„Betonmonster werden inbrünstig gehasst“, sagt Oliver Elser. Der Begründer der Initiative #SOSBrutalism sagt, wie es mit dem Wittwer-Bau in Stuttgart weitergehen könnte.
Ja, der Protest in Stuttgart formiert sich: Der Bund deutscher Architektinnen und Architekten und die Universität Stuttgart planen eine gemeinsame Veranstaltung in Juni. Die Kampagnen-Webseite „wittweristnichtfertig.de“ startet in Kürze. Die „Architects for Future“ bereiten ebenfalls Aktionen vor.
Architekt uns #SOSBrutalism-Begründer Oliver Elser. Foto: DAM/Moritz Bernoully
Wie stehen Sie zur offiziellen Position des Denkmalschutzes, am Gebäude selbst und am städtebaulichen Umfeld sei in den vergangenen Jahrzehnten zu viel verändert worden?
Einspruch: Soviel wurde ja gar nicht verändert. Die graue Farbe auf dem wunderbaren Sichtbeton könnte leicht entfernt werden, dafür gibt es ein Vorbild in St. Gallen, wo das keine Unsummen gekostet hat. Außerdem steht im Denkmalgesetz nichts von „Originalzustand“. Es geht laut Gesetz um eine Gesamtbewertung aus mehreren Faktoren, da fließt auch das öffentliche Interesse ein, was offenbar gewaltig ist, wie aktuell die vielen Stellungnahmen aus Stuttgart zeigen. Aber auch ohne die Daumenschrauben des behördlichen Denkmalschutzes sollte die bloße Vernunft es uns verbieten, solide Betonbauten abzureißen, um sie durch neue Betonbauten zu ersetzen. Allein was die Entsorgung des Rohbaus kosten würde, um kurz darauf einen ganz ähnlichen Rohbau hochzuziehen: Wahnsinn.
Was wünschen Sie sich für das so prägnante Gebäude am Stuttgarter Schlossplatz?
Dass die Dinkelacker AG entdeckt, dass dieses robuste Bauwerk ein Vorzeigeprojekt der sinnvollen Transformation werden könnte, ein bisschen Kreativität vorausgesetzt. Stuttgart hat hervorragende Architekten, die das hinbekommen würden. Wir als DAM begleiten diesen Prozess weiter, denn im kommenden Jahr ist eine Ausstellung zum Thema Abrissvermeidung angesetzt. Da läge der Wittwer-Bau dann entweder als Modellnachbau zusammen mit unzähligen anderen auf einem riesigen Schuttberg, leider, oder er käme in die strahlende Auswahl der geglückten Rettungsaktionen.
Konnte die Initiative #SOSBrutalism schon Bauwerke retten?
Zu Rettung braucht es immer viele Beteiligte. Beim sogenannten Mäusebunker in Berlin wurde uns immerhin vom obersten Landesdenkmalpfleger in einem Interview bescheinigt, dass wir einen wichtigen Anteil an dessen Rettung hatten. #SOSBrutalism ist nicht bloß so ein Internet-Phänomen mit 61.000 Followern.
Wer unterstützt denn das Projekt?
Dahinter stehen seit über zehn Jahren die Wüstenrot Stiftung aus Ludwigsburg und das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt, verbunden durch ein Forschungsprojekt, zu dem eine Online-Datenbank mit weltweit 2320 Einträgen gehört. Gemeinsam haben wir 2017 eine Ausstellung mit einem längst vergriffenen Katalog gemacht, der in vielen Denkmaldebatten als Standardwerk genannt wird.
Wie waren die Reaktionen?
Das Echo war gewaltig, wir hatten 48.000 Besucher, dann wanderte die Ausstellung über Aalen, Bochum und Wien bis nach Taiwan und an die Universität Yale. Auch die Publikumspresse hat berichtet wie selten zuvor, bis hin zum „heute journal“. Es stimmt einfach nicht, dass nur die Architekten den Brutalismus lieben.
Gibt es denn brutalistische Bauten in Stuttgart, die nicht erhaltenswert sind?
Nein, denn nahezu jedes Gebäude eignet sich dazu, weiterentwickelt zu werden. Unserer Gesellschaft fehlt zwischen den beiden Extremen, also dem Abriss einerseits und dem Denkmalschutz als entgegengesetztem Pol, ein Stück weit das Dazwischen, also die intelligente Umbaukultur. Frühere Generationen haben immer mit dem Bestand gearbeitet, aus Sparsamkeit. Wir hingegen leben in einer viel zu reichen Wegwerfgesellschaft, das ist doch allen klar, und alle regen sich zu Recht darüber auf, dass nichts mehr repariert, sondern „entsorgt“ wird.
Gibt es weitere gefährdete Bauten in Stuttgart und in der Region, die Ihre Initiative auf der Liste hat?
Die Rote Liste umfasst international 181 Bauten, davon allein in Deutschland momentan 41 Gebäude. In Stuttgart und Umgebung sind es diese drei: Die Staatliche Verwaltungsschule von Rolf Gutbier in Stuttgart, 1968–1971, die ehemalige Pädagogische Hochschule in Esslingen von Sibin Djordjević und Milena Stanković, einem Architektenpaar aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus den Jahren 1972–1979 und schließlich die Fuchsrainschule in Stuttgart-Gablenberg von 1974.
Warum sind Betonbauten dermaßen gefährdet, dass es eine SOS-Aktion geben muss?
Der Brutalismus geht weder besonders schnell kaputt noch ist seine Sanierung überproportional teuer, das haben wir zuletzt anhand des Gymnasiums in Gammertingen im Landkreis Sigmaringen von Hannes Rosenkranz aus den Jahren 1964 bis 1973 nachweisen können. Allerdings werden viele „Betonmonster“, wie wir sie liebevoll nennen, inbrünstig gehasst. Daher gibt es uns. Wie beispielsweise in Aalen argumentieren wir dann, dass das Rathaus außen vielleicht nicht allen gefällt. Innen jedoch ist es so wertig und handwerklich gekonnt verarbeitet und bietet ein so großzügiges Stadtfoyer, wie das heute bei einem Neubau niemals zu bezahlen wäre.
Kritiker gerade auch aus der Architektenschaft monieren, das Interesse am Brutalismus sei nur eine Modeerscheinung, da die sogenannten Betonmonster auf Instagram und TikTok so imposant aussähen? Wie gehen Sie damit um?
Es geht nicht nur um Mode, Geschmack, Wohlgefallen. Der Brutalismus ist Teil unseres Kulturerbes, man muss ihn im Zusammenhang sehen. Sprechen wir konkret über den Wittwer-Bau: Er steht an der Königstraße. Die ist ein Freilichtmuseum zur Architekturgeschichte der Geschäftshauskultur! Das ist doch grandios, das gibt es in Deutschland kein zweites Mal: Das Haus Englisch, der Stohrer-Bau (Nr. 33), der expressionistische Mittnachtbau, der Königin-Olga-Bau – die Liste ist noch nicht vollständig – und eben mittendrin das Buchhaus Wittwer.
Das ehrt ja die Stuttgarter Baukultur.
Vergleichen Sie das mal mit der Einkaufsmeile „Zeil“ in Frankfurt. Hier bei uns herrscht totale Gleichförmigkeit, alles Markante wurde längst beseitigt. Identität und Aufenthaltsqualität, das erzielen Sie nicht, indem alles glattgebügelt wird. Vielfalt ist eine Qualität im Stadtbild. Das Wittwer-Haus abzureißen wäre ein tragischer Verlust in dieser Kette herausragender Bauten.
Info
Zur Person
Oliver Elser, Jahrgang 1972, hat 2015 die Initiative „SOS Brutalismus“ gegründet. Er hat Architektur in Berlin studiert und arbeitet als Kurator am Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main.