Ich muss zugeben: Erst kürzlich habe ich erfahren, dass es eigentlich verboten ist, zu zweit auf einem E-Scooter zu fahren. Als überzeugter Fahrradfahrer habe ich mich mit den Regeln für die Roller nie ernsthaft beschäftigt. Was ich aber seit Jahren sehe: Menschen, die es trotzdem tun. Meist sind es junge Männer.

Und immer wieder fällt mir dabei etwas auf, das über die bloße Ordnungswidrigkeit hinausgeht. Da ist diese Nähe. Der Hintere hält sich fest – an Schultern, Taille, manchmal an der Hüfte seines Vordermanns am Steuer. Es ist eine praktische Geste, selbstverständlich. Und doch wirkt sie, zumindest für einen Moment, fast wie Zärtlichkeit. Eine Form von Körperkontakt, die man unter Männern im Berliner Alltag sonst kaum je so offen sieht.

Vielleicht ist es genau dieser Roller-Kontext, der es möglich macht. Die Berührung ist funktional begründet: Man hält sich am Kumpel fest, um nicht zu stürzen. Das ist sozial legitimiert, gestützt auf die Gesetze der Gravitation. Zudem suggeriert der Roller-Ritt zu zweit Verwegenheit. Und doch: Für einen kurzen Augenblick entsteht eine körperliche Vertrautheit, die außerhalb solcher Situationen meist vermieden wird – aus Gewohnheit, aus Unsicherheit oder aus Angst vor Zuschreibungen.

Dabei versteht sich Berlin gern als liberal, als offen, obendrein als „Regenbogenhauptstadt“. Und doch bleibt öffentliche Zärtlichkeit zwischen Männern im Alltag auffällig zurückhaltend. Sogar Händchen haltende Homo-Paare in der U-Bahn sind seltener, als man erwarten würde. Von Heteros ganz zu schweigen. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von individuellen Hemmungen bis zu real existierenden Anfeindungen – die tatsächlich auch in Berlin wieder zunehmen.

Der E-Scooter schafft keine neue Freiheit. Zumindest nicht über seinen rollenden halben Quadratmeter hinaus. Aber er öffnet eine kleine fluide Ausnahmezone. Ein Trip, auf dem Nähe nicht weiter erklärt werden muss, weil sie sich „zwangsläufig“ aus der Physik ergibt.

Es gibt Länder, in denen Hetero-Männer Händchen halten

Allerdings ist das kein harter Händedruck, kein sportliches Schulterklopfen. Kein kurzes Umklammern wie beim Jubel nach dem Tor beim Fußball. Sondern ein beständiger Touch, notwendig zwar, aber doch irgendwie intim. Für ein paar Minuten (oder mehr) entsteht eine Art fahrende Zweierfigur, die durch Berlin gleitet. Illegal, physisch riskant – aber sozial doch weitestgehend akzeptiert.

Ja, es gibt Länder, in denen Männer traditionell Händchen halten oder sich mit Küsschen begrüßen – ganz ohne, dass es irgendjemand schwul fände. In Deutschland ist das gemeinhin anders. Aber der rollende Scooter scheint ein sehr spezieller Safe Space zu sein: Hier „dürfen“ sich auch Hetero-Männer angstfrei aneinanderschmiegen, der Schwerkraft sei Dank.

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