim Rückblick auf die persönliche Geschichte ins Philosophieren: „Es ist alles immer ein Weg, oft steinig. Wir haben uns vor vielen Jahren gefunden und sind die Schritte gegangen“, stellte er fest, als ob er gerade über das Sein an sich nachdächte. Und nun, sagte er, komme ihm der Erfolg „fast surreal“ vor: „Ich kann’s gar nicht begreifen: Wir im Euro-League Finale, der kleine SC Freiburg!“
Aus Höflers klassischen Bekenntnissen zur bescheidenen Existenz sprechen immer noch die Gründerväter des Breisgauer Mythos: Der legendäre frühere Präsident Achim Stocker etwa, der es einst ablehnte, ein damals längst überall übliches Fax-Gerät für den Zweitligisten anzuschaffen – weil so ein Fax-Gerät ja keine Tore schieße. Auch die Mahnungen der Langzeittrainer und Lehrmeister Volker Finke und Christian Streich lebten in Höflers Staunen wieder auf. Doch der Klub ist als Sportverein und Unternehmen nicht erst am Donnerstag in einem anderen Zeitalter angekommen.
Der Sport-Club ist ein Vorzeigerepräsentant des deutschen Fußballs. Die lokalen Größen Streich und Jogi Löw waren daher am Donnerstag nicht die einzigen Vips auf der Tribüne. DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Bundesliga-Chef Aki Watzke hatten sich aus dem Rheinland und dem Revier auf den Weg gemacht, um dem – wie nun feststeht – erfolgreichsten deutschen Europacup-Vertreter die Reverenz zu erweisen.
Wir haben uns als Klub und als Mannschaft stetig nach vorn entwickelt. Es ist kein Zufall und kein Glück, sondern mit viel Können verbunden.
Nicolas Höfler
So viel Prominenz hat der SC-Trainer Julian Schuster erst mal als einschüchternd empfunden. „Vor dem Spiel mit Jogi und Lothar (Matthäus) dazustehen – da fühlt man sich schon wie der kleine Junge vom Land“, erzählte er später. Das war aus seiner Sicht vielleicht nicht mal eine Übertreibung, wird seinen Qualitäten und der Stellung als erfolgreicher Bundesligatrainer aber nicht gerecht. Über das Stadium des bisweilen etwas ängstlichen Streich-Nachfolgers ist er längst hinaus. Schuster hatte für das Match gegen Braga, das größte Match der Klubgeschichte, einen zugleich brillanten wie frappierend einfachen Plan entworfen. Dessen besondere Kreativität bestand darin, dass er auf zwei Ur-Freiburger zurückgriff, die in dieser Saison bloß noch die Reserve hatten bilden dürfen. Und nun beauftragte Schuster den zentralen Mittelfeldspieler Höfler, 36, und den Rechtsverteidiger Lukas Kübler, 33, mit zwei Schlüsselrollen, in denen sie am Ende maßgeblich zum Triumph beigetragen hatten.
Während Höfler als Schutzmann der Deckung dem zum Spielmacher aufgerückten Johan Manzambi den nötigen Freiraum verschaffte, tat sich Kübler nicht nur als kampfstarker Abwehrmann hervor. Sondern als Held der Helden, indem er das 1:0 und das 3:0 erzielte. Der erste Treffer sei „ein Willenstor“ gewesen, sagte er, er hätte aber auch „Eiertor“ sagen dürfen. Einen Torschuss hatte Kübler nicht abgegeben, der Ball landete als Abpraller im Netz.
Alles passte für den SC an diesem Abend. Schon nach sieben Minuten geriet Braga entscheidend in Nachteil, als der allein davon geeilte Jan-Niklas Beste clever eine Notbremse inszenierte, indem er den Lauf seines Verfolgers Mario Dorgeles kreuzte und zwangsläufig mit ihm kollidierte. Die rote Karte war trotzdem korrekt. Gegen einen geschwächten Gegner und mit der bald darauf geglückten Führung legte Schusters Elf eine selbstsichere, gelassene und zielstrebige Leistung hin, als wären Halbfinals im Europacup für sie reine Routine. „Wir kennen unsere Qualitäten, wir hätten noch mehr Tore schießen können“, sagte Höfler. Dass es zum Schluss durch Bragas 1:3 noch mal spannend wurde, hat Schuster auf dem Podium der Pressekonferenz erstmal reflexhaft kritisiert („das kann man natürlich souveräner runterspielen“), bis er sich selbst ermahnte. Ach je, meinte er, „man ist halt in diesem Modus drin, dass man gleich schon wieder weiterarbeitet und denkt“. Das ist auch an einem Abend nicht anders, an dem die Fans nach dem Abpfiff euphorisch den Platz stürmen und den Spielern im Angesicht der Stampede nur noch eine Wahl bleibt: Abhauen oder gnadenlos umarmt werden. „Mittenrein, Bad nehmen“, entschied Höfler.
Doch das Fußball-Geschäft hört auch in den romantischen Momenten nicht auf, ein Geschäft zu sein, selbst im idyllischen Breisgau. Nachdem Johan Manzambi das 2:0 erzielt hatte, ließ sich trotzdem der Gedanke nicht vertreiben, dass man solche typischen Tore von ihm nicht mehr oft im Europa-Park-Stadion sehen wird. Vor den Nachstellungen potenter Klubs wird Manzambi nicht zu bewahren sein. Der 20-Jährige ist ein Kraftwerk auf zwei Beinen, ein logischer Kandidat für die englische Liga und ein Multi-Millionen-Transferobjekt. Auch der nach neuen Zielen strebende Torwart Noah Atubolo wird voraussichtlich eine hohe Summe einbringen. Das Finale samt der Europacup-Kampagne beschert dem Verein angeblich mindestens 50 Millionen Euro. Sollte dem SC in Istanbul ein Außenseiter-Sieg gelingen – was schwer genug wird gegen Villas Trainer Unai Emery, der ein Spezialist für den Wettbewerb ist und ihn schon viermal gewonnen hat -, dann gibt es zur Belohnung außer dem Pokal und noch mehr Prämiengeld einen Startplatz in der Champions League. Also noch mehr Profit.
Den Erfolg hat sich der SC Freiburg nicht gekauft und durch nichts erschlichen. Das ist durchaus eine Besonderheit. Auch wenn die Formel eigentlich in den Worten von Nicolas Höfler, der das alles aus der Nähe bezeugen kann, ganz einfach klingt: „Wir haben uns als Klub und als Mannschaft stetig nach vorn entwickelt. Es ist kein Zufall und kein Glück, sondern mit viel Können verbunden.“