Erst umstritten, heute nicht mehr wegzudenken: Seit 40 Jahren gehört die Schirn zu den wichtigsten Kulturinstitutionen Frankfurts und weit darüber hinaus. Am Anfang wollten Kritiker den Bau am liebsten wieder loswerden.

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Auf diesen Grundriss muss man erstmal kommen: 150 Meter lang, gerade mal 10 Meter breit und genauso hoch. In der Mitte ein Bruch: Die Rotunde, die die Besucher empfängt und das Kunsterlebnis schon vor dem Eingang beginnen lässt.

Bei der Eröffnung im Februar 1986 erkannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Schirnbau einen auf das Gotteshaus gerichteten Revolver und titelte empört „Mord am Dom“, während die Frankfurter Rundschau den Domturm durch einen „mittelalterlichen Rammbock“ bedroht sah.

Geld für Schirn-Abriss geboten

Die Begrüßung der neuen Kunsthalle in Frankfurt hätte euphorischer ausfallen können. Die „postmoderne Kegelbahn“ irritierte offenkundig viele Beobachter. Und tut es bis heute.

Der damalige Kulturdezernent Hilmar Hofmann erinnerte sich daran, dass es ein wohlhabender Frankfurter Bürger mit Bestechung versuchte. „Eine Million Mark für jeden Meter, den die Schirn wieder abgerissen wird in Richtung Dom.“

Gekommen, um zu bleiben

Dabei sollte die Schirn eine Wunde schließen, die der Krieg mit der Zerstörung der Frankfurter Innenstadt gerissen hatte. Frankfurt sollte wieder ein Herz bekommen, befand der damalige Bürgermeister Walter Wallmann (CDU). Denn der Römerberg war eine große Brache, die bestenfalls als Parkplatz genutzt wurde.

Vom Römer hatte man freien Blick auf den Dom – wenn das Auge nicht zur Linken am brutalistischen Zweckbau des technischen Rathauses aus den frühen 1970er-Jahren hängen blieb.

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40 Jahre Frankfurter Schirn

Das Museum Shcirn aus der Vogelperspektive

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Doppelpackung aus Gud Stubb und Kulturzentrum

Für diese Brache entwickelte die damalige Stadtregierung eine Doppelstrategie, erinnert sich Oliver Elser, Kurator im Deutschen Architektur Museum DAM in Frankfurt.

Gegenüber vom Römer wurden in Erinnerung an die zerstörte Altstadt Fachwerkhäuser rekonstruiert, sozusagen die Gud Stubb, etwas fürs Gemüt. Dahinter sollte die zeitgenössische Kultur ihren Platz finden. Ursprünglich sei aber gar keine eigenständige Ausstellungshalle geplant gewesen, so Elser, sondern ein Kulturzentrum, eine Art „Centre Pompidou vom Römerberg“ nach Pariser Vorbild.

Kunsttempel versus Volkshochschule

Die ursprüngliche Idee für die Schirn war „ein neues Format der Volkshochschule“, sagt Oliver Elser. Umgesetzt wurde davon letztlich aber nur die Musikschule. Die Schirn sollte eine zeitgemäße Kunsthalle sein, offen für alle, ganz nach Hilmar Hoffmanns Motto „Kultur für alle“.

Eine Halle sollte entstehen, die auch in Frankfurt Platz für große Ausstellungen bieten sollte – entweder für lokale Museen, die keine eigenen Kapazitäten hatten oder für Ausstellungen von außerhalb.

Selbstbewusstes Projekt im zweiten Anlauf

Schon in den 1960er-Jahren habe es einen großen Wettbewerb für ein Kulturzentrum gegeben, sagt Oliver Elser. „Die Schirn war dann der zweite Anlauf, das zerstörte Zentrum der Stadt wieder zu füllen.“ Eine städtebaulich enorm wichtige Aufgabe sei das gewesen.

Die Architektengruppe Bangert, Janssen, Scholz und Schultes, die die Schirn schließlich bauten, habe das ganz anders aufgefasst als alle anderen im Wettbewerb. Indem sie nämlich kein kleines Altstadtquartier vorschlugen, so wie die neue Altstadt heute, „sondern indem sie ein solitäres und sehr selbstbewusstes Projekt aufgebaut haben.“

Name Schirn erinnert an die Metzger

Die Schirn bezieht sich allein schon mit ihrem Namen auf den historischen Standort, wo „Erhabenes und Profanes jahrhundertelang dicht benachbart waren“, wie der frühere Schirn-Direktor Max Hollein bemerkte.

Parallel zur Schirn verlief der Krönungsweg, den die künftigen Kaiser zwischen 1562 und 1792 auf dem Weg vom Dom zum Römer abschritten. Daneben verkauften die Metzger ihre Ware an offenen Ständen, den sogenannten Schirnen. Deshalb trug die enge Gasse den Namen „Lange Schirn“.

Ein überdimensionierter Tisch neben der Rotunde erinnerte jahrzehntelang architektonisch an diese historische Verbindung. 2012 musste er der Neuen Altstadt weichen.

Foto von 1905: Schwarzweißfoto einer engen, gepflasterten Altstadtgasse: Links ein Marktstand mit hängenden Waren und Auslage; davor zwei Kinder. An der Wand ein Schild mit der Aufschrift "Markt an der Schirn". Rechts ein Fachwerkhaus mit angelehntem Handkarren. Im Hintergrund stehen mehrere Personen in der schmalen Gasse.

Früher waren die Metzger an der Langen Schirn in der Frankfurter Innenstadt ansässig. Ansicht von der Bendergasse in Richtung der Gasse „Lange Schirn“, Blick nach Norden, 1905.
Bild © wikicommons/ gemeinfrei

Ausstellungsmacher tun sich schwer

Bei der Konzeption von Ausstellungen bereite die Schirn auch Probleme und sei „wirklich eine Herausforderung“, wie der Ex-Direktor Hollein betont. Der langgezogene, schmale Bau führe je nach Anordnung der Exponate zu Flaschenhälsen und Sackgassen-Effekten. Räumlich habe die Schirn als Kunsthalle „beileibe nicht den besten Zuschnitt“.

Das räumt auch Oliver Elser vom Deutschen Architekturmusem ein. Letztlich habe Frankfurt der Schirn aber einiges zu verdanken, gerade weil sie als Gebäude Schwierigkeiten mache, auf ganz unterschiedlicher Ebene.

Schirn verschafft beste Aussichten

Der Bau der Neuen Altstadt (2012 bis 2018) hat die Höhenunterschiede deutlich werden lassen, die daher rühren, dass sich unterhalb eine Tiefgarage und die U-Bahn befinden: Der rekonstruierte Krönungsweg und die angrenzenden, neu errichteten Altstadtgebäude liegen ein paar Meter tiefer als die Kunsthalle.

Im Gespräch war sogar, neben dem überdimensionierten Tisch auch die Rotunde abzureißen. Beholfen hat man sich mit einem Plateau, das den Krönungsweg säumt. Für Oliver Elser ein Gewinn, denn „damit hat man diesen schönen Balkon, von dem man auch mal aus einer anderen Perspektive auf die Altstadthäuser schauen kann“.

Schirn Kunsthalle: Blick über eine Stadtlandschaft mit dicht stehenden, teils farbig gestrichenen Häusern und schrägen Dächern im Vordergrund. Links ein rundes Gebäude mit heller Steinfassade, im Hintergrund moderne Hochhäuser und ein Fernsehturm. Blauer Himmel mit weißen Wolken.

Die Rotunde der Kunsthalle Schirn in Frankfurt mit Blick auf die neue Altstadt
Bild © Norbert Miguletz, Schirn

Lifting für das Gebäude

Wenn die Schirn nun ihren 40. Geburtstag feiert, muss die Party im Übergangsquartier in der ehemaligen Dondorf-Druckerei im Stadtteil Bockenheim stattfinden. Denn das „Mutterhaus“ auf dem Römerberg wird seit September 2025 energetisch saniert und ist bis mindestens 2028 eine Baustelle.

Das Gebäude bekommt ein komplettes Makeover: neue Natursteinfassade, Dämmung, energieeffiziente Fenster sowie Photovoltaikanlagen auf den Dächern. Begrünungen sollen für Kühlung und bessere Luftqualität sorgen, zudem werden Brandschutz, Gebäudetechnik, Sanitäranlagen und Barrierefreiheit auf den neuesten Stand gebracht. Auch Foyer und Besuchersanitärbereiche werden renoviert.

Mit diesem Lifting geht es in ein neues Jahrzehnt aus Kunst und Kultur im Herzen Frankfurts.