Liudmyla Selke steht an diesem Freitagvormittag links vor dem sowjetischen Ehrenmal in Tiergarten. Sie hält eine ukrainische Flagge in der Hand. Das Zeigen dieser Fahnen ist, anders als bei russischen Flaggen, an diesem 8. Mai nicht verboten.

Die 54-jährige Ukrainerin, die seit 20 Jahren in Berlin lebt, ist gekommen, um den Tag der Befreiung zu begehen und gegen den Krieg Putins gegen ihr Heimatland zu protestieren. Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft und beendete das Hitlerregime und den Zweiten Weltkrieg, der Millionen Tote gefordert hatte.

Ihre beiden Großväter hätten im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft, erzählt sie. Ihr Opa väterlicherseits sei 1945 sogar bei der Befreiung Berlins dabei gewesen. „Es war ein Sieg über den deutschen Faschismus“, sagt Liudmyla Selke. Und fügt hinzu: „Nun befindet sich die Ukraine im Krieg gegen den russischen Faschismus.“ Ihre Eltern, 77 und 78 Jahre alt, lebten noch immer in der Ukraine. Sie könnten nachts wegen der russischen Angriffe nicht ruhig schlafen.

An diesem Tag wirkt das Ehrenmal ein wenig wie ein Krieg im Kleinen, hier wird nicht mit Waffen gekämpft, sondern mit Worten oder mit Schildern und Flaggen. Rechts neben dem Ehrenmal sind keine Fahnen zu sehen. Dort stehen Menschen mit roten Nelken oder Rosen in den Händen. Es seien alles Putinversteher, sagt ein Mann, der nahe einer Ukrainefahne steht.

Doch nicht jeder, der sich auf der anderen Seite befindet, ist auch auf Putins Seite. „Man muss differenzieren. Damals haben die Sowjetsoldaten unter größten Verlusten Deutschland befreit. Dass wir daran erinnern, ist wichtig und richtig. Andererseits ist heute Putin an der Macht und führt Krieg gegen die Ukraine“, sagt Johannes Weiz. Er ist 58 Jahre alt und hat eine Rose dabei.

Liudmilla Selke mit ihrem Ehemann Bernd Selke (2.v.r.) am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten.

Liudmilla Selke mit ihrem Ehemann Bernd Selke (2.v.r.) am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Zögerlich geht Maria Fröbel die Stufen hinauf, dorthin, wo schon ein paar Kränze und Blumen liegen. Sie hat drei Nelken in der Hand, die sie auf den Rand des Denkmals legt.

Die 77-Jährige lebt in England, ist jedes Jahr zum Tag der Befreiung in Berlin. „Um die gefallenen Sowjetsoldaten zu ehren“, erklärt sie. Dann sagt sie, sie störe, dass Ukrainer mit ihren Fahnen das Gedenken monopolisieren wollen. „Damals haben Soldaten aus allen Sowjetrepubliken gegen Nazideutschland gekämpft, aber hier sind nur ukrainische Flaggen zu sehen“, erklärt sie ihr Unbehagen.

Fröbel ist überzeugt: Der Krieg in der Ukraine sei ein Krieg, den Russland nicht gewollt habe. „Ich bin in Ostdeutschland sozialisiert und habe keine Berührungsängste mit Russland.“ Evelyn Z. steht ein paar Meter weiter, sie ist derselben Meinung. Man habe Russland dazu getrieben, den Krieg zu beginnen, sagt die 48-Jährige aus Mitte. Die Nato sei an der jetzigen Situation nicht ganz unschuldig.

Streit um eine Nato-Flagge vor dem Ehrenmal

Werner D. legt eine rote Rose nieder. Er ist ganz anderer Meinung, trotz seiner Ostherkunft. Vor 61 Jahren wurde er in Lichtenberg geboren. „Russland ist der Aggressor, Russland muss den Krieg beenden“, sagt er. Doch die heutigen Angriffe auf die Ukraine linderten nicht die Verdienste sowjetischer Soldaten zur Befreiung Deutschlands vor 81 Jahren.

Maria Fröbel legt Nelken am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten ab. Sie sieht die ukrainischen Flaggen kritisch.

Maria Fröbel legt Nelken am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten ab. Sie sieht die ukrainischen Flaggen kritisch.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Dann wird es laut vor dem Denkmal. Ein Mann mit Ukraine-Fahne entrollt auf der Treppe eine Nato-Flagge. Eine Polizistin bittet ihn, zur Seite zu treten, weil auch andere Menschen Blumen niederlegen wollten. Was die Polizei störe, die ukrainische oder die Nato-Fahne, will der Angesprochene wissen. Die Beamtin bleibt ruhig, wiederholt ihre Bitte. Der Disput wird von zahlreichen Kameras und Handys aufgenommen. Eine junge Frau zeigt auf die Nato-Flagge und ruft laut: „Die Fahne muss weg.“ Die Polizei kann die tumultartige Situation schließlich beruhigen.

Kurz nach elf Uhr erscheinen die Mitglieder des Berliner BSW-Landesvorstands und legen zusammen mit der Parteivorsitzenden Amira Mohamed Ali eine Kranz am Ehrenmal nieder. „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“, ist auf der Schleife zu lesen.

Wenig später sagt Amira Mohamed Ali, es sei wichtig, sich an damals zu erinnern, an die Leistungen der Sowjetsoldaten. Weil Krieg immer unendliches Elend über alle Menschen, die daran beteiligt sind, bringe. „Auch wenn man jetzt zu Recht das Verhalten der russischen Regierung kritisieren kann, darf das nichts ändern an dem Gedenken daran, was damals geschehen ist.“

Dann erklärt die Parteivorsitzende, dass der Krieg in der Ukraine unbedingt gestoppt werden müsse. Das könne und müsse auf diplomatischen Wege geschehen. Es sei die einzige Möglichkeit, dieses Sterben schnell zu beenden.

Auch am Zugang zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park liegen Blumen.

Auch am Zugang zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park liegen Blumen.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Ein ganz anderes, zum Gedenken passenderes Bild bietet sich an diesem Tag der Befreiung am sowjetischen Ehrenmal in Treptow, dem größten Denkmal für die gefallenen Soldaten der Roten Armee in Deutschland. Dort sind wesentlich mehr Menschen unterwegs, die sich aber auf dem riesigen Areal verteilen. Es strahlt eine große Ruhe aus.

„Ich bin tief betrübt, dass wieder Krieg herrscht“

Auf den Stufen zu der riesigen Statue eines sowjetischen Soldaten, der ein Kind auf seinem linken Arm hält und in der anderen Hand ein Schwert trägt, liegen Rosen, Nelken, Tulpen, Maiglöckchen und kleine Kränze. Maria K. ist 32 Jahre alt und mit ihrem kleinen Sohn die Stufen nach oben gelaufen. Der Junge hält eine Rose in der Hand.

„Ich habe noch nie einen Krieg erlebt und will auch, dass mein Sohn niemals in den Krieg ziehen muss“, sagt die Physiotherapeutin. „Aber wir Menschen vergessen leider zu schnell, was Kriege immer wieder angerichtet haben. Deswegen sind wir Beide heute hier.“

Monika Niendorf und ihr Lebensgefährte Wolfgang Rademacher kommen jedes Jahr zum sowjetischen Ehrenmal in den Treptower Park.

Monika Niendorf und ihr Lebensgefährte Wolfgang Rademacher kommen jedes Jahr zum sowjetischen Ehrenmal in den Treptower Park.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Auch vor der Skulptur „Mutter Heimat“ liegen Kränze und Blumen. Der Ernst-Busch-Chor bereitet sich auf seinen Auftritt vor. Klappstühle werden herbeigetragen. Monika Niendorf und ihr Lebensgefährte Wolfgang Rademacher haben früher beim Rundfunk gearbeitet. Jedes Jahr kommen sie zum Tag der Befreiung in den Treptower Park – mit Nelken.

„Ich bin tief betrübt, dass wieder Krieg herrscht, dass ein einziger Mann einen Krieg beschließen kann“, sagt die 87-jährige Monika Niendorf. „Wir haben beide in Berlin erlebt, was Krieg bedeutet“, ergänzt der 91-Jährige Wolfgang Rademacher. So etwas sollte nie wieder geschehen, nirgends auf der Welt.

Bis zum Nachmittag verlaufen die Feierlichkeiten friedlich und ohne Störaktionen, so die Berliner Polizei, die mit 380 Einsatzkräften die Veranstaltungen absicherten.

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