Viele Straßen in Sachsen sind zu marode und zu eng geworden, kritisieren Handwerker – hier ein Schlagloch in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Umfrage: Straßen sind zu eng und marode geworden, das treibt auch die Preise für die Kunden hoch
Dresden, 08.05.26. Weil Bund, Sachsen und Kommunen in den vergangenen Jahren zu wenig in die Straßen investiert haben, sind die nun so marode, dass sie die ohnehin angespannte Wirtschaftslage noch weiter dämpfen – und indirekt die Preise für Handwerksleistungen nach oben treiben. Das hat die Handwerkskammer (HWK) Dresden eingeschätzt und sich dabei auf eine Umfrage unter 341 Unternehmen in ihrem Kammerbezirk gestützt. Sie fordert daher nun ein akutes Ausbau- und Sanierungsprogramm für die Straßen in Sachsen.
Knapp jeder dritte Meister lehnt manche Aufträge wegen schlechter Infrastruktur vor Ort ab
Denn in der Umfrage stufte jeder dritte Handwerker den Zustand der Straßen in Ostsachsen als schlecht oder sehr schlecht ein. Etwa ebenso viele beklagten eine erhöhte Stauanfälligkeit und stockenden Verkehr auf den Straßen. „29 Prozent der Handwerksfirmen haben wegen der aus ihrer Sicht schlechten Infrastruktur in den letzten 24 Monaten Aufträge in bestimmten Regionen oder Orten abgelehnt“, berichtet die Kammer. Denn wenn alles zugestaut ist und die Anfahrt zu lange dauert, frisst das zuviel Zeit und treibt die Preise für die Kunden zu sehr in die Höhe.
Präsident Jörg Dittrich von der Handwerkskammer Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
„Die marode Infrastruktur belastet das Handwerk bereits erheblich“
Jörg Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden
„Die marode Infrastruktur belastet das Handwerk bereits erheblich“, warnt HWK-Präsident Jörg Dittrich. „Baustellenstaus, schlechte Straßen und kaputte Brücken kosten Zeit und Geld.“ Zusätzlich verschärft werde dies durch bürokratische Auflagen und wenn Kommunen wie beispielsweise Dresden Fahrbahnen einengen oder reduzieren, um breite Fahrradstreifen einzurichten. Sicher sei es gesund und umweltfreundlich, wenn mehr Menschen radeln, finden zwar auch viele Handwerker. Aber: Die Verkehrswende gelingt nur mit einem starken Warenverkehr – und nicht gegen ihn“, sagt Dachdeckermeister und Kammerpräsident Dittrich – und rechnet ein Beispiel vor:
428 Euro für 10 Zentimeter Lötnaht – wer soll das bezahlen?
- Der Regenabfluss am Haus einer Familie hat einen kleinen Riss, eine Reparatur ist nötig. Für diese nur zehn Zentimeter lange Lötnaht schickt der beauftragte Meister wegen der Vorgaben der Berufsgenossenschaft zwei Handwerker per Auto los. Weil die ständig im Stau stehen, dauern An- und Abfahrt deutlich länger als früher. Hinzu kommen eine vergleichsweise kurze Sichtungs- und Arbeitszeit von einer Stunde vor Ort, außerdem aber mindestens eine Stunde Papierkram. In Summe summiere sich dies ganz schnell auf sechs Arbeitsstunden zu je 60 Euro mit Sozialabgaben. Das macht inklusive Mehrwertsteuer etwa 428 Euro auf der Rechnung für den Kunden.
„Wer, bitteschön, ist bereit, für zehn Zentimeter Lötnaht soviel Geld zu bezahlen?“, fragt Dittrich rhetorisch. Am Beispiel komme vieles zusammen, was die Handwerkerschaft massiv unter Druck setze: Steigende Sozialabgaben, die noch mal auf den Lohn obendrauf kommen, marode Straßen und immer mehr bürokratische Auflagen, die die Meister und Gesellen vom Kern ihrer Arbeit halten – seien es nun Berichtspflichten, Dokumentationen oder detaillierte Rechnungen.
„Hier besteht Handlungsbedarf“
Helfen würde fürs Erste ein Straßenbauprogramm, das den Sanierungsstau in der sächsischen Infrastruktur etwas auflöst – und „nebenbei“ Aufträge fürs Bauhandwerk generiert. Kammerpräsident Dittrich sieht hier dringenden Handlungsbedarf. „Daher ist ein nachhaltiger Infrastrukturausbau notwendig sowie deutlich mehr Mittel für Werterhaltung und Sanierung von Straßen und Brücken.“ Zudem solle bei jeder Umwidmung von Straßenfläche zu Gunsten des Radverkehrs immer mitgedacht werden, welche Konsequenzen dies für den Wirtschaftsverkehr hat.
„Die Verkehrswende gelingt nur mit einem starken Warenverkehr – und nicht gegen ihn.“
HWK-Präsident Jörg Dittrich
Das Primat für den Radverkehr ist auf dieser Straße in den Niederlanden unübersehbar. Foto: Heiko Weckbrodt
Ein Hintergrund: Generell gibt es in vielen Städten in Europa einen Trend, Straßen zu Gunsten von Radwegen oder zu Gunsten von Straßenbahnen und Bussen einzuengen oder ganz für Autos zu sperren. Das geschieht teilweise, weil in der jeweiligen tatsächlich mehr Menschen radeln oder Bahnfahren wollen, teilweise aber auch, weil sich die örtlichen Verkehrsplaner und Bürgermeister für diese oder jene Route nur so wünschen. Oft zu sehen ist das etwa in Frankreich, etwa in Paris, Lyon oder Bourdeaux, aber eben auch in Sachsen.
Beispiele für Straßen, die für Radwege und Straßenbahn-Vorfahrt in Dresden eingeengt wurden
So haben die grünen Baubürgermeister Raul Schmidt-Lamontain und Stephan Kühn in Dresden und die Verkehrsplaner der Stadt beispielsweise nach und nach vielbefahrene Trassen eingeengt und damit teils deutlich stauanfälliger gemacht. Dazu gehören unter anderem die Winterbergstraße, die Große Meißner Straße, die Bautzner Straße, die Wehlener und Österreicher Straße sowie Teile der Tolkewitzer Straße am Schillerplatz – oft erst als Verkehrsversuch deklariert und dann perpetuiert. Zeitweise hatte Kühn auch die Brücke „Blaues Wunder“ mit Radwegen bemalt und dadurch in eine Staufalle verwandelt – dies musste er nach heftigen Protesten aber wieder revidieren.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: HWK, Oiger-Archiv, LHD

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