Auch die wahre Wirklichkeit kann manchmal sehr nach Kunst aussehen, und das selbst dann, wenn sie so streng dreinschaut wie eine Möwe. Erstaunlich viele Besucher der großen Biennale in Venedig halten das Tier prompt für das Werk eines Künstlers. Vielleicht ist es ja als kritischer Beitrag über den Traum vom Fliegen gemeint? Oder wird hier die Frage erörtert, warum die meisten Seevögel immer nur schreien und ihnen kein singender, flötender, irgendwie lieblicher Ton entweichen will? 

Aber nein, alle Interpretationen gehen ins Leere. Es handelt sich hier um einen echten Vogel, er sitzt herum, kann betrachtet werden, legt aber auf gesteigerte Deutungswut keinerlei Wert. Verwunderlich ist nur, dass er es aushält, so mitten im Trubel der Eröffnungstage, mit all den professionell überreizten und ganz unbedingt wichtigsten Menschen der Kunstwelt.