Als Pfarrer Christoph Thiele im August 2013 seine Stelle an St. Andreas in Kalchreuth antrat, ahnte niemand, dass daraus ein Großprojekt entstehen würde. „Damals wollten wir eigentlich nur den Innenraum etwas verschönern“, erinnert sich Thiele. Doch bei der genaueren Begutachtung fielen in der Höhe Risse im Mauerwerk auf – ein Hinweis auf tiefere statische Probleme.
2014 kam erstmals ein landeskirchlicher Architekt nach Kalchreuth. Untersuchungen zeigten, dass sich Mauern verschoben hatten, Dach und Mauerwerk instabil waren und Feuchtigkeit eingedrungen war. Der erste Kostenvoranschlag von 2016 belief sich auf 195 000 Euro – viel für eine Gemeinde mit nur rund 1300 Mitgliedern. „Wir wussten nicht, wie wir das stemmen sollten“, sagt Thiele.
Erst nach der Kirchenvorstandswahl 2018 kam neuer Schwung in das Vorhaben. Weitere Gutachten offenbarten, dass auch der Innenraum und das Dach gravierende Schäden aufwiesen. Damit wuchs die veranschlagte Summe auf 1,2 Millionen Euro, später – nach Preissteigerungen und zusätzlichen Maßnahmen – auf 1,37 Millionen Euro.
National bedeutsames Denkmal
Der entscheidende Durchbruch kam, als das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege die Kirche prüfte und ihre außergewöhnliche Bedeutung feststellte. Thiele erzählt: „Ich wusste gar nicht, dass man eine Kirche klassifizieren lassen kann – und plötzlich war St. Andreas auf einer Stufe mit den großen Nürnberger Kirchen.“
Diese Einstufung als national bedeutendes Denkmal war nicht nur eine Ehrung, sondern auch der Schlüssel zur Finanzierung. Denn nur Bauten dieser Kategorie können auf den staatlichen Entschädigungsfonds zugreifen. So konnten bis zu 50 Prozent der Kosten übernommen werden, ein weiterer Anteil kam von der Landeskirche. Der Rest – rund 250 000 Euro – blieb an der Kirchengemeinde hängen. „Das war für uns immer noch ein enormer Betrag“, sagt Thiele. „Aber wenigstens war das Ziel wieder erreichbar.“
Unterstützung kam zudem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die 2024 erneut 20 000 Euro für Natursteinarbeiten an der Turmfassade bereitstellte. Bereits zuvor hatte sie Restaurierungen im Innenraum gefördert. Auch die Lotterie GlücksSpirale und verschiedene Stiftungen beteiligten sich an der Finanzierung.
Engagement einer kleinen Gemeinde
Was an staatlichen und kirchlichen Zuschüssen nicht gedeckt war, musste die Gemeinde selbst aufbringen. „Wir sind seit fünf Jahren im Spendenmodus“, sagt Thiele. Hausbesuche, Benefizkonzerte, persönliche Spendenaufrufe – mit Ausdauer und Kreativität gelang es, immer wieder neue Unterstützung zu gewinnen.
Die erste Haussammlung brachte 40 000 Euro, viele Kalchreuther spendeten mehrfach. „Unsere Leute wissen, was sie an dieser Kirche haben. Das ist ihre Kirche“, betont Thiele. Heute fehlen noch etwa 50 000 Euro, doch die Zuversicht ist groß, dass auch diese Summe bis zum geplanten Abschluss 2025 erreicht wird.
Baugeschichte eines fränkischen Schmuckstücks
St. Andreas ist ein unverputzter Sandsteinquaderbau mit Satteldach, dessen älteste Teile um 1471 entstanden. Der Chor wurde 1493/94 unter dem Nürnberger Patrizierpaar Wolfgang und Ursula von Haller errichtet, deren Wappen noch heute im Kirchenraum zu sehen ist. Der Turm kam erst 1788/89 hinzu und zeigt mit seiner welschen Haube und klassizistischen Gliederungen den Geschmack des späten 18. Jahrhunderts.
Der Innenraum beeindruckt durch seine reiche Ausstattung: eine zweigeschossige Empore aus Holz, ein barockes Chorgestühl, eine Kanzel von 1693 und ein Hochaltar von 1498, dessen Reliefs Szenen aus dem Leben Marias und der Passion Christi zeigen.
Besonders berühmt ist das Sakramentshaus, das aus der Werkstatt des Nürnberger Meisters Adam Kraft stammt – des Schöpfers des berühmten Sakramentshauses in St. Lorenz, Nürnberg. Die Kalchreuther Ausführung, rund neun Meter hoch und aus hellem Sandstein gefertigt, gilt als eine der schönsten außerhalb der Großstädte.
Ein weiteres Unikum ist die Apostelgruppe aus Terrakotta (um 1380/90): Christus mit den zwölf Aposteln, in Sitzfiguren dargestellt – ein Ensemble, das in dieser Vollständigkeit in Franken einzigartig ist.
Technische und denkmalpflegerische Meisterleistung
Die Sanierungsarbeiten begannen mit der Stabilisierung des Mauerwerks. Die Bamberger Firma Monolith führte umfangreiche Steinergänzungen und sogenannte Vernadelungen durch, um Risse zu sichern. Besonders der Turm zeigte gravierende Schäden: abplatzende Steine, Korrosion und Hohlstellen.
Im Innenraum übernahm die Firma Schmuck aus Bamberg die Restaurierung. Durch eine feine Lasurtechnik wurde die ursprüngliche Farbigkeit erhalten, zugleich die Oberfläche gegen neue Verschmutzung geschützt. „Der Staub der Jahrhunderte ist verschwunden, aber die Geschichte bleibt sichtbar“, sagt Thiele. Auch die Orgel musste teilweise überholt werden: 2021 wurden verschlissene Ledertaschen ersetzt, weitere Arbeiten zur Grundreinigung folgen bis 2025.
Warum sich der Aufwand lohnt
Das Klima am Rande der Fränkischen Schweiz setzt Bauwerken wie St. Andreas seit Jahrhunderten zu. Frost, Wind und Regen hatten Fugen gelockert und Wasser ins Mauerwerk getrieben. „Es ging nicht nur um Steine, sondern um Identität“, sagt Thiele. „Unsere Kirche erzählt die Geschichte Kalchreuths – vom Mittelalter über die Reformation bis heute.“
Kunsthistoriker sehen in St. Andreas ein „Gesamtkunstwerk fränkischer Sakralkunst“, das Einflüsse aus Nürnberg, Bamberg und dem oberfränkischen Raum vereint. Der Vergleich mit St. Lorenz ist nicht nur wegen des Sakramentshauses gerechtfertigt, sondern auch wegen der Qualität der spätgotischen Bildwerke.
Für Pfarrer Thiele ist St. Andreas nicht nur ein Denkmal, sondern ein Raum des Glaubens. „Ich bin ein liturgischer Mensch“, sagt er. Einmal im Jahr kommen die Brüder der Michaelsbruderschaft zu einem Konvent zusammen; gregorianische Gesänge erfüllen dann den Chorraum. „Dieser Raum ist geschaffen für Klang und Gebet“, sagt Thiele. Nach zwölf Jahren Planung, Restaurierung und unzähligen Sitzungen nähert sich das Projekt seinem Ende. Die offizielle Wiedereinweihung soll beim Gemeindefest im Mai 2025 gefeiert werden.
Dann wird St. Andreas wieder vollständig erstrahlen – außen wie innen, mit restauriertem Turm, gereinigtem Chorraum und erneuerter Orgel. Langfristig plant die Kirchengemeinde weitere Verbesserungen: energieeffiziente Heizung, barrierefreie Zugänge und digitale Vermittlungsangebote zur Geschichte des Bauwerks.
„Wir wollen, dass St. Andreas ein Ort bleibt, an dem sich Himmel und Erde berühren“, fasst Thiele zusammen. „Dafür hat sich jede Anstrengung gelohnt.“