Deutschland und Europa können sich viel leichter aus der militärischen Abhängigkeit von den USA lösen als vielfach befürchtet. Zu diesem Schluss kommt eine Gruppe namhafter Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft, darunter der Kieler Ökonom Moritz Schularick. Eigenständige europäische konventionelle Abschreckung und Verteidigung seien „keine Frage der Kosten oder der technologischen Fähigkeiten, sie sind eine Frage der politischen Priorisierung und Führung“, heißt es im Papier unter dem Namen Sparta 2.0.
Die nötigen Ausgaben für den Aufbau einer souveränen Verteidigung ohne Hilfe von Donald Trump und seiner USA beziffern die Experten auf 150 bis 200 Milliarden Euro bis 2030, über ein Jahrzehnt hinweg auf rund 500 Milliarden.
Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft.
Foto: Frank Molter/dpa
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Volkswirtschaftsprofessor Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, sieht im Aufbau einer rein europäischen Militärmacht die Chance auf erheblichen ökonomischen Mehrwert: „Verteidigungsinvestitionen in Hochtechnologie bedeuteten zugleich Technologiepolitik mit Sicherheitsrendite.“ Jeder Euro, der in Software, KI und Raumfahrt fließe, könne einen wirtschaftlichen Multiplikator von bis zu 1,5 erzeugen.
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Die Politik mahnt der Kieler Forscher zu entschlossenem Handeln: „Europa kann sich diese Investitionen nicht nur leisten, es kann es sich nicht leisten, sie nicht zu tätigen.“ Andernfalls würde erneut viel Geld für Verteidigung ins Ausland fließen und nicht in Technologiefelder, die Europas industrielle Basis für die nächsten Jahrzehnte prägen könnten. Mitautoren von Sparta 2.0 sind Ex-Airbus-Chef Thomas Enders, die Unternehmerin Jeannette zu Fürstenberg, Verteidigungsexperte Nico Lange sowie der frühere Chef der Telekom, René Obermann.
Kritik: Europa hat 15 verschiedene Kampfjet-Typen
Die Studie kritisiert, dass Europas Staaten in Sachen Verteidigung bislang weitgehend ihr eigenes Süppchen kochen. Es gebe 14 verschiedene Panzertypen, 15 verschiedene Kampfjets und unterschiedliche Kommandosysteme. „Diese Fragmentierung vernichtet Skaleneffekte: Europa erzielt laut einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik 30 bis 40 Prozent weniger Fähigkeiten pro investiertem Euro als ein konsolidierter Staat.“
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Sehr konkret benennen die Experten zehn strategische „Fähigkeitslücken“, die Europa zügig schließen müsse. Dazu gehören die Bereiche Massenproduktion von Drohnen, Luftabwehr, Kampfflugzeuge sowie ein europäischer Zugang zum All. Teuerster Einzelposten in den zehn abgeleiteten Handlungsfeldern ist die Entwicklung einer sechsten Generation von Kampfjets, deren Gesamtkosten laut Studie bei mindestens 200 Milliarden Euro liegen.
Militärmacht Sparta als Vorbild für Europa
Dennoch: Am Geld dürfe die militärische Souveränität nicht scheitern, schreiben Schularick und seine Kollegen in Sparta 2.0: „Europa hat die finanziellen Mittel, die industrielle Basis und die technologische Kompetenz, um seine strategischen Abhängigkeiten zu überwinden. Der entscheidende Engpass ist weder Geld noch Technologie – es ist der politische Wille zur Koordination, zur Priorisierung und zum Bruch mit jahrzehntelanger Fragmentierung.“
Der Name des Papiers ist offenkundig Programm: Das Staatswesen Sparta war zeitweise die stärkste Militärmacht im antiken Griechenland und hatte im 5. Jahrhundert v. Chr. entscheidenden Anteil daran, den Krieg gegen die Perser zu gewinnen.