Die Fotoarbeiten in der Männertaz basieren auf einer nur scheinbar simplen Frage: Was ist Männlichkeit (heute) für dich? Das wollte unsere Fotoredakteurin Elke Seeger von vielen taz-Fotograf:innen wissen, antworten sollten sie mit visuellen Statements und einer kurzen Erklärung. Einige hatten sich ohnehin schon mit dem Thema Männlichkeit beschäftigt, andere schauten in ihren Archiven und auf ihren Rechnern, wo es in ihrem Werk um Männlichkeit ging. Ihre gesammelten Antworten finden Sie hier in dieser Bilderstrecke.

Männlichkeit in ihrer Vielfalt darzustellen und unterschiedliche Perspektiven zu zeigen, war dabei unser Ziel. Vollständig können die Blicke auf Männlichkeit natürlich nicht sein, manche Facetten konnten wir – genau wie in den Texten der männertaz – nicht abbilden.

Ute Behrend

Ein müder Cowboy in schmutziger Kleidung

Foto:
Ute Behrend

„Dass ein Teil unserer Gesellschaft Zuschreibungen wie ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ aufbrechen und sich von männlicher Vorherrschaft befreien will, macht viele Männer unsicher. Vor allem rechte Positionen zeigen, dass es einen tiefen Wunsch gibt, Frauen zu besitzen, über sie zu bestimmen und sie gegebenenfalls auch zu zerstören. Gleichzeitig leben viele Frauen und Männer längst schon gleichberechtigt zusammen. Die Figur des Cowboys kommt dem entgegen. Als romantisiertes männliches Ideal arbeitet er hart, feiert wild, liebt Tiere und sieht gut aus. Das gefällt Frauen und Männern. Bei Rodeos mit Bullen und Pferden kann er sich mit anderen Männern messen, er darf aber auch leiden, wenn er sich verletzt, traurig sein, wenn er verliert, und kann sich des Respekts und der Achtung anderer Männer sicher sein, wenn er gewinnt.“

Ute Behrend ist Künstlerin, Verlegerin und Dozentin. Sie lebt und arbeitet in Köln. Ihre Fotografien und Installationen wurden international ausgestellt und mehrfach ausgezeichnet. Das Foto stammt aus dem Band „Cowboys. After Barbed Wire“, das 2025 in ihrem Verlag Bummbumm Books erschienen ist.

Nikita Teryoshin

Ein Mann mit Mundschutzmaske wird von zwei Polizisten davongetragen

Foto:
Nikita Teryoshin

„Drei Männer, drei Entscheidungen. Ist es männlich, Befehle zu befolgen oder sich denen zu widersetzen?“

Nikita Teryoshin wurde 1986 in Leningrad, heute Sankt Petersburg, geboren. Als er 13 Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Dortmund und studierte später Fotografie. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Seine vielfach ausgezeichnete Serie „Nothing Personal“ beschäftigt sich mit dem globalen Waffenhandel. Das Foto stammt aus seinem Projekt „Zeitenwende – Frieden in Schussweite“. Es zeigt, wie ein Aktivist während einer Rede von Julia Klöckner am ersten Nationalen Veteranentag im Juni 2025 vor dem Berliner Reichstag von Securitys abgeführt wird.

Brigitte Kraemer

Dre Männer mit nackten Oberkörpern spiegeln sich in einer Autokarosse

Foto:
Brigitte Kraemer

„Der amerikanische Superschlitten ist für viele Männer der Gipfel aller Träume. Stolz präsentieren sie das protzige Gefährt – und sich selbst.“

Brigitte Kraemer, Jahrgang 1954, ist freie Fotografin im Ruhrgebiet. In ihrem Bildband „Mann und Auto“, erschienen 2007 im Klartext Verlag, spürt sie der speziellen Symbiose mit weiblichem Blick nach. Das Foto hat sie auf dem US-Car-Treffen auf einem stillgelegten Flugplatzgelände in Brandenburg aufgenommen. Weitere Fotografien aus über 40 Jahren ihrer Arbeit sind in der Ausstellung „Wie man lebt – wo man lebt“ noch bis zum 31. August 2026 im Ruhr Museum in Essen zu sehen.

Peter Wieler

Männer aus verschiedenen Genrationen sind gleich gekleidet, Familienfoto

Foto:
Peter Wieler

„Es geht um den Vater. Und um den Sohn. Auch um den Großvater und den Enkel. Vielleicht auch noch um den Bruder, den Onkel und den Neffen. Es geht um Männer und Jungs in der Familie, in einer Familie.“

Peter Wieler ist seit 1993 als freier Fotograf tätig. Viele Jahre war er für das Essener Stadtmarketing unterwegs, dann fotografierte er im Auftrag des Deutschen Bundestags und für das Land Nordrhein-Westfalen. Für seine Bildserien „Mütter & Töchter“ (2024) und „Väter & Söhne“ (2020/21) holte er rund 600 Protagonist*innen vor seine Studioleinwand. Die Bilder geben intime Einblicke in ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Hier zu sehen sind drei Männergenerationen der Familie Issa.

Benedikt Burger

Ein junger Mann hält sich die Hand vor sein Gesicht, zwei Finger sind ausgestreckt um eine Waffe zu simulieren

Foto:
Benedikt Burger

„Männlichkeit ist für mich kein fester Zustand. Sie ist ein soziales Konstrukt – verhandelbar, individuell und massiv von äußeren Faktoren geprägt. Mich interessiert, wie diese äußeren Faktoren das visuelle Selbstverständnis von Jugendkulturen formen. Soziale Medien sind für mich dabei der faszinierendste und beunruhigendste Faktor zugleich. Algorithmen entscheiden, welche Bilder sichtbar werden, welche Körper, welche Posen, welche Männer. Für junge Männer heute bedeutet das, die eigene Identität in einem Raum zu verhandeln, der zwar offen, aber zutiefst normiert ist.“

Benedikt Burger, Jahrgang 1998, ist in Bayern aufgewachsen und lebt heute als Fotograf in Berlin. In seinem Werk setzt er sich mit den Konstrukten und Brüchen von Männlichkeit auseinander. In seiner aktuellen Serie „Rhizom“ untersucht er, wie sich junge Männer eines Jugendclubs in Cottbus in digitalen Räumen inszenieren. Die Arbeit wird erstmals Anfang Juni beim Fotofestival Horizonte in Zingst gezeigt.

Hannes Jung

ein Mann hütet Kühe in einer Nebellandschaft

Foto:
Hannes Jung

„Ich schätze es, wenn Männer es schaffen, über Schwierigkeiten in ihrem Leben zu sprechen. Zihnija, der in den Bergen bei Kakanj, Bosnien-Herzegowina, seine Kühe füttert, ist so ein Mann. 2017 habe ich begonnen, Männer zu fotografieren, die sexualisierte Gewalt im Bosnienkrieg überlebt hatten. Zihnija verbringt seine Zeit am liebsten mit Tieren. ‚Meine Kühe, so scheint es mir, verstehen mich, und ich verstehe sie‘, schrieb er mir damals. ‚Niemand kann das verstehen außer denen, die in den Lagern waren: wie Vieh behandelt, angekettet und misshandelt zu werden. Ich halte die Tiere gerne draußen und behandle sie besser, als die Täter damals mich und andere behandelt haben.‘ 21 Jahre nach dem Verbrechen ging Zihnija mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Für mich ist er ein Vorbild, auch wenn er sich vielleicht nicht als eines sieht.“

Hannes Jung, 1986 geboren, studierte Fotografie in München, Valencia und Hannover. In seiner Arbeit setzt er sich mit der Verletzlichkeit des menschlichen Lebens und sozialen Spannungen auseinander. Für die Fotoreihe „Men don’t cry“ erhielt er 2025 den Lotto-Brandenburg-Kunstpreis Fotografie. Sie ist noch bis Ende Juni im Haus am Kleistpark in Berlin zu sehen.

Fred Hüning

Ein Mann lehnt seinen Kopf an den Kopf eines Pferdes

Foto:
Fred Hüning

„Der Schauspieler John Wayne war mein Kindheitsheld und mein Inbegriff von Männlichkeit. Im US-amerikanischen Western ‚Red River‘ prügeln sich Wayne und Montgomery Clift fast zu Tode, bis sie am Ende aus ihren Initialen ein gemeinsames Brandzeichen für ihre Rinder kreieren (Funfact dazu: Macho Wayne hasste den offen homosexuellen Clift abgrundtief). 50 Jahre später traf ich im Rahmen eines Projekts auf Thomas aus Groß Fredenwalde: Altlinker, Ex-Kreuzberger, Zopfträger, taz-Leser – der krasse Gegenentwurf zum Marlboro-Mann. Seinen Apfelschimmel mit dem Namen Manolo Quilete kann er nicht mehr reiten, weil das Pferd Rückenprobleme hat. Dafür gehen die beiden regelmäßig durch die uckermärkische Westernlandschaft spazieren.“

Fred Hüning, 1966 in Norddeutschland geboren, hat Fotografie in Berlin studiert und arbeitet seit 2007 als freier künstlerischer Fotograf. In mehreren Reihen zeigt er seine künstlerischen Annäherungen an das Thema Pferd. Das Bild stammt aus dem Projekt „Pferdemenschen“, das noch bis Mitte Mai im Kunsthaus Erkrath bei Düsseldorf zu sehen ist.

Rainer Christian Kurzeder

Ein Vater und sein kleiner Sohn im Italienurlaub

Foto:
Rainer Christian Kurzeder

„Männlichkeit zeigt sich für mich nicht in dem, was sichtbar ist, sondern in dem, was unausgesprochen bleibt. Auch Vater und Sohn begegnen sich oft ohne Worte, irgendwo zwischen Nähe und Distanz, Schutz und Unsicherheit. In diesem Zwischenraum beginnen Erwartungen an Männlichkeit zu bröckeln. Dort wird sie fragil.“

Rainer Christian Kurzeder lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin. In seinem Werk erforscht er Identitäten, Beziehungen und emotionale Zwischenräume, in seinem aktuellen Projekt „Beyond the Silence“ geht es um die Beziehung zwischen queeren Söhnen und ihren Vätern. Auf dem Foto ist Kurzeder als kleiner Junge mit seinem Vater zu sehen, irgendwann in den Neunzigern im Italienurlaub. Die Serie ist noch bis zum 21. Juni im Haus am Kleistpark in Berlin ausgestellt.

Dennis Yenmez

Eine Männerhand schnippt Zigarettenasche in einen Aschenbecher, am Handgelenk ist eine Perlenkette

Foto:
Dennis Yenmez

„Vielleicht beginnt eine andere Form von Männlichkeit dort, wo Härte keine Pflicht mehr ist.“

Dennis Yenmez, 1982 geboren, ist Fotograf und Fotoredakteur. Schon in seiner frühen Schaffensphase mit Stationen in den USA, dem Ruhrgebiet und Istanbul stand für ihn der Mensch im Kontext seiner Umgebung und Geschichte im Vordergrund. Im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Folkwang Universität der Künste begleitete er trans Menschen in ihren privaten und sozialen Räumen, den Nachtclubs, Bars und Bühnen Berlins. Entstanden ist die Fotoserie „Das andere Ich“.

Jens Gyarmaty

Männer in einer Umkleidekabine

Foto:
Jens Gyarmaty

„In der Kindheit waren die amerikanischen Wrestler unsere Helden. Ihre Signature-Moves entschieden über Sieg und Niederlage. Die Charaktere beeinflussten unsere Vorstellungen von Männlichkeit.“

Jens Gyarmaty lebt und arbeitet in Berlin. In seinen Fotografien untersucht er den Raum zwischen Realität und Darstellung – zwischen dem, was wir erleben, und dem, wie wir Erlebtes erinnern und weiterdenken. Das Foto zeigt die Wrestler Cash Money Erkan und Georges Khoukaz in der Umkleidekabine. In einer Turnhalle in Berlin-Neukölln fand 2018 ein von der German Wrestling Federation organisiertes Training statt.

Johanna Maria Dietz

ein nackter Männerkörper ist in goldenes Licht gehüllt

Foto:
Johanna Maria Dietz

„Wie kann ich wissen, was ich begehre, wenn die Bilder von Begehren, mit denen ich aufgewachsen bin, überwiegend von Männern gemacht wurden? John Berger schrieb 1972 in ‚Ways of Seeing‘: ‚Men look at women. Women watch themselves being looked at.‘ Er beschreibt damit eine Blickhierarchie, die uns bis heute prägt. Es gibt nur wenige Bilder, in denen Männer aus einer weiblichen Perspektive heraus begehrt werden.

Vielleicht war auch ich oft mehr damit beschäftigt, dem männlichen Blick zu entsprechen, als mich zu fragen, was ich selbst an Männern begehrenswert finde. In meiner Arbeit versuche ich, mich dem anzunähern – dem, was oft als female gaze beschrieben wird und sich dennoch schwer greifen lässt.“

Johanna Maria Dietz, 1996 geboren, lebt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Sie studierte Soziologie und Philosophie in Münster sowie Fotografie an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin. Das Foto stammt aus der Serie „Adonis“ (2024–2025).

Anja Weber

Eine Person hat die Arme verschränkt und schaut ganz ernst

Foto:
Anja Weber

„In meinen Fotografien befrage ich Männlichkeit als variable Praxis, als etwas, das immer wieder neu behauptet wird. Mich interessiert das Begehren, das sich in der Inszenierung von Männlichkeit zeigt. Ich bewundere Menschen dafür, dass sie ihre eigene Realität leben und sich als Personen zeigen.“

Anja Weber ist Fotografin und Professorin für Fotografie an der Merz Akademie, Stuttgart. Seit 30 Jahren fotografiert sie queeres Leben. Zuletzt realisierte sie eine Sichtbarkeitskampagne für Inter* Personen in Berlin. Die Porträtserie „California Men“ aus dem Jahr 2008, aus der das Foto stammt, untersucht Männlichkeit im Kontext einer Zeit, in der queere Menschen sichtbarer wurden und gleiche Rechte erkämpften. Aktuell werden sie dieser Rechte wieder beraubt und insbesondere Trans* Menschen gezielt zur politischen und sozialen Spaltung angegriffen.

Bettina Filter

Ein kleiner Holzverschlag steht unter der Hochbahn in Berlin

Foto:
Bettina Flitner

„Über Männlichkeit sollten sich die Frauen nicht mehr den Kopf zerbrechen, das haben sie lange genug gemacht. Das können die Männer heute gerne selber tun“

Bettina Flitner, 64, ist Fotografin und Autorin, sie lebt in Berlin und Köln. Sie schreibt und fotografiert unter anderem Porträts und sozialkritische Reportagen. Das Foto einer sogenannten Verrichtungsbox in Berlin stammt aus ihrem Band „Prostitution, Freier – Frauen – Orte“, der 2025 im Kehrer Verlag erschienen ist.

Sophie Kirchner

Ein junge Mann in legerer Kleidung sitzt auf einem Hocker in einem Fotostudio

Foto:
Sophie Kirchner

„Der ostdeutsche Mann, der in Kleinstädten oder auf dem Land lebt, wird oft defizitär dargestellt. Als der, der zurückbleibt. Wie unterschiedlich diese Männer sind, geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter, mich aber interessiert es als Fotografin. Ich habe meinen Fotografenkollegen Philipp Baumgarten besucht. Er lebt nach Stationen in Dresden, Karlsruhe und Berlin wieder in seiner Heimat Zeitz.

Wegzugehen sei für ihn wichtig gewesen, sagt er. Früher habe er das Bleiben eher als Stillstand empfunden. Heute sehe er vieles differenzierter: ‚In Zeitz ist vieles möglich, was anderswo nicht möglich ist.‘ Gleichzeitig bleibe offen, ob die Stadt für ihn dauerhaft Lebensmittelpunkt sein werde: ‚Wer weiß schon, was kommt.‘‘“

Sophie Kirchner, 41, lebt als Porträt- und Dokumentarfotografin in Berlin. Sie arbeitet für Zeitungen, Agenturen und Unternehmen. Das Foto ist aus ihrer Serie „Bleiben“.