Ist es so, dass sich Menschen in der Krise wieder auf Werte besinnen? Galeristen in Güstrow jedenfalls staunen: Kunst wird wieder gern gekauft! Martina Fregin, die kürzlich Zeichnungen und Skulpturen des bekannten Bildhauers Thomas Jastram ausgestellt hatte, freut sich: „Ich habe seine Arbeiten gut verkaufen können.“
Kokette Damen in High Heels
Vor allem die erotischen Motive waren begehrt. Skulpturen und Bilder von koketten Kokotten auf High Heels und in lasziven Posen kamen besonders gut an.
Der in Hamburg lebende Bildhauer stammt aus der bedeutenden Mecklenburger Künstlerfamilie Jastram. Er hatte bereits eine Personalschau in der Güstrower Wollhalle und bis jetzt in der Galerie Martina Fregin in der Hageböcker Straße. „Mir hat die Arbeit mit ihm viel Freude gemacht“, denkt sie zurück.
Seit Sonnabend, 9. Mai, ist bei ihr eine Ausstellung mit dem Künstler Rando Geschewski zu sehen, der in den letzten Monaten in seinem lichten Warnemünder Atelier eigens für diese Schau namens „Mythos“ unermüdlich gearbeitet hat. Der gebürtige Berliner ist ebenfalls Künstler der Galerie im Bahnhof Teterow.
Bilder borgen in der Artothek
Auch Andreas Wittenburg, Betreiber der Galerie und Rahmenwerkstatt „Kunst am Dom“, ist erstaunt. Seine aktuelle Ausstellung „Kunst im Rahmen“ interessiert die Sammler. Vor allem Grafiken verschiedener Künstler hat er mit einem entsprechenden Rahmen ins rechte Licht gerückt – und recht gut verkauft. „Grafiken sind hier momentan sehr gefragt“, meint er.
Wer nicht kaufen mag oder kann, kann aber auch Kunstwerke für einen kleinen Preis bei ihm ausleihen. Andreas Wittenburg betreibt jetzt nämlich auch eine Artothek. Weiterer Vorteil, außer dem finanziellen Aspekt: Man kann immer wieder Neues an die Wand hängen. Und hochwertig ist es dennoch.

Andreas Wittenburg im Atelier bei Otto Sander Tischbein (links) (Foto: Silke Voß)
Andreas Wittenburg bereitet aber schon die nächste Ausstellung vor. „Eine Unterwanderung“ heißt die Schau mit zwei besonderen Künstlern: Otto Sander Tischbein aus Neuenhagen bei Stavenhagen und Knut Bartsch aus Klein Methling bei Gnoien. Dafür fährt Andreas Wittenburg schon mal quer durchs Land gen Osten, um die original Arbeiten in den Ateliers der Künstler in Augenschein zu nehmen.
Erfinder der Mail-Art in der DDR
So war er jüngst bei Otto Sander Tischbein, kurz OST. Der Grafiker beherrscht die Kunst, in seine Motive Erzählerisches zu radieren – also Bildnerisches und Literarisches in einer Kunstform zu vereinen. Der gewitzte Künstler gilt als Erfinder der Mail-Art im Osten. Als im kleinen Land DDR längst nicht alles zu Sagende zu sagen erlaubt war, waren verschlüsselte Botschaften, versteckt in wenigen kunstvollen Strichen, geboten. Wie kaum ein anderer hat Otto Sander dies ironisiert und perfektioniert. Sammler wissen die bis heute politisch inkorrekten Köstlichkeiten auf Briefumschlägen zu schätzen.
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Im Jahr der DDR-Gründung im Anhaltinischen geboren, ist der Künstler 1980 in Mecklenburg zwischen Güstrow und Teterow gelandet und damit auch in einer ihm „unbekannten Sprache“. Seitdem ist er hier beheimatet, umreißt immer mal auch Bauern- und Pferdeköpfe.
Meist war er aber unterwegs, immer wieder 7000 Kilometer bis Portugal und zurück. Zahlreiche Wanderer von unterwegs hat er mit dem Pinsel umrissen und auf hohe, schmale Leinwände gebannt.
Vorbild ist Goethes Zeichner
Unter dem Pseudonym OST (Otto Sander plus Tischbein, nach dem Goethe-Porträtisten Tischbein) kam oft P(ost) von unterwegs. Die Abkürzung kann zugleich als Bekenntnis zur „Ostkunst“ gelten. Er ist insofern Meister eigenwilligen Denkens, des Tiefdrucks und hoher Handwerkskunst.

Otto Sander Tischbein liest eine plattdeutsche Geschichte im Fritz-Reuter-Literaturmuseum Stavenhagen. (Foto: Silke Voß)
In Mecklenburg war er Mentor und ist Freund von Knut Bartsch. Kopfmotive in hochqualitativen Farben sind dessen Markenzeichen. 1965 ist er in Glauchau geboren, hat in Teterow Abitur gemacht, war Philosophiestudent unter qualmenden Köpfen und Künstler in Berlin, experimentierte mit sich überlagernden Formen in nahezu dreidimensional scheinender Brillanz. Feine unikate Schablonendrucke und vielschichtige Glasübermalungen künden subtil von der Synchronizität des Lebens.
Singende Tellermine
Heute bei Gnoien lebend, hat Bartsch hierzulande unter anderem im Rathaus Malchin und in der Klostergalerie Dargun ausgestellt.
Die Ausstellung wird am 6. Juni eröffnet. AnniKa von Trier alias „Die singende Tellermine“ aus Berlin spielt Akkordeon und singt urbane Lieder. Der in Güstrow aufgewachsene Autor Carsten Gansel hält die Laudatio.