Für einen angesehenen Wissenschaftler ist es eine Katastrophe, wenn es ein Strafverfahren wegen „Missbrauchs von Titeln“ gegen ihn gibt. Denken die meisten doch, da hat jemand einen Doktortitel benutzt, den er gar nicht hat.
Der bundesweit aus Presse und Fernsehen bekannte Augsburger Generationenforscher Rüdiger Maas war mit solch einem Strafverfahren konfrontiert. Er hat es jetzt ohne juristische Folgen überstanden. Es ging auch nicht um einen nie erworbenen Doktortitel. Und doch hat Maas die vermutlich schlimmsten Monate seiner Berufslaufbahn hinter sich.
Die Augsburger Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen Maas (47) eingestellt. Dies bestätigt der Sprecher der Behörde, Andreas Dobler. Es ging um die Frage, ob der selbst ernannte „Generationenversteher“ seinen an der bulgarischen Universität Sofia erworbenen Doktortitel ohne den Zusatz „Univ. (Sofia)“ führen darf. Dass Maas dies getan hat, ist unstrittig. Und doch gab es im Verfahren einige Irrungen und Wirrungen.
Die Staatsanwaltschaft war nach einer Anzeige im Sommer 2025 der Ansicht, Maas hätte den Zusatz immer dazuschreiben müssen und beantragte einen Strafbefehl mit einer Geldstrafe über 60 Tagessätze zu je 120 Euro. Das Amtsgericht Augsburg erließ den Strafbefehl. Die Entscheidung wurde zu Anfang dieses Jahres sogar rechtskräftig, wie Recherchen unserer Redaktion ergaben. Erst nachdem Maas und sein Verteidiger eine „Wiedereinsetzung“ beantragt hatten, wurde das Verfahren neu aufgerollt. Mit einem überraschenden Ergebnis.
Die Augsburger Justiz hat ihren rechtlichen Fehler korrigiert
Offenbar hatte der zuständige Staatsanwalt die falsche Rechtsgrundlage als Basis für seine Entscheidung hergenommen beziehungsweise einen Beschluss der Kultusministerkonferenz übersehen, wonach Doktorgrade aus EU-Staaten ohne Zusatz verwendet werden können. Nach einem Gutachten der Hamburger Medienrechtskanzlei Graef hat die Justiz die Fehleinschätzung nun konsequenterweise korrigiert. Maas darf sich „Dr. Rüdiger Maas“ nennen und dabei die in strengen Fachkreisen oft mit Argwohn betrachtete Herkunft seines Titels aus der bulgarischen Hauptstadt weglassen. Ein öffentlicher Prozess wurde in letzter Minute abgeblasen. Volle juristische Rehabilitation also, es könnte für Maas alles wieder gut sein. Dass dem jedoch nicht so ist, liegt an einer anderen Geschichte.
Parallel zum Strafverfahren haben der selbst ernannte „Plagiatsjäger“ Stefan Weber und die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit den Augsburger Generationenforscher ins Visier genommen. Weber hatte Plagiatsvorwürfe unter anderem gegen die ehemaligen Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck erhoben und ist selbst mittlerweile politisch rechts zu verorten. Er nutzte seine Vorwürfe gegen Maas zugleich für einen Angriff auf die „Systemmedien“ und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die Maas angeblich blind vertraut haben – obwohl er, so Weber, seinen akademischen Lebenslauf geschönt habe. AfD-nahe Kreise griffen die Kritik gierig auf, Maas selbst sprach von einer „rechten Kampagne“, die im Zusammenhang mit seinem demnächst erscheinenden neuen Buch „Generation rechts“ stehe. Das könnte man als plausible Erklärung durchgehen lassen. Wenn da nicht tatsächlich mehrere Ungenauigkeiten gewesen wären.
Der bekannte und umstrittene „Plagiatsjäger“ Stefan Weber beschuldigt Maas ebenfalls
Maas bezeichnete sich beispielsweise auf seiner Homepage als „promovierter Psychologe“, was den Eindruck erwecken könnte, er habe im Fach Psychologie promoviert. Ganz korrekt wäre gewesen: Er ist promoviert (nämlich in „Organisation and Management of Information Processes“) und Psychologe. Nimmt man es ganz streng, ist Maas auch nicht Diplom-Psychologe, wie er sich teils nannte, sondern Diplom-Rehabilitationspsychologe (FH) mit einem Abschluss an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Ein weiterer Streitpunkt war zunächst, ob Maas angeben darf, einer psychotherapeutischen Tätigkeit nachzugehen. Plagiatsforscher Weber hatte herausgefunden, dass Maas kein Mitglied der Psychotherapeutenkammer Bayern ist. Maas sagt, er sei zugelassener Heilpraktiker (Psychotherapie) und habe vom Landratsamt Unterallgäu die Erlaubnis für diese Tätigkeit im Jahr 2010 erhalten.

Icon vergrößern
Rüdiger Maas (Mitte) mit seinem Bruder Hartwin Maas (rechts) und Schulpädagogik-Professor Klaus Zierer bei der Vorstellung der Jugendtrendstudie 2026.
Foto: Annette Zoepf
Schließen
Icon Schließen
Icon vergrößern
Icon verkleinern
Icon Pfeil bewegen
Rüdiger Maas (Mitte) mit seinem Bruder Hartwin Maas (rechts) und Schulpädagogik-Professor Klaus Zierer bei der Vorstellung der Jugendtrendstudie 2026.
Foto: Annette Zoepf
Man kann all dies als Schlamperei oder Ungenauigkeit abtun, man kann es aber auch anders sehen. Rüdiger Maas hat aus dem Trendthema Generationenforschung und seinem Institut ein erfolgreiches Geschäftsmodell aufgebaut, er bietet Seminare, Vorträge und Studien an. Seine Liste an Referenzen ist lang und prominent. Maas spricht in verständlichen Sätzen, vereinfacht manchmal zugunsten einer klaren These. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Wissenschaftlern und hat ihn zu einem beliebten Gesprächspartner für Talkformate und Medien gemacht. Unsere Zeitung hat ihn ebenfalls immer wieder als Experten befragt und über seine Arbeit berichtet.
Den Doktortitel hat Rüdiger Maas an einer Universität in Bulgarien erhalten
Dieser Ruf als „Generationenversteher“ und damit auch das Geschäftsmodell ist unter Druck geraten. Maas selbst hat in einem Post im sozialen Netzwerk LinkedIn vor gut zwei Wochen eingeräumt, dass er bei seiner Selbstdarstellung von Anfang an präziser hätte sein müssen. Dass er die genauen Angaben in seiner Außendarstellung nicht deutlich genug gemacht hat, sei „falsch“ gewesen. Er habe seine Profile und seine Website entsprechend korrigiert. Am Ende macht Maas aber klar: „Meine Arbeit für ein besseres Verständnis zwischen den Generationen setze ich natürlich fort.“
Auf einen bekannten Kollegen wird Maas als Mitstreiter künftig verzichten müssen. Der renommierte Augsburger Schulpädagogik-Professor Klaus Zierer will nicht mehr mit Maas zusammenarbeiten. Er hatte jüngst noch an dessen „Jugendtrendstudie 2026“ mitgewirkt, im Vertrauen auf die Seriosität des Kollegen, wie er betont. Für den Erziehungswissenschaftler spielt es sehr wohl eine Rolle, wo und in welchem Fach ein Kollege studiert oder promoviert hat. „Das ist schon gravierend. Wer da schummelt, hat sich für mich auch für anderes disqualifiziert“, sagt Zierer. Er fühlt sich von Maas getäuscht, jener habe seinen Namen „in gewissem Sinne missbraucht“.