Sträter ist ein passionierter Verfechter der deutschen Sprache. (Foto: Christian Menz)

Donnerstagabend. Der große Saal in der Halle Münsterland ist ausverkauft – bis auf zwei Plätze. Das wusste gleich zu Beginn jeder im Saal. „Da fehlen ja zwei, das ist ja ein Affront, wo sind die geblieben? Ja, ich weiß, der Weg zieht sich mit `nem Liegefahrrad…“ begrüßt Sträter sein Münsteraner Publikum und sorgt für den Start eines kollektiven Lachmarathons.

Der 59jährige Komiker hatte erst im April seine Tumor-Erkrankung öffentlich gemacht und seine Auftritte abgesagt. Mit deutlich weniger Kilos steht er nun wieder auf der Bühne. „Ich bin wieder da. Sprechen wir über das Offensichtliche: Sie sind fett geworden!“ Der Gewichtsverlust basiere jedoch nicht auf seiner Diagnose, sondern auf Zuckerverzicht. Seinen gesundheitlichen Zustand kommentiert er mit: „Es geht schon wieder. Wir werden sehen, wie es weitergeht…“ und erntet Genesungswünsche in Form tausender klatschender Hände.

Sein neues Programm trägt den Titel „Mach `mal das große Licht an“. Einer der typischen Sätze, die er als Kind von seiner Mutter hörte. „Aber sie kommt nicht vor in der Show.“ kündigt der redselige Comedian sein Programm an. Spoiler: Das war nicht die Wahrheit. Geschichten über seine Mutter sind der rote Faden – in einem verbalen und gedanklichen Wollknäuel.

Die Show in der Halle Münsterland war ausverkauft (bis auf zwei Plätze). (Foto: Christian Menz)
Smokie als Fashioninspo

Seine Mutter sei ein großer Fan der Band Smokie und insbesondere von Sänger Chris Norman gewesen. Als Siebenjähriger habe er ihr abends vor dem Fernseher Gesellschaft leisten müssen, um unfreiwillig Zeuge von ihrem ekstatischen Fan-Gekreische am Bildschirm zu sein. Chris Norman war für Mutter Sträter die Stilikone schlechthin – zum Bedauern des kleinen Torsten. „Meine Mutter gab mir immer einen Zettel für den Friseur mit, darauf stand: Stufig schneiden. Ich ging oft als Agneta von ABBA wieder `raus.“ Auch die Cordhosen-Saison `71 habe er ihr zuliebe mitgemacht. „Du sahst untenrum aus wie ´ne alte Anrichte und oben guckte ein kleiner Junge `raus:“

Als ihr Sohnemann sich ein Ohrloch stechen lassen sollte, habe er sich vehement geweigert. „Da stanzen einem fachfremde Leute neue Öffnungen in den Körper. Ich will das nicht.“ Die Illusion, sich durchgesetzt zu haben, währte jedoch nicht lange. Unter dem Vorwand, die Armbanduhr reparieren zu lassen, lockte sie ihren Sohn in ein Schmuckgeschäft im Heimatort Waltrop. Wenige Minuten habe sich eine Szene ereignet, die der Comedian als „launige Mischung aus den Bundesjugendspielen und der Serie Squid game“ beschreibt.

Triggerpunkt Sprache

„Ich lebe dafür, zu gucken, wo Bullshit steht.“ gesteht der Kabarettist. Besonders erfolgreiche Entdeckungstouren erlebe er im Supermarkt. „Auf einem Schild stand: Werde Teil unserer Käsefamilie! Also, das ist ja schon `ne ziemliche Umstellung. Du musst Dein bürgerliches Leben, wie Du es kennst, komplett zurücklassen. Und man weiß vorher ja nicht, werde ich gerieben, wer ist der Oberkäse?“ Im EDEKA habe er aufgrund seiner Passion Hausverbot. „Da steht ein Typ in der Gemüse-Abteilung und fragt die Mitarbeiterin `Wo finde ich denn hier Advocados?` Da bin ich dazwischen und hab` ihn angebrüllt `Was soll das denn sein, Gemüse, was sich verklagt, Du Pimmel?“ Nun müsse er sein Porree online bestellen.

„Unsere Sprache macht uns zu Menschen.“ sagt Sträter und beweist in seiner Show, mit welcher Passion er mit Begrifflichkeiten spielt. („Früher dachte ich `zwangsläufig` sei ein mittelalterlicher Begriff für `Nymphomanin.“) Eine für ihn schmerzhafte Entwicklung sei die fehlende Ausformulierung von Sätzen wie „Hast Du Auto?“ Und auf Ein-Wort-Sätze reagiere er grundsätzlich nie. Nur bei „Führerschein.“ oder „Fahrzeugpapiere.“ lasse er ausnahmsweise Fünf gerade sein.

Der Comedian ist deutlich erschlankt durch Zuckerverzicht. (Foto: Christian Menz)
Worum ging es nochmal?

Die Anzahl der Wörter, die Sträter an diesem Abend über die Lippen kommen, dürfte im sechsstelligen Bereich liegen. Er benutzt keine Schachtelsätze, sondern ganze Schachtelgeschichten. Von seinem Vater-Sohn-Besuch im Media Markt Aschaffenburg über den Times Square mit Elton in den Ruhrpott. Der Mann ist der Meister der Meta-Ebenen, ein linguistisches Eichhörnchen. Schwindelerregende Gedankensprünge lassen einen völlig vergessen, welches Thema anfänglich angeschnitten wurde. „Sie müssen schon ein bisschen am Ball bleiben, für mich ist auch spät.“ ermahnt Sträter sein Publikum. Nach seiner krankheitsbedingten Auftrittsabstinenz leide er nun an „Laberdurchfall“. „Man kann aber nicht alle schlechten Witze miteinander verknüpfen. Da kommt man ja gar nicht mehr mit.“ Es ist ja nicht so, als hätte er es nicht versucht in den letzten knapp drei Stunden…

„Danke, dass Sie da waren, was streng genommen nicht stimmt, Sie sind ja noch da. Also danke, dass Sie da gewesen sein werden, wenn Sie erstmal weg sind.“ In der Abreise der ca. 3000 Personen im Saal sehe er aber auch ein persönliches Risiko. „Sie haben hier ja alle irgendwo geparkt. Ich stehe mit meinem Auto hinter der Halle. Und wenn ich mich nicht fünf Minuten vor Ihnen allen verpisse, stehe ich in einem Stau, den ich selbst verursacht habe.“

Gebürtig bin ich vom Niederrhein, aber als ich 2018 zum ersten Mal auf dem Prinzipalmarkt stand, wusste ich sofort, wo mein Herz hingehört. Durch ALLES MÜNSTER darf ich mehr über die Stadt, ihre Menschen und Geschichten erfahren und Euch davon erzählen. Wie schön ist das denn? 🙂