Ist die Lösung am Ende einfach Olympia? Olympia als verbindendes Element, das die Stadt wieder enger zusammenrücken lässt? Olympia als Identitätsstifter? Die Olympischen Spiele in Paris und London als glorreiche Vorbilder?

Diese Hoffnung keimte kurz auf am Donnerstagabend, als sich im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft Vertreterinnen und Vertreter aus Stadtgesellschaft, Kultur und Wissenschaft trafen, um vor Publikum über die Zukunft Berlins zu diskutieren.

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Anlass für diesen Abend war eine Art Kurzmanifest der Stiftung Zukunft Berlin (SZB), mit dem sie sich in Berlins nie endende Sinnsuche einschalten will. Ein „Weckruf für ein Zukunftsbild“. Vermutlich fühlt man sich nicht zufällig an Roman Herzogs Ausruf erinnert – nur eben für Berlin: Durch Berlin muss ein Ruck gehen!

Die Diskussion begann sachte, von Ruck noch wenig zu spüren, aber es kristallisierte sich schnell die Frage heraus, die den Abend dominieren würde: Kann Berlin mehr „Wir“?

„Weckruf“

Berlin verzettelt sich – und steht sich damit selbst im Weg. Das fand die Stiftung Zukunft Berlin (SZB) und formulierte in einem „Weckruf“ ein „Zukunftsbild“, das die Stadt wieder voranbringen soll. Das 11-seitige Papier findet sich hier.

Richard Meng, Journalist, ehemaliger Pressesprecher des Berliner Senats und mittlerweile Vorstandsmitglied der Stiftung Zukunft Berlin, brachte das Problem aus seiner Sicht zu Beginn wie folgt auf den Punkt: „Im Berliner Abgeordnetenhaus gibt es zu wenige richtige Landespolitiker, sondern nur Bezirkspolitiker.“ Es müsse mehr über das Ganze nachgedacht werden, weniger in Kiez- und Bezirksgrenzen. Es gebe einfach zu wenige „Gesamtberliner“. Aber wie kommen wir dahin?

In drei Panels wurde um Lösungen gerungen. Auf einem schlug der ehemalige Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Ulrich Khuon, kurz entschlossen eine Art Supersenat vor, der sich um Kultur, Bildung und Wissenschaft zusammen kümmern solle, damit wenigstens politisch die Fäden zusammengezogen werden. Bei den bisherigen Senatorinnen und Senatoren dieser Ressorts habe er den Eindruck, dass ihnen ihre Ressorts relativ egal seien. „Und wir merken, wenn es euch egal ist!“, macht er deutlich.

Ob er sich selbst einen Senatorenposten vorstellen könne, fragte ihn dann auch Moderator und Herausgeber des Tagesspiegels Lorenz Maroldt. Ob Khuon da tatsächlich nickte, bleibt jedoch der Interpretation der Anwesenden überlassen.

Vermisst werden große Debatten in der Stadt

Bleibt die Suche nach dem „Wir“: Jetzt also Olympia? Auch das Publikum hat Zweifel. Er sei zwar grundsätzlich „pro Olympia“, merkt ein Zuschauer besorgt an, aber: „Es wird so stark gegen Olympia mobilisiert, das kann eine enorme Sprengkraft haben.“

Es gibt keine wirklich stadtgesellschaftlichen Debatten mehr, die Räume dafür fehlen einfach.

Franziska Eichstädt-Bohlig, Ex-Grünen-Politikerin

Die ehemalige Grünen-Politikerin und Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus Franziska Eichstädt-Bohlig beklagt im Kontext von Olympia eine zunehmende Depolitisierung in der Stadt. „Auch die Debatte um Olympia findet nicht ausreichend statt. Es gibt keine politischen, keine wirklich stadtgesellschaftlichen Debatten mehr, die Räume dafür fehlen einfach.“

Franziska Eichstädt-Bohlig, ehemalige Grünen-Politikerin und Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, im Publikum bei einer Diskussion der Stiftung Zukunft am 7.5.26 in BerlinCredit: Jasper Nebel Franziska Eichstädt-Bohlig, ehemalige Grünen-Politikerin und Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, war im Publikum.

© Jasper Nebel

Was an diesem Abend noch fehlte, waren eindeutige Handlungsempfehlungen: Was kann jede Berlinerin, jeder Berliner machen, um das „Wir“-Gefühl in der Stadt zu stärken?

Das glauben Engin Çatık, Noch-Schulleiter der Friedrich-Bergius-Schule, und Alexander Wolf, Geschäftsführer der Stiftung AusserGewöhnlich, zu wissen: Mit viel Pathos und Enthusiasmus versuchen sie, das anwesende Publikum zu ehrenamtlichem Engagement zu motivieren: „Wer von Ihnen kann sich jetzt vorstellen, Lesepate in der Schule von Engin Çatık zu werden?“, fragt Alexander Wolf in ungewohnt angriffslustigem Ton.

Alexander Wolf (links) und Engin Çatık, Noch-Schulleiter der Bergius-Schule, mit Lorenz Maroldt (rechts) Alexander Wolf (links) und Engin Çatık (Mitte) diskutierten mit Tagesspiegel-Herausgeber Lorenz Maroldt.

© Jasper Nebel

Auch der Schulleiter betont die Wirkung solcher Begegnungen, etwa wenn „die Menschen, die Erfolg in dieser Stadt generiert haben, als Mentorinnen und Mentoren in die Schulen kommen würden“. Und vor allem, so meint Alexander Wolf, dürfe dieses Engagement nicht nur isoliert in den Kiezen stattfinden. „Wir müssen mehr für Gesamtberlin tun, um die Stadt fucking zu aktivieren!“

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Ob mit diesem Aufruf aber mehr als nur die Menschen erreicht werden, die ohnehin viel für die Zukunft Berlins tun – wie das Publikum an diesem Abend? Womöglich sollte man mehr über die positiven Dinge sprechen – oder wie es die Zuschauerin Olga Aktaş ausdrückte: „Man vergisst, wie viel uns die Stadt bietet: eine tolle Phở um elf Uhr abends, kurze Wartezeiten beim ÖPNV und eine so schöne, grüne Stadt!“