Ludwig van Beethovens Flügel steht in seiner Geburtsstadt Bonn. Leider ist er nicht mehr spielbar. Eine aufwendige Kopie soll jetzt den Geist der Wiener Klassik erwecken.
Der Verkaufsraum ist auf Hochglanz poliert. Konzertflügel stehen zum Ausprobieren bereit. Ihre Deckel sind aufgeklappt wie die Motorhauben beim Sportwagenhändler. An einem Steinway sitzt ein Pianist auf Instrumentensuche und donnert ein paar Takte aus George Gershwins „Rhapsody in Blue“ in die Tasten. Doch Chris Maene, Chef dieses Klavierhauses in Belgien, Geschäftsmann im Dreiteiler, seriös bis unter die silbergrauen Haarspitzen, führt den Besucher weg von den schwarz lackierten Neuheiten. Über die Treppe geht es hinunter ins Untergeschoss, in eine große Werkstatt, die wie imprägniert ist mit dem Geruch und der Farbe von Holz und Sägespänen. Unter dem Fenster ist eine unscheinbare Kiste aus ineinander verschränkten und verspreizten Eichenhölzern aufgebockt. Schraubzwingen pressen die frisch verleimte Konstruktion zusammen. Maene tätschelt den Rahmen, er scheint zufrieden zu sein.
Diese Kiste ist der Grundstock zu einem besonderen Tasteninstrument. Es handelt sich um den Nachbau eines Flügels, der 1826 aus der Werkstatt des Klavierbauers Conrad Graf in die Wiener Wohnung des Komponisten Ludwig van Beethoven geliefert wurde und dort bis zu seinem Tod stand. Später kam dieses Instrument in Beethovens Geburtsstadt Bonn – ins Beethoven-Haus, das seit 1889 als Museum, Gedenk- und Forschungsstätte dient. Doch der Graf-Flügel hat in den zweihundert Jahren gelitten, der Rahmen verzog sich unter der tonnenschweren Zugkraft der Saiten, eine Restaurierung in den 1960er-Jahren brachte nur vorübergehende Besserung. Inzwischen ist er nicht mehr spielbar. Von einer weiteren Restaurierung raten Experten ab.
Das Klavier, das um 1800 immer in Flügelform gebaut wurde, war Beethovens ureigenstes Ausdrucksmittel. Lange bevor er zum gefeierten Sinfoniker wurde, machte er als Pianist Furore. Seine 32 Klaviersonaten werden bis heute wie ein Allerheiligstes verehrt. Kein Wunder also, dass man in Bonn gerne ein Instrument hätte, das nicht nur die Aura des Meisters ausstrahlt, sondern in Konzerten auch die originale Klangwelt seiner Werke vermitteln kann.
So kommt es, dass Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses, sich vor anderthalb Jahren aufgemacht hat ins belgische Ruiselede, einen kleinen Ort zwischen Gent und Brügge, zu Chris Maene. Der 73-Jährige führt nicht nur einen der größten Klavierbaubetriebe Europas, er ist auch ein Pionier des historischen Klavierbaus. Die Trennung von Alt und Neu, von Modernem und Vergangenem, wie sie bei den meisten Instrumentenmachern üblich ist, habe er nie mitgemacht, erzählt er. Und schon in den 70er-Jahren, als die Alte-Musik-Szene noch überwiegend an Repliken von barocken Cembali, den Vorläufern der sogenannten Hammerklaviere, interessiert war, fing er an, sich mit der Klaviertechnik der Beethovenzeit zu beschäftigen. Kaum jemand ist mit dem Mechanismus der gegen die Saiten schlagenden Hämmer so vertraut wie Maene, er kennt jedes kleinste Detail dieser sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts rasant fortentwickelnden Instrumentengattung. Und selbstverständlich hat er auch schon Flügel aus der Werkstatt des Beethoven-Lieferanten Conrad Graf nachgebaut.
Zum Selbstverständnis des Beethoven-Hauses als Forschungseinrichtung gehört, dass das Prestige-Projekt „Beethoven-Flügel“ flankiert wird von wissenschaftlichen Studien. Mit dabei ist beispielsweise Katharina Preller, eine junge Musikwissenschaftlerin der Universität München, die auf die Geschichte des Klavierbaus spezialisiert ist. Sie glich Chris Maenes vom Handwerklichen her gedachten Pläne mit den Befunden der Instrumentenforschung ab. Und sie gab ihren Segen, als Maene vorschlug, bei der Konstruktion des Gehäuses leicht vom Original abzuweichen – und zusätzlich zu den Längsstreben auch diagonale Versteifungen in den Rahmen einzubauen. Denn ausgerechnet das Instrument, das Conrad Graf dem Großmeister der klassischen Klaviermusik in die Wohnung stellte, hatte er schwächer konstruiert als andere seiner Instrumente. Eine Röntgenaufnahme brachte das Dilemma ans Licht. Noch dazu hatte Graf mehr Saiten aufgezogen als üblich. Drei aus Draht gezogene Saiten pro Taste sind der Standard – doch bei diesem Instrument verwendete Graf vier.
Mehr Spannung bei weniger Widerstandskraft: Verdrehungen und Verwringungen des Rahmens waren da programmiert. Warum Graf das tat? Darüber könne man nur spekulieren, sagt Preller. Sie vergleicht den Klavierbau der damaligen Zeit mit der heutigen Handy-Entwicklung. „Die Veränderungen kamen rasend schnell, die Musiker wollten immer das Neueste haben, und niemand dachte daran, dass ein Klavier Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte halten sollte.“ Doch für den Klavierbauer Chris Maene ist es Ehrensache, den Bonner Auftraggebern ein Instrument zu liefern, das nicht nur ein paar Jahre seinen Zweck erfüllt.
Doch welche Bedeutung hatte dieser Flügel überhaupt für den Komponisten? Für eine Antwort muss man von „Pianos Maene“ in Ruiselede zum knapp 30 Kilometer entfernten Orpheus-Institut nach Gent fahren. An dieser Einrichtung, die das Ziel hat, Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen, wirkt Tom Beghin. Der Pianist und Musikforscher hat eingefädelt, dass beim Projekt Beethoven-Flügel das Orpheus-Institut sowie die Universität in Leuven dem Beethoven-Haus als Partner zur Seite stehen. Denn für Beghin ist die Kopie des Graf-Flügels der letzte noch fehlende Baustein seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema „Beethoven und seine Klaviere“. Beghin will verstehen, wie Werk und Instrument, Material und Ästhetik ineinandergreifen. Oder, wie Beghin formuliert: „Was haben die Instrumente mit Beethovens Musik gemacht?“
Das Labor dieser Forschung ist, ähnlich wie Chris Maenes Werkstatt, ein Raum im Untergeschoss. Dort stehen, eingepackt in wattierte Schutzhüllen, drei Flügel – allesamt Kopien von historischen Instrumenten. Nummer eins: ein Wiener Instrument aus der Werkstatt von Anton Walter. Mozart spielte noch auf solchen Flügeln, und auch Beethoven, der aus Bonn zugereiste Newcomer, startete damit in Wien seine Karriere. Nummer zwei: ein Flügel des französischen Klavierbauers Sébastien Érard. Die Pianistenszene war um 1800 in heller Aufregung wegen des Klanges und der neuen technischen Möglichkeiten der Érard-Flügel. Also bestellte auch Beethoven und bekam 1803 seinen Érard. Fünfzehn Jahre später nahm Beethoven eine Lieferung aus England entgegen: einen Flügel der Klavierfirma Broadwood. Dessen Kopie ist Nummer drei in Beghins Experimentierraum.
In Kurzfassungen zur Historie des Klavierbaus heißt es, dass im 19. Jahrhundert die Instrumente größer, stabiler und lauter wurden, um den Anforderungen des aufkommenden bürgerlichen Musiklebens mit seinen öffentlichen Konzertsälen gerecht zu werden. Mehr Tasten, mehr Tonumfang, mehr Klang. Das ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt der Wahrheit. Tom Beghin hat tiefere Erkenntnisse. Jahrelang hat er auf den Kopien der Beethoven-Instrumente geübt und gespielt. Er hat ihre Eigenschaften in allen Feinheiten erfühlt, die Widerstände der Tasten, das Nachgeben der Polsterungen, die klanglichen Effekte, die durch verschiedene Pedale erzeugt werden. Beghin ließ sogar jene Gehörmaschine nachbauen, von der Beethovens Besucher berichteten: einen monströsen Blechtrichter, der über den Flügel gestülpt wurde, sodass dem ertaubenden Musiker die Töne direkt in die Ohren dröhnten.
So kann Beghin an einzelnen Werken schlüssig zeigen, wie die Instrumente Einfluss auf Beethovens Musik nahmen; wie sie dafür sorgten, dass Brüche und Neuheiten entstanden – und somit Beethovens viel gerühmte Modernität befeuerten. Die berühmte „Waldsteinsonate“ aus dem Jahr 1803: inspiriert durch das rauschende französische Spiel, das auf einem Érard-Flügel quasi wie von selbst aus den Fingern fließt. Die letzten drei Sonaten Opus 109, 110 und 111: ohne den englischen Broadwood und seinen größeren Tonumfang undenkbar. Tom Beghin kann sogar exakt die Stelle in der vorausgehenden Sonate Opus 106 identifizieren, in der Beethoven vom Èrard auf den Broadwood wechselte.
Nach Érard und Broadwood, deren Originale in Linz und Budapest stehen, kommt nun also eine Kopie des letzten Instruments hinzu. Im Grunde war dieser Flügel von Conrad Graf die längst überfällige Antwort eines Wiener Klavierbauers auf die Provokation, dass Wiener Top-Musiker wie Beethoven seit Jahren Erzeugnisse aus Frankreich und England präferierten. Doch der Graf-Flügel hatte einen Tonumfang von sechseinhalb Oktaven, das ist mehr als bei Beethovens Érard und mehr als bei seinem Broadwood. Und er war laut genug, um auch den Redoutensaal mit Klang zu füllen.
Als Beethoven 1826, ein Jahr vor seinem Tod, den Graf-Flügel bekam, war er zwar längst taub. Doch Tom Beghin ist davon überzeugt, dass er das Instrument benutzte und zu Hilfe nahm, um Ideen auszuprobieren. Skizzen von Zeitgenossen zeigen, dass der Graf-Flügel direkt neben Beethovens Bett stand. Vom Schreibtisch waren es ebenfalls nur ein paar Schritte bis an die Tastatur. „Was genau spürte er, wenn er in die Tasten griff? Welche Vibrationen gab das Holz weiter? Welchen Effekt hatten die zusätzlichen Saiten, die Graf eingezogen hatte?“, fragt Beghin.
Im kommenden Jahr will Chris Maene mit dem Nachbau fertig sein. Dann hat Tom Beghin fünf Jahre Zeit, den Graf-Flügel in seinem Labor im Orpheus-Institut in Gent zu erforschen und Aufnahmen und Konzerte darauf zu spielen. So wurde es in den Verträgen dieses Projekts ausgehandelt. Erst danach kommt das Instrument ins Bonner Beethoven-Haus, zu seinem Zwilling, nach dessen Vorbild es geschaffen wird.
afa