Vier neue Tattoo-Studios in Stuttgart: Roter Reiher, 100Hz, Kleine Katze und Rebel Yell Ink. Wir stellen die neuen Orte vor – und verraten, was die Künstler:innen gerne stechen würden.
Stuttgarts Tattoo-Szene bleibt in Bewegung. Von Szene-Oldies wie Checker Demon oder Cactus, die seit Jahrzehnten unter die Haut gehen, bis zu spannenden freshen Openings reicht die Liste, die Dichte an Studios ist gefühlt so hoch wie nie. Allein in den ersten Wochen des Jahres 2026 haben gleich mehrere neue Tattoo-Places ihre Maschinen angeworfen. Wir stellen vier von ihnen vor.
Wo: Reuchlinstr. 31, Stuttgart-West
Wer: Lisa Bürg und Sven Görtler
Hinter dem poetischen Namen und dem wunderschönen Vogellogo stecken Lisa Bürg (36) und Sven Görtler (35). Die beiden waren davor schon in Stuttgart tätig und sorgen jetzt neben dem leider geschlossenen O’Reilly’s Irish Pub für neues buntes Leben in der Reuchlinstraße. „Der Reiher steht für Geduld und Selbstachtung. Diese Eigenschaften, finden wir, passen perfekt zu einem guten Tattoo-Tag in unserem Studio“, beschreibt Lisa.
Lisa Bürg und Sven Görtler bieten im „Roten Reiher“ unterschiedliche Tattoo-Stile an. Foto: Björn Springorum
Ihr Laden lebt von jeder Menge cozy Wohnzimmeratmosphäre, in der es sich auch einfach gemütlich abhängen lässt. Altbauwohnungscharme trifft auf ungewöhnliche Tattookunst – oder auch „in Hausschlappen Kaffee schlürfen und mit einem neuen Tattoo nach Hause gehen“, wie Sven beschreibt, der mit Lisa tatsächlich in Schlappen unterwegs ist. Während Lisa am liebsten bei Schwarz und Grau bleibt („ein Hauch neotraditional, fette Lines, schwarze Ornamente, das alles gern auch groß“), haben es Sven illustrative Motive besonders angetan. „Ich mag farbliche Akzente, die je nach Motiv auch gerne etwas geradliniger, grafischer sein dürfen.“ Da ergänzen sich die beiden in ihrem Angebot natürlich extrem gut.
Das würde ich gern mal stechen:
Lisa: Ein Konzept auf dem ganzen Kopf.
Sven: Ein komplettes Konzept-Backpiece mit Hinterkopf und hintere Seite der Beine
An diese Körperstelle wage ich mich nicht:
Lisa: Fußsohle
Sven: Zwischen den Zehen
100Hz
Wo: Rosenbergstr. 2, Stuttgart-West
Wer: Simone Stettner
Eine Tattoomaschine surrt im mittleren Frequenzbereich mit 100 Hertz. Im selben Takt surrt Simone Stettners Herz. Mit 18 Jahren lernte sie das Stechen bei der Stuttgarter Institution Arts & Symbols, ein Vierteljahrhundert später eröffnet sie ihr neues Studio im wunderbaren Communal-Konzept Peng Peng. Für Simone schließt sich damit ein Kreis: „Nach einer längeren Unterbrechung mit Fokus auf Malerei und Plastik am Theater bin ich seit 2021 wieder als Tätowiererin tätig.“ Rund 800 gestochene Tattoos später macht sie jetzt also das, wofür ihr Her(t)z schlägt.
Simone Stettner tätowiert im „100Hz“-Studio in Stuttgart-West in ruhiger, konzentrierter Atmosphäre. Foto: Björn Springorum
Ihre Spezialitäten: Fineline und Farbe. „Ich arbeite gern mit sehr feinen, präzisen Linien. Besonders lieb sind mir aber auch bunte Motive, häufig floral oder etwas ausgefallener im Design.“ Ihr helles Studio hängt voller Kunst und ist ein herrlich ruhiger Ort mitten im Trubel des Rosenbergplatzes in Stuttgart-West. Dazu trägt natürlich auch ihre tiefenentspannte Zen-Aura beim Tätowieren bei. „100Hz steht für Ruhe, Vertrauen und individuelle Gestaltung. Ich nehme mir bewusst Zeit für jede Person, entwerfe alle Motive vorab und gebe sie frühzeitig frei, damit genug Raum für Entscheidungen und Anpassungen bleibt.“ Tätowieren ist für sie eben einerseits ein präzises Handwerk und andererseits „persönliche, bleibende Kunst“, wie sie sagt.
Das würde ich gern mal stechen: Jugendstil-Motive sowie klassische Malerei in modern abgewandelter Form in Farbe oder als Fineline-Variante.
An diese Körperstelle wage ich mich nicht: Definitiv Intimbereich sowie Hände, Hals und Gesicht bei jungen Menschen, wenn ich nicht sicher bin, dass sie langfristig gut damit leben werden.
Kleine Katze
Wo: Böblinger Str. 30, Stuttgart-Süd
Wer: Kai Georgiadis, Jule
Miau, die Katzen sind da! Direkt am Marienplatz haben sich Kai Georgiadis und Jule ihr gemeinsames Reich eingerichtet. Nach wochenlanger Handwerkerei haben sie das alte Reisebüro in eine herrlich bunte Botschaft für mehr Farbe in der Haut eingerichtet. Für beide ist Tätowieren mehr als ein Job und eher so etwas wie eine Lebenseinstellung. „Tätowierungen begeistern mich, seit ich vier bin“, erzählt Jule zum Beispiel. „Im Griechenland-Urlaub war ich fasziniert von einem Dude mit Full-Body-Suit-Tattoo voller griechischer Götter. Ich habe wohl noch Wochen später von dem Mann erzählt.“
Kai Georgiadis und Jule arbeiten am Marienplatz in Stuttgart-Süd mit farbintensiven Old-School-Tattoos. Foto: Björn Springorum
Kai wird von den Tattoos seines Vaters angefixt, „die er sich nach eigenen Angaben hinter dem Haus meiner Großeltern im Stehen stechen ließ“, wie er sagt. Bei ihnen läuft Punkrock, willkommen sind alle außer Faschisten und Tierquälern. Wobei, das gilt eh für alle in diesem Artikel. Kai geht da trotzdem noch ein bisschen weiter und übersticht schon mal rechtsradikale Tattoos von Ex-Häftlingen für einen schmalen Taler, um sie wieder gesellschaftsfähig zu machen. Unter die Haut kommt bei beiden viel Farbe, dicke Linien, Schatten, viele Kontraste. Old School eben, frisch interpretiert. Beide leben sich gern aus, Jule mit Sternchen, Herzen, Schädeln oder Rosen, Kai mit einem Mix aus dicken und dünnen Linien. Ansonsten brüsten sich die beiden mit der kleinsten Kaffeemaschine aller Stuttgarter Tattoostudios und einem Dino-Sukulentengarten und viel Tand und Nippes zum Bestaunen, während man bei diesen guten Menschen abhängt. Oder wie Jule sagt: „Es ist eben schon ein Bällebad für Erwachsene.“
Das würde ich gern mal stechen:
Jule: Tribal-Ornamente
Kai: Einen Papagei!
An diese Körperstelle wage ich mich nicht:
Jule: Rund um den Anus ist für mich Sperrzone.
Kai: Intimzonen sind generell Tabu.
Rebel Yell Ink
Wo: Augustenstr. 131, Stuttgart-West
Wer: Isabel Mabel
In the midnight hour, she cried for more, more, more tattoos: Mit Rebel Yell Ink hat sich Isabel Mabel (38) ganz frisch den Tintentraum vom eigenen Studio erfüllt. Davor war sie lange bei Lord’s Bodega, insgesamt hängt sie jetzt auch schon zehn Jahre an der Nadel. Ihr Studio soll aber mehr sein als ein Ort, an dem man sich Tinte unter die Haut jagen lässt – eher ein zweites Wohnzimmer. „Für mich ist das Rebel Yell weniger ein klassisches Studio – ich arbeite ja allein – sondern eher ein sehr persönlicher Raum. Ein Ort, an dem ich konzentriert und in Ruhe kreativ arbeiten kann.“ Gleichzeitig wünscht sie sich, dass es langfristig noch mehr wird als das. „Ich würde hier gerne einen Raum schaffen, in dem auch Austausch stattinden kann – vielleicht in Form von kleineren Sit-Ins oder anderen kreativen Formaten. Eine Art sichere, offene Bubble für Menschen, die genau nach so einem Ort gesucht haben wie ich selbst.“
Isabel Mabel hat mit „Rebel Yell Ink“ ihr eigenes Tattoo-Studio als persönlichen Kreativraum eröffnet. Foto: Björn Springorum
Erst mal ist sie aber sehr glücklich, ihren eigenen Safe Space geschaffen zu haben. „Die Zeit in anderen Studios habe ich sehr geschätzt und unglaublich viel gelernt, vor allem durch die vielen tollen Menschen, denen ich begegnet bin. Gleichzeitig gibt es in so einem Umfeld natürlich auch Phasen, die viel Energie kosten können – das kennt wahrscheinlich jeder.“ Jetzt also der Neustart mit ihrer bewährten Kunst: Isi arbeitet überwiegend mit Schwarz. Zumindest solange, bis es was Dunkleres gibt, eh klar. „Dabei kombiniere ich Elemente aus Halbrealismus, Dotwork und Blackwork.“
Das würde ich gern mal stechen: Am besten mal auf meinem Profil schauen. Da kommen immer mal wieder Flashes.
An diese Körperstelle wage ich mich nicht: Das hat für mich weniger mit Mut zu tun, sondern ist einfach nicht mein Bereich – ich arbeite nicht unterhalb der Gürtellinie.