Am Freitag wurde der Südfriedhof in Halle (Saale) zu einem Ort des mahnenden Erinnerns. Zum 81. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus kamen Vertreter aus Politik, Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft zusammen. Doch während die Blumen am sowjetischen Ehrenmal niedergelegt wurden, zeigten sich tiefe Risse in der aktuellen politischen Landschaft. Denn die Stille des Ortes wurde am Freitagnachmittag durch eine aufgeladene Atmosphäre durchbrochen.
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Ein Eklat zum Auftakt
Schon vor dem offiziellen Beginn der Gedenkstunde, zu der die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA) und der Stadtvorstand der Partei Die Linke geladen hatten, kam es zu Spannungen. Mehrere Teilnehmer der sogenannten „Bewegung Halle“ waren erschienen. Mit im Gepäck: großformatige Russland-Flaggen, Plakate und Ansteckpins.
Dieser Auftritt sorgte bei den Veranstaltern und vielen Anwesenden für massive Empörung. Den Vertretern der Bewegung wird von Kritikern eine gefährliche Nähe zur AfD sowie eine ideologische Unterstützung des russischen Agierens in der Ukraine vorgeworfen. Für die Organisatoren stellte die Präsenz dieser Symbole am Tag der Befreiung vom Faschismus eine Provokation dar. Man warf den Aktivisten vor, das historische Gedenken an die Opfer der Sowjetunion für die heutige Propaganda eines „Terrorstaates“ zu instrumentalisieren. Das war nicht unbegründet, kamen doch immer wieder abfällige Bemerkungen insbesondere gegen die Ukraine
Kein Platz für Geschichtsrevisionismus
In seiner Eröffnungsrede schlug Lukas Wanke vom VVN-BdA eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart. Er machte deutlich, dass das Gedenken an die Rote Armee niemals als Freibrief für heutiges Unrecht missverstanden werden dürfe: „Wir stehen heute hier, um die heldenhafte Tat derer zu ehren, die unter unvorstellbaren Opfern den braunen Terror in Europa beendeten. Aber wir müssen auch klar sagen: Wer heute hier steht und Symbole eines Staates schwenkt, der einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt, verhöhnt die Ideale derer, die damals für Frieden und Freiheit kämpften.“ Wanke betonte zudem die Bedeutung des Antifaschismus als dauerhafte gesellschaftliche Aufgabe, die sich gegen jede Form von Autoritarismus richten müsse.
Eine differenzierte Mahnung
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Auch Eric Stehr, der stellvertretende Vorsitzende der Linken in Sachsen-Anhalt, fand in seiner Ansprache deutliche Worte. Er reflektierte die historische Verantwortung Deutschlands und ging direkt auf die Anwesenheit der umstrittenen Gruppierung ein: „Die Befreiung vom Hitler-Faschismus war ein Akt der Menschlichkeit, getragen von einer breiten alliierten Koalition. Dass wir heute hier stehen können, verdanken wir auch den Soldaten aus Russland, der Ukraine, Belarus und vielen anderen Sowjetrepubliken. Doch gerade deshalb schmerzt es, wenn dieser Ort heute als Bühne für Leute dient, die sich mit einem Regime gemein machen, das Terror und Zerstörung verbreitet. Es gibt keine Neutralität gegenüber dem Faschismus – weder gegenüber dem alten, noch gegenüber neuen imperialen Bestrebungen.“ Stehr mahnte, dass die „Lehre aus der Geschichte“ bedeute, an der Seite der Unterdrückten zu stehen und nicht an der Seite derer, die Grenzen gewaltsam verschieben wollen.
Halle: Eine Stadt mit besonderer Befreiungsgeschichte
Ein zentraler Aspekt der Veranstaltung war die historische Einordnung des Ortes. Auf dem Südfriedhof ruhen insgesamt 977 sowjetische Staatsbürger. Interessant ist dabei die lokale Historie: Halle wurde im April 1945 nicht durch die Rote Armee, sondern durch die 104. US-Infanteriedivision „Timberwolf“ befreit. Die hier Bestatteten sind daher keine Gefallenen der unmittelbaren Endkämpfe um die Stadt.
Es handelt sich vielmehr um Soldaten und deren Familienmitglieder, die während der langen Zeit der sowjetischen Garnison – von der Besatzungszeit 1945 bis zum Abzug 1990 – in Halle verstorben sind. Dennoch gilt das Areal als wichtigster Gedenkort für den sowjetischen Beitrag zum Sieg über Nazideutschland in der Region. Auch die Rolle der US-Armee wurde im Rahmen der Gedenkstunde ausdrücklich gewürdigt, um ein vollständiges Bild der alliierten Befreiungsleistung zu zeichnen.

Offizielles Gedenken der Stadt
Trotz der politischen Misstöne blieb der zeremonielle Teil der Veranstaltung würdig. Dr. Judith Marquardt, Beigeordnete für Kultur und Sport, legte in Vertretung von Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt einen offiziellen Kranz der Stadt Halle nieder. Mit diesem Akt unterstrich die Stadtverwaltung die Bedeutung des 8. Mai als festen Bestandteil der städtischen Erinnerungskultur.
Als die letzten Reden verklungen waren und die Teilnehmer einzeln Blumen am Fuß des Monuments niederlegten – von roten Nelken bis hin zu bunten Frühlingssträußen – blieb ein zwiespältiges Gefühl zurück. Der Nachmittag auf dem Südfriedhof hat gezeigt, dass die Geschichte von 1945 lebendiger und umkämpfter ist denn je. Das Gedenken an die Befreiung ist in Halle im Jahr 2026 längst keine reine Rückschau mehr, sondern ein Spiegelbild aktueller gesellschaftlicher Zerreißproben.
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Widerstand ist ein dauerhafter Auftrag
Nach dem ersten stillen Gedenken zog die Gruppe weiter zum Ehrenhain der deutschen Widerstandskämpfer. Vor dem massiven Gedenkstein aus Naturstein, der mit der Inschrift „Sie lebten und kämpften für Frieden und Sozialismus“ an die Ideale der Verfolgten erinnert, wurden Blumen, vor allem rote Nelken, niedergelegt.
Zunächst ergriff Lukas Wanke von der VVN-BdA das Wort. Er fand scharfe und zugleich mahnende Worte. Er schlug den Bogen von den historischen Ereignissen in die Gegenwart: „Wir ehren heute Frauen und Männer, die in der dunkelsten Stunde Deutschlands das Licht der Menschlichkeit bewahrten. Doch ihr Kampf ist nicht abgeschlossen. In einer Zeit, in der rechtes Gedankengut wieder Einzug in Parlamente hält, ist unser Gedenken hier ein politisches Signal: Wir stehen für ein ‚Nie wieder‘, das keine Ausnahmen kennt.“
Gisela Döring (VVN-BdA) erinnerte an die „mutigen Frauen und Männer“, die aus den unterschiedlichsten Motiven – religiösen, humanistischen oder politischen – in den Widerstand gegangen waren. Sie zeichnete das Bild eines Alltags im Untergrund nach, der von ständiger Angst vor Verrat und der Gestapo geprägt war. „Sie haben nicht für Monumente gekämpft“, so Döring. „Sie kämpften für die Beendigung des faschistischen Terrors, für das Ende der Deportationen und für eine Welt, in der ein Menschenleben mehr zählt als Ideologie. Wir stehen in der Schuld ihrer Zivilcourage.“
















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