Die große Militärparade in Moskau zum Gedenken an das Weltkriegsende kann der russische Präsident Wladimir Putin nun doch ungestört abhalten. Aber vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj musste sich Putin bitteren Spott gefallen lassen, nachdem die dreitägige Waffenruhe zwischen der Ukraine und Russland angekündigt worden war: Selenskyj erteilte per Dekret seine „Erlaubnis“ für die Militärparade. „Ich ordne hiermit an, die Abhaltung einer Parade in der Stadt Moskau am 9. Mai 2026 zu gestatten“, erklärte Selenskyj.
Die Ukraine werde keine Waffen auf den Roten Platz richten. Das genau war die Sorge im Kreml gewesen – nach einer Serie von schweren ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffen auf Ziele in Russland hatte Putin offenkundig gefürchtet, dass auch die Parade zum Ziel ukrainischer Attacken werden könnte.
Es ist eine neue Lage, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgt: Dass Putins Militärparade überhaupt in Gefahr geraten war, ist unverkennbar ein Schwächezeichen für die Führung in Moskau: Wie Selenskyj sich lustig macht über die russische Sorge, „dass Drohnen über den Roten Platz fliegen könnten“, ist eine Schmach für den Kreml. Jetzt ist offensichtlich: Es läuft gerade nicht gut für Russland im Ukraine-Krieg. Schon beschwören Beobachter ein „Ukraine-Wunder“, als würde sich das Blatt zugunsten der Ukraine wenden. Was ist passiert? Wie stark ist die Ukraine jetzt wirklich, wie schwach ist Russland?
Ukraine-Krieg: Russland spürt zunehmend Kriegsbelastung
Klar ist: Die russischen Vorstöße in der Ost-Ukraine sind zum Erliegen gekommen, stattdessen ist die Führung in Kiew durch neue Fortschritte vor allem in der Drohnentechnologie zu gefährlichen Angriffen übergegangen – immer mehr auch im russischen Hinterland und eben auch in Moskau. „Die Ukraine hat Putins Krieg nach Russland zurückgetragen“, analysieren Militärexperten des unabhängigen US-Instituts für Kriegsstudien (ISW). „Nach vier Jahren Krieg spüren die Russen zunehmend die Belastung durch die Kriegsanstrengung.“ Unter Druck verschärfe der Kreml seine Zensur und die Nutzung mobiler Daten. Ausgerechnet ultranationalistische Militärblogger, die Putins wichtigste Wählerschaft erreichen, kritisieren jetzt den Kreml und den Präsidenten persönlich für Realitätsverlust.
Die Ereignisse der letzten Tage sprechen für sich: Ein ukrainischer Drohnenangriff setzt eine Ölraffinerie südöstlich von St. Petersburg, eine der drei größten Anlagen Russlands, in Brand und außer Betrieb. Mit sechs Flamingo-Raketen aus ukrainischer Produktion wird eine Fabrik bei Tscheboksary östlich von Moskau, die Antennen für die Satellitennavigation und Elemente für Langstreckenraketen herstellt, attackiert. Wegen Drohnen müssen Flughäfen in 15 Städten gleichzeitig geschlossen werden, selbst in Westsibirien, 2000 Kilometer von der Ukraine entfernt, wird Luftalarm ausgelöst. Am Freitag meldet der Moskauer Bürgermeister, in der Nacht seien 26 Drohnenangriffe auf seine Stadt abgefangen worden, während eine wichtige Ölraffinerie in Jaroslawl nördlich von Moskau durch eine Attacke in Brand gerät.

Podcast-Folge
Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Stimmen von Widerstand und Frustration
Im Krisenmodus
Die Ukraine hat gezielt die russische Luftabwehr geschwächt
Schon zuvor war eine Ölraffinerie in der Region Krasnodar und das für die Sprengstoffproduktion wichtige Swerdlowsk-Werk in der Oblast Nischni Nowgorod getroffen worden. Beschädigt sind auch die russischen Ostseehäfen Ost-Luga und Primorsk. Der Raketenexperte Fabian Hoffmann, der an der Uni Oslo forscht, bilanziert, die russischen Ölexporte seien durch die ukrainischen Angriffe im März zeitweise um über 40 Prozent zurückgegangen, die Raffineriekapazität dürfte um etwa 20 Prozent gesunken sein. Erklärtes Ziel Kiews ist es, Russlands Erlöse aus dem Ölexport zu senken.
Möglich wurde das, weil Selenskyj Ende 2024 konventionelle Langstreckendrohnen und Mini-Marschflugkörper zur Hauptpriorität in der ukrainischen Rüstungspolitik erklärt hatte. Die Produktion habe bis Anfang 2026 die kritische Masse erreicht, erläutert Hoffmann. Zugleich habe die Ukraine im Sommer 2025 eine äußerst effektive Kampagne zur Schwächung der russischen Luftabwehr begonnen; zu den über 200 getroffenen Zielen zählten Abschusseinheiten, Radaranlagen und elektronische Kriegsführungssysteme. Die Luftabwehr ist jetzt offenbar damit überfordert, die weit im Land verstreuten sensiblen Ziele des Militärs, der Rüstungsindustrie und der Ölproduktion zu schützen. Das Problem werde dadurch verschärft, dass große Kapazitäten für einen dichten Luft- und Raketenabwehrring um Moskau gebunden sind, wie Hoffmann sagt – „vermutlich aus Sorge davor, die Realitäten des Krieges näher an die Haustür des Regimes zu bringen“.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.

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Gleichzeitig hat die ukrainische Armee die Intensität der Angriffe hinter der Frontlinie, in Entfernungen von 30 bis 200 Kilometern, deutlich erhöhen können. Sie zielen auf russische Radaranlagen, Munitionslager und Treibstoffdepots. Nachschubwege sind gestört, auch Truppenbewegungen werden schwieriger. Das Tempo der russischen Geländegewinne nimmt seit Monaten ab, im April mussten Putins Soldaten sogar 115 Quadratkilometer wieder aufgeben. Grund ist offenbar auch, dass das russische Militär in den besetzten Gebieten nicht mehr die Daten der Starlink-Satelliten nutzen kann.
Die Verluste unter den russischen Truppen sind unverändert hoch, insgesamt sind nach Schätzungen der ukrainischen Armeeführung und westlicher Geheimdienste etwa 1,3 Millionen Soldaten verwundet oder gefallen. Das Militär hat Mühe, die Lücken zu schließen – die Rekrutierungsziele wurden im vierten Monat in Folge nicht erreicht. In Kiew keimt schon die Hoffnung, Russland könne Ende des Jahres so geschwächt sein, dass es sich zum Waffenstillstand gezwungen sehe. Doch wahrscheinlich ist das nicht. Westliche Experten wie der Militäranalyst Franz-Stefan Gady warnen vielmehr, die jüngsten Erfolge der Ukraine dürften nicht überschätzt werden.
Russland bleibt im Ukraine-Krieg in der Offensive
Denn den Krieg führt Russland trotz der Rückschläge weiter: Moskau bleibt in der Offensive, auch wenn es damit immer weniger erreicht. Hauptziel ist Analysten zufolge die Region um Charkiw, zu der die Russen so weit vorrücken wollen, dass sie die Stadt mit Artillerie erreichen können. Parallel versuchen sie, das Gebiet Donezk vollständig einzunehmen; etwa ein Fünftel des Territoriums fehlt ihnen noch. Im Süden der Region sollen die Großstädte Kramatorsk und Slowjansk offenbar umzingelt werden, um von dort weiter nach Westen vorzurücken.

Eine Straße in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk nach einem russischen Raketenangriff.
© AFP | Iryna Rybakova
Weil der Drohnenkrieg große Bewegungen auf dem Gefechtsfeld unmöglich macht, sind russische Angreifer teilweise nur in Zweierteams auf Motorrädern unterwegs und versuchen, unterstützt von Drohnen, ins Hinterland einzusickern. „Im Wesentlichen basiert diese Infiltrationstaktik auf dem Verlust von Menschen als letzter Ressource“, sagt der Militärexperte Gustav Gressel. Russland verfolge nach wie vor eine Zermürbungstaktik und setze dabei so viel Munition wie möglich ein: Es produziere 100.000 Langstreckendrohnen und 3000 konventionelle Marschflugkörper im Jahr – da störe es nicht, wenn der Großteil abgeschossen werde.
Russland intensiviert Raketen- und Drohnenangriffe auf die Ukraine
Im April feuerten Putins Streitkräfte fast 7000 Drohnen und Raketen auf die Ukraine ab, ein neuer Rekord. „Russland entwickelt seine Angriffstaktiken kontinuierlich weiter, um maximalen Schaden anzurichten, der die Zivilbevölkerung unverhältnismäßig trifft“, erläutern die ISW-Analysten vom US-Institut für Kriegsstudien. Erwartet wird, dass die Russen nach einer Umgruppierung eine Frühjahrsoffensive starten, sobald die Schlammperiode, die berüchtigte „Rasputiza“, vorüber ist. Putin glaubt offenbar weiter, mit seiner Abnutzungsstrategie am längeren Hebel zu sitzen und bald als Minimalziel wenigstens den Donbass kontrollieren zu können. Denn trotz aller Erfolge: Die ukrainischen Streitkräfte sind ermüdet, es fehlt an Soldaten, die Kämpfer an der Front sind ohne Pause viel zu lange im Einsatz.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Die Frage ist jetzt, wie lange die Ukraine ihren technologischen Vorsprung halten kann. Die russischen Streitkräfte sind anpassungsfähig. Früher oder später, das hat der Krieg gezeigt, werden sie technisch wieder aufholen. Aber diesmal könne die Ukraine zumindest hoffen, dass ihr Vorsprung länger als ein paar Monate dauere, meint Gressel. Den Krieg entscheiden wird das nicht. Die Drohnen auf beiden Seiten sorgen aber dafür, dass offensive Manöver mit größeren Durchbrüchen kaum noch möglich sind, weil die Soldaten sofort entdeckt und getötet würden, sagt der frühere ukrainische Oberbefehlshaber Waleri Saluschnyj. Der Krieg, meint der Ex-General, stecke in der Sackgasse.