
Am Freitag am sowjetischen Ehrenmal
Foto: dpa/Annette Riedl
Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, kommen immer viele Menschen zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park, um dort Blumen für die im Kampf um Berlin gefallenen Soldaten abzulegen. Fast 5200 Soldaten sind hier beigesetzt worden. Aber um 10.30 Uhr herrscht noch wenig Betrieb auf der weitläufigen Anlage. Ein Polizist weist seine Kollegen am Eingang ein, worauf sie zu achten haben. Russische und sowjetische Fahnen beispielsweise sind heute und morgen verboten wie jedes Jahr, seit 2022 der Krieg zwischen Russland und der Ukraine offen ausgebrochen ist. Aber es werden erst einmal keine Taschen kontrolliert, ob jemand solche Fahnen dabei hat.
Rund um die Skulptur »Mutter Heimat« werden die ersten Stände aufgebaut. Damit fertig ist um diese noch frühe Zeit nur die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). Sie sammelt bereits Unterschriften. Die DKP will mit einer eigenen Liste bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September antreten. Ihr Spitzenkandidat soll der Journalist Arnold Schölzel sein. Der mittlerweile 78-Jährige war mal Chefredakteur der Tageszeitung »Junge Welt«. Damit seine Partei wirklich antreten darf, benötigt sie 2200 Unterschriften. Weitere 185 Unterschriften von Wahlberechtigten braucht es für eine Liste der DKP für die Bezirksverordnetenversammlung von Treptow-Köpenick, dem einzigen der zwölf Berliner Bezirke, in dem die Partei auch auf dieser Ebene antreten möchte. Hier am Treptower Ehrenmal ist am 8. Mai eine gute Gelegenheit, mögliche Unterstützer auf eine Unterschrift anzusprechen. Gut zwei Drittel der erforderlichen 2200 Unterschriften seien bereits beisammen, heißt es.
»Ewiger Ruhm den Kämpfern der Sowjetunion, die ihr Leben hingegeben haben im Kampf für die Befreiung der Menschheit von der faschistischen Knechtschaft.«
Inschrift am sowjetischen Ehrenmal
Unter einer russischen Inschrift des Ehrenmals steht eine Gruppe Polizistinnen mit zwei älteren Herrschaften beieinander. Gemeinsam versuchen diejenigen, die aus der DDR stammen und Russischunterricht hatten, die Inschrift zu entziffern. Gemeinsam findet die Gruppe heraus, dass da etwas von ewiger Ruhm und Menschheit steht. Die deutsche Übersetzung auf der anderen Seite zeigt ihnen, dass sie ungefähr richtig lagen. »Ewiger Ruhm den Kämpfern der Sowjetunion, die ihr Leben hingegeben haben im Kampf für die Befreiung der Menschheit von der faschistischen Knechtschaft.« Nur den russischen Begriff für Knechtschaft hatte niemand gewusst.
Die Polizistinnen sind entspannt. Am 8. Mai gebe es erfahrungsgemäß keine Probleme, sagt eine. Eher am 9. Mai, dem in Russland gefeierten Tag des Sieges über die deutschen Faschisten. Dann kommen wie in der alten Heimat viele in Berlin und Brandenburg lebende Russen mit ihren Familien. Wenn sie dann hier einige Deutsche sehen, die demonstrativ ukrainische Fahnen und die Nato-Flagge zeigen, kommt es zu Wortgefechten.
Ein kleines bisschen ist das diesmal auch schon am 8. Mai so. An der Treppe, die zu der riesigen Figur eines sowjetischen Soldaten mit einem Kind auf dem Arm hinaufführt, hat sich Rainer Sonnenberger mit ein paar Pappschildern postiert. Darauf steht zum Beispiel »Ruhm der Ukraine« oder das Friedrich-Schiller-Zitat »Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt«. Auch eine comic-ähnliche Darstellung des jungen Sängers Shaman hat Sonnenberger dabei. In den Sprechblasen steht »Я русский« (Ich bin Russe). Es ist der Titel eines bekannten Shaman-Popsongs mit seichter Melodie und scharf nationalistischem Text, in dem es unter anderem heißt: »Ich bin Russe, ich gehe bis zum Schluss« und »Ich bin Russe, ich habe Glück«. Shaman singt sein Lied für eine Jugend, die in den Ukraine-Krieg geschickt wird. Sein eigenes Leben an der Front riskieren muss Shaman nicht.
In Anspielung auf den Liedtext steht auf der letzten Sprechblase von Sonnenbergers Plakat: »А ты? Rуzzкий или русский?« (Und du? Russe oder Russe?) Den Unterschied macht die Schreibweise. Statt zwei cc, die im kyrillischen Alphabet für ein doppeltes S stehen, finden sich zwei lateinsche Z eingefügt. Das Z hat sich zum Symbol für den Krieg Russlands gegen die Ukraine entwickelt und ist deshalb am 8. und 9. Mai am Treptower Ehrenmal in dieser Bedeutung untersagt. Der Rуzzкий befürwortet den Krieg, der Rусский nicht.

Blumen über Blumen überall auf dem Areal, auf dem 5200 gefallene sowjetische Soldaten bestattet sind.
Foto: dpa/Annette Riedl
Einige Russen erregen sich über das Shaman-Plakat. »Это провокация« (Das ist eine Provokation), schimpft einer von ihnen. Es entspinnt sich ein Wortwechsel mit Sonnenberger, bei dem beide Seiten zwischen der deutschen und der russischen Sprache hin und her wechseln. Das habe doch mit der Befreiung vom Faschismus nichts zu tun, wird ihm gesagt. Hier gehe es doch um die 27 Millionen sowjetischen Todesopfer des Zweiten Weltkriegs, der ein Krieg der Deutschen gegen die gesamte Sowjetunion und die ganze Welt gewesen sei. Und wenn jemand mit einer sowjetische Fahne hier wäre, müsse das doch nicht heißen, dass er den Krieg gegen die Ukraine billige.
Sonnenberger sieht das anders und hält dagegen, man müsse aus der Geschichte die richtigen Lehren ziehen und mit der überfallenen Ukraine solidarisch sein. An seiner Seite hat er einen Russen, der sagt, der Kreml benutze den 8. Mai. Es ist auch eine in Sibirien geborene Russin da, die als Kind in die Nähe von Minsk gezogen ist und als Erwachsene in die DDR. Die Rentnerin hat sich in weiß-rot-weißes Tuch gehüllt. Das war die Flagge von Belarus nach der Abspaltung von der Sowjetunion 1991. Im Jahr 1994 griff Belarus unter dem seit damals regierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko wieder auf die alte Flagge der belarussischen Sowjetrepubik zurück. In ihr gibt es zusätzlich ein folkloristisches Muster und einen Streifen Grün. Die ausschließlich weiß-rot-weiße Fahne verwendet nun die belarussische Opposition. Die Seniorin hat den Spitznamen »Frau Fahne« bekommen, weil sie so gekleidet bis 2022 lange vor der belarusischen Botschaft in Berlin gestanden hat. Dort parkte ein zur Sauna umgebauter Bauwagen als alternative Botschaft, bis er dort weg musste.
Weil die Diskussion immer lauter und erregter wird, greifen zwei Polizisten ein. Sie beherrschen die russische Sprache nicht, lassen sich von Sonnenberger das Shaman-Plakat erklären und fotografieren es, damit es von Experten überprüft werden kann. Nach einiger Zeit erhalten sie via Funk eine Rückmeldung. »Wir haben es einmal gecheckt. Es ist alles in Ordnung«, erklärt einer der Polizisten. Sonnenberger habe das demokratische Recht, das Plakat hier zu zeigen. Man werde ein Auge darauf haben, dass es zu keiner Eskalation komme.
Friedlich geht es derweil am anderen Ende des Ehrenmals zu. Dort bereitet sich der Ernst-Busch-Chor auf seinen Auftritt vor. Er wird Antikriegslieder singen wie »Meine Söhne geb’ ich nicht« von Reinhard Mey und »Komm, wir ziehen in den Frieden« von Udo Lindenberg. Danach soll auch noch ein griechischer Chor auftreten, kündigt Ellen Händler von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes an. Die Griechen haben einst besonders unter den Grausamkeiten der Nazis gelitten. Beim Ernst-Busch-Chor singt Brandenburgs frühere Linksfraktionschefin Kerstin Kaiser mit, die in Leningrad studiert hat.