Die Hände hat Pia Stieler, ganz in Schwarz gekleidet, vor dem Kopf zu Fäusten geballt. Tief atmet sie ein, bevor ihr rechter Arm mit einem kraftvollen Kick nach vorne schnellt, und danach wieder zurück. Geräuschvoll pustet sie dabei in die kühle Luft, die den Hauch ihres Atems sichtbar macht.
An diesem Abend sind im Rheinpark Golzheim nur wenige Spaziergänger und Jogger unterwegs. Der Rasen ist nass und rutschig, das Rauschen der Autos auf der angrenzenden Theodor-Heuss-Brücke vermischt sich mit den Songs von Black Sabbath oder Linkin Park aus der Musikbox, die Stieler unter einen Ahornbaum gestellt hat. Der Rheinturm, der zunächst noch am anderen Ende des Parks zu sehen ist, verschwindet nach und nach hinter einer dichten Nebelwand, obwohl Mai ist und nicht November.
Doch das Wetter hält Stieler nicht von ihrem Kurs ab, den sie ab sofort jeden Mittwochabend bei „Sport im Park“ anbietet. „Fitness-Kickboxen“ heißt ihr Angebot, und an diesem ersten, verregneten Tag der neuen Saison sind immerhin vier Teilnehmer dabei. Sie trainieren gemeinsam, kostenlos und draußen – das ist seit 2015 die Idee von „Sport im Park“ in Düsseldorf.
Die Trainer Das Besondere für sie: „Man weiß nie, was passiert und wer kommt“, sagt Pia Stieler. Aber alleine sei sie nie geblieben, egal wie schlecht das Wetter sei. Mit Schlag- und Tritttechniken ohne Körperkontakt verbessere „ihre“ Sportart Ausdauer, Kraft und Koordination – und eigne sich ideal für den Stressabbau, wie es von der Stadt heißt. Für Stieler ist das Training aber so viel mehr – nämlich der Schlüssel zu mehr Sicherheit im Alltag.
Die 38-Jährige ist hauptberuflich Zollbeamtin und dort mittlerweile in der Verwaltung tätig. Selbstverteidigung spiele in dem Beruf eine wichtige Rolle, ähnlich wie für Polizisten, sagt die Düsseldorferin. Sportlich sei sie außerdem immer schon gewesen. Und tanzbegeistert: Im Alter von fünf Jahren habe sie mit klassischem Ballettunterricht angefangen und sei 16 Jahre lang dabeigeblieben. Vor mehr als zehn Jahren habe sie dann das israelische Selbstverteidigungssystem „Krav Maga“ (deutsch: „Kontaktkampf“) für sich entdeckt. Es beruht auf intuitiven Bewegungsabläufen, schult Schlag- und Tritttechniken – ebenso wie das Kickboxen – sowie natürliche Reflexe. Das Ziel: auf mögliche Angriffe und Attacken reagieren zu können.
Zum Glück sei sie selbst nie in eine Situation gekommen, wo das notwendig gewesen wäre, erzählt Stieler. „Aber ich war als Kind und auch als Jugendliche sehr schüchtern. Krav Maga hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben“, erzählt sie. „Es ist meine Leidenschaft geworden, mein Thema.“ Im Laufe der Jahre hat sie sich deshalb nebenberuflich zur professionellen Trainerin ausbilden lassen.
Auf die Idee zu „Sport im Park“ habe sie im vergangenen Jahr eine Freundin gebracht. Mittlerweile ist es die dritte Saison für Stieler, in der sie nun erstmals Kickboxen anbiete – einfach weil dort der Fitnessfaktor im Vordergrund stehe und sie damit noch mehr Menschen erreichen könne. Aktuell ist sie eine von mehr als 30 Trainerinnen und Trainern beim Outdoor-Angebot.
Die Teilnehmer Schon als es draußen noch deutlich kälter war, legten einige Düsseldorfer ihre Matten aus – und trainierten teils in der Dämmerung. „Sport im Park“ gibt es auch in einer Winter-Ausgabe. Dass Anfang Mai nun die weitaus umfangreichere Sommer-Saison gestartet ist, freut Sigrid. Zwei- bis dreimal pro Woche packt sie ihre Tasche, um an dem Angebot teilzunehmen. Und auch Claudia erklärt: „Ich mache meist Zumba und funktionales Training.“ Dabei schaue sie oft spontan, welcher Kurs an welchem Standort gut zu ihr passe. Das hänge auch davon ab, wo sie gerade in Düsseldorf unterwegs sei.
Zu den echten Fans des Programms gehören auch Ludger und Lisa Jung. An einem Samstagnachmittag ist das Paar zur Auftaktveranstaltung von „Sport im Park“ gekommen. Im Rheinpark Golzheim ist zu diesem Termin sogar eine kleine Bühne aufgebaut. Aus Boxen tönt Musik, die Sonne scheint.
Eigentlich ist Ludger Jung leidenschaftlicher Läufer, ihm liegt der Sport unter freiem Himmel. Ein Fitnessstudio habe er deshalb noch nie von innen gesehen, sagt er. Seit zwei Jahren kann er sich aber auch für die Kurse von „Sport im Park“ begeistern. Ihm gefällt zum Beispiel, dass dabei Menschen mit ganz unterschiedlichen Trainingsniveaus zusammenkommen. „Jeder trainiert einfach so, wie er es am besten schafft“, sagt Jung.
Dem stimmt auch die Düsseldorferin Annemarie zu. Sie steuert regelmäßig den Grünzug am Tannenhofweg in Vennhausen an. Am dortigen Wasserspielplatz findet in dieser Saison erneut funktionales Training statt. Dann gehen die Teilnehmer zum Beispiel in tiefe Kniebeugen, stärken ihre Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit. „Man macht das, was man kann“, sagt Annemarie. „Der eine bleibt bei den Übungen auf der Bank sitzen und andere liegen dabei auf dem Boden.“ Sie selbst besucht gerne die Kurse, die vormittags stattfinden.
Die Motivation Die Bewegung an der frischen Luft, die unverbindlichen Termine, das niedrigschwellige und vor allem kostenlose Angebot – es gibt viele gute Gründe, „Sport im Park“ zu mögen. Einer davon ist auch das Gemeinschaftsgefühl. „Wir haben hier schon viele Leute kennengelernt“, sagt Ludger Jung. „Sport im Park ist fantastisch, das ist ein riesiges, gutes Ding.“ Manchmal entstehen aus den Kursen sogar ganz neue Freundschaften.
Dass der Spaß stets im Vordergrund stehe, betont auch Trainerin Janine Uhlenbruck. „Wir vergleichen uns nicht“, erklärt sie. Montags, dienstags und donnerstags lädt die 46-Jährige zum funktionalen Training ein. „Man wird dabei einmal komplett ,durchbewegt‘“, sagt sie.
Das Angebot sei auch für diejenigen toll, die sich ansonsten überwinden müssen, zum Sport zu gehen, so Zumba-Trainerin Fatma Susanne Yildizhan. So sei etwa die Musik zusätzlich motivierend. Die Besucher der Parks, Spaziergänger und Radfahrer seien jedenfalls immer interessiert, wenn die großen Gruppen zum Training zusammenkommen. „Manchmal bleiben Leute stehen, die dann ganz spontan mit uns tanzen“, sagt Kristina Bruchmann, die ebenfalls Zumba-Trainerin ist.
Das Konzept „Sport im Park“ funktioniert ohne Anmeldung, aber mit einem Stundenplan. Die meisten Teilnehmer suchen sich daraus die für sie passenden Kurse und Standorte aus. Das Gesundheits- und Fitnesstraining richtet sich dabei sowohl an jüngere als auch an ältere Menschen, erklärt die Stadt Düsseldorf. Sie organisierte das Programm erstmals 2015 als Pilotprojekt. Seitdem ist es immer weiter gewachsen. Mitmachen kann jeder, unabhängig vom persönlichen Fitnessgrad.
„Mitzubringen sind ein Handtuch, etwas zu trinken und – je nach Angebot – eine Iso- oder Sportmatte“, teilt ein Sprecher der Landeshauptstadt mit. Das Training dauert jeweils rund eine Stunde. Es findet auch bei Regen statt. Nur bei Unwetter müssen die Kurse abgesagt werden.
Das Programm Mehr als 30 Düsseldorfer Park- und Grünanlagen werden in diesem Jahr zu Freiluftstudios. Das Programm verteilt sich dabei über das ganze Stadtgebiet – von Hellerhof bis nach Wittlaer. Im Düsseldorfer Süden bietet zum Beispiel Stefan Schmidt ein funktionales Training an. Bei gutem Wetter kommen am Dienstagabend schon mal rund 90 Sportlerinnen und Sportler in den Schlosspark Benrath. „Es freut mich, dass immer mehr Menschen dabei sind“, sagt er. Der Trainer beobachtet, dass viele Teilnehmer im Laufe der Saison sportliche Fortschritte machen.
Besonders beliebt ist zum Beispiel der Yoga-Fitness-Kurs, der montagabends im Hofgarten stattfindet. Dann dehnen sich in dem zentralen Düsseldorfer Park mitunter bis zu 400 Menschen zeitgleich, bewegen sich bei Übungen, die Yoga und Fitness kombinieren. „Diese Energie ist einfach unbeschreiblich“, sagt Saskia Bredemeier. „Das muss man selbst erlebt haben.“ Die Düsseldorferin ist nicht nur Teilnehmerin, sondern auch Trainerin bei „Sport im Park“. Mittwochs lädt sie zum Yoga in den Schlosspark Eller ein.
Neu dabei ist in diesem Jahr außerdem der Kurs „Yogilates“, eine Mischung aus der ganzheitlichen, indisch-stämmigen Sportart sowie Pilates. Erstmals zum Sommer-Programm gehören auch „Salsa Vibes“ am Landtag, „Latin Dance Fitness“ an der Klemensbrücke in Kaiserswerth oder „Kung Fu easy“. Als neuer Standort wurde der Sonnenpark in Oberbilk aufgenommen. Freitags ab 18 Uhr können die Düsseldorfer dort zum Yoga-Fitness-Angebot vorbeikommen.
Die Organisatoren Hinter den Kulissen braucht es ein Team, das das Programm koordiniert. Mustafa Al-Azzawi hat in den vergangenen Monaten viel telefoniert. Er hat mit Trainerinnen und Trainern gesprochen, die Rückmeldungen der Teilnehmer ausgewertet und vor allem den Stundenplan erarbeitet. Seit sechs Jahren ist der 32-Jährige im Sportamt für die Organisation von „Sport im Park“ zuständig. „Ich brenne dafür“, sagt er über das städtische Angebot.
Zwar ist er stolz auf die mehr als 39.000 Teilnehmer aus dem vergangenen Sommer. Wichtig sei ihm aber weniger die Anzahl an Menschen, sondern vielmehr, dass die Qualität des Programms stimmt. Dafür findet immer wieder eine Evaluation zu „Sport im Park“ statt. Weil Düsseldorfer im vergangenen Jahr zum Beispiel anmerkten, dass die Schritte beim Zumba doch recht schnell gewesen seien, gibt es nun einen Anfänger-Kurs. „Und beim Yoga auf der Ballonwiese gab es Beschwerden über den Gänsekot“, so Al-Azzawi. Deshalb wandert das Angebot 2026 in den Sonnenpark.
Überhaupt sind die Parks dann als Standorte geeignet, wenn sie gut erreichbar, sauber und geschützt sind. „Die Anwohner dürfen sich außerdem nicht durch Lärm belästigt fühlen“, sagt Ingrid Pohle. Sie gehört seit knapp einem halben Jahr zum „Sport im Park“-Team. Gemeinsam mit Al-Azzawi und den Trainern arbeitet sie daran, dass das Angebot möglichst viele Düsseldorfer anspricht – und die Parks für eine Stunde zu Freiluftstudios werden.