Wer die neonfarbenen Bilder von Alfred Müller sieht, möchte gleich näher herantreten. Von den Leinwänden heben sich deutliche Linien ab und spielen mit der Wahrnehmung der Betrachter. „Von Weitem könnte man meinen, dass sie aufgestickt worden sind“, sagt Beate Düsterberg von der Kunstinitiative „Wurzeln und Flügel“. Tatsächlich sind es aber Tausende dicke Pinselstriche, mit denen Müller eine 3D-Optik erzeugt. Das ist jedoch nicht der einzige Effekt, den seine Bilder haben: Im Schwarzlicht offenbaren sie versteckte Details – laut dem Künstler sei es, als würden sie ihr zweites Gesicht zeigen.
Müllers Arbeiten sind jetzt unter dem Titel „Explosión de Color“ am Schloss Reuschenberg zu sehen. Vor zwei Jahren hat Beate Düsterberg ihn auf der „Art Karlsruhe“ kennengelernt und freut sich, ihn nun in den Räumen der Kunstinitiative zu präsentieren. Entstanden ist eine vielseitige und ungeplant aktuelle Schau. Denn Müller war Student des kürzlich verstorbenen Georg Baselitz. Und so sind in seinen Arbeiten immer wieder auch Referenzen zu seinem Professor, einem der bekanntesten Künstler der Nachkriegszeit, zu finden. Da wären etwa Müllers Fotogramme, die in den 90er-Jahren nach einem Besuch in Baselitz‘ Schloss entstanden sind. Oder auffallend dicke Holzrahmen, die einige von Müllers Arbeiten umfassen. Entstanden seien sie in Bezug auf Baselitz, der den Satz „Gute Bilder brauchen keine Rahmen“ gesagt haben soll. „Gute Bilder waren rar“ oder „Bunte Bilder waren begehrt“ ist hingegen auf Müllers Rahmen zu lesen. Dabei waren seine Werke lange Zeit alles andere als bunt. Fast 20 Jahre lang hat er ausschließlich silberfarbene Bilder geschaffen.
Dann allmählich kehrte die Farbe ein – zu sehen ist das in einigen Modeaquarellen, die Müller schuf. Eine entscheidende Wende erhielt seine Kunst jedoch nach einer Mexiko-Reise: Das Leben, die Kultur und Natur ließen ihn zu Neonfarben greifen und Motive der mexikanischen Halbinsel Yucatan malen. Baselitz war nicht vergessen: Statt eines Adlers ließ Müller einen Pelikan ins Wasser stürzen.
Höhepunkt der Ausstellung ist die Wirkung, die seine Werke im Schwarzlicht entfalten: Fluoreszierende Umrisse, Formen und Motive heben sich leuchtend von Leinwänden ab – so mancher Schriftzug wird erst durch die ultraviolette Strahlung sichtbar. In einigen Werken bezieht er sich, so erklären Düsterberg und Friederike Görges von der Kunstinitiative, auf die biblische Erzählung des ungläubigen Thomas und legt den sprichwörtlichen „Finger in die Wunde“. Und in seiner Serie „Heroines“ beschäftigt er sich mit weiblichen Heldinnen: Amy Winehouse, Britney Spears, die Frauenrechtlerin Malala aus Pakistan oder „Poison Ivy“ aus Batman hat er beispielsweise auf die Leinwand gebracht. Seine Bilder überträgt Müller aber auch auf Seidentücher. Sie könnten aufgehängt oder getragen werden – das demonstriert auch eine Modenschau, die zur Vernissage geplant ist.
Info Zu sehen ist die Ausstellung an der Gerhard-Hoehme-Allee 1 bis Ende August, geöffnet ist sie jeden Mittwoch von 15 bis 18 Uhr.