
AUDIO: Korngolds „Die tote Stadt“ in der Staatsoper Hannover (4 Min)
Stand: 09.05.2026 11:11 Uhr
Wenn eine Person stirbt, können wir sie neu kennenlernen – wie Erich Wolfgang Korngolds Protagonist Paul in der Oper „Die tote Stadt“. Jetzt kommt das Werk zum ersten Mal an der Staatsoper Hannover auf die Bühne – hören Sie die Premiere hier ab 19.05 Uhr live!
Ein übergroßes Triptychon füllt die Bühne, darauf Fotos aus glücklichen Zeiten eines Paares. Diese sind unwiederbringlich vorbei: Nach dem Tod seiner Frau Marie hat Paul ein Zimmer seines Hauses in eine Gedenkstätte für sie verwandelt.
„Er klammert sich an alles, was mit dieser Frau zu tun hat“
Mit dem Verlust sei er vollkommen überfordert, sagt der Tenor Mirko Roschkowski, der Paul darstellt: „Er ist voller Liebe, voller Sehnsucht und kann überhaupt nicht loslassen. Es ist spannend zu sehen, wie es immer noch weiter runter geht und seine Verzweiflung weiter wächst. Paul sieht Hoffnungsschimmer, wo gar keine sind, und klammert sich an alles, was mit dieser Frau zu tun hat.“ Die Partie sei wie ein Psychogramm.
Mirko Roschkowski kommt aus dem Mozart-Fach. Über die großen Partien bei Berlioz und Halévy hat er sich zum erfolgreichen Lohengrin-Interpreten entwickelt. Korngolds Paul sei da deutlich weniger lyrisch, sagt der Tenor. Die Herausforderung bestehe eher darin, dass die Figur im Prinzip ununterbrochen auf der Bühne ist. Und das in einer großen Bandbreite an Musikfarben, beeinflusst mehr von spätromantischen Vorbildern denn von Zeitgenossen Korngolds wie Alban Berg und Anton Webern.
Regisseurin Ilaria Lanzino: „Diese Reise ist verrückt“

Ein ganzes Heer von Maries: Szene aus „Die tote Stadt“ an der Staatsoper Hannover
„Die Musik hat entweder etwas total Perkussives oder schwelgerische Melodien wie zum Beispiel das fantastische Duett ‚Glück, das mir verblieb'“, sagt Regisseurin Ilaria Lanzino. „Es gibt aber auch sehr düstere Seiten. Diese Reise ist so verrückt wie auch die Musik.“ Man könne nicht in Worte fassen, was in dem Stück mit der Musik passiert und sei beim Zuhören streckenweise „harmonisch desorientiert“.
Es ist die Verarbeitung des Todes in einer Traumwelt, in der Paul seiner geliebten Marie wieder begegnet. Das wird dadurch befeuert, dass er die Tänzerin Marietta trifft und in ihr eine Wiedergängerin seiner Frau sieht. Im Bühnenbild scheint der Anfang des 20. Jahrhunderts mit Phänomenen wie Freuds Psychoanalyse und dem Hang zum Okkulten durch. Etwa wenn Marie in einer düsteren Moorlandschaft steht und sich der Chor in ein ganzes Heer von Maries verwandelt – auch in der Gestalt von Marietta scheint sie da zu stehen.
Paul sucht Antworten, wer Marie wirklich war
„Marietta ist keine getrennte Figur von Marie“, erklärt die Regisseurin. „Es ist eine Facette, die Paul, ihr Ehemann, post mortem von ihr kennenlernt. Aber es ist nicht die einzige Facette.“ Paul erfahre Geschichten aus Maries Kindheit und Jugend und entdecke dabei ihr Inneres. „Sie ist eine komplexe Künstlerin und eine komplexe Frau, die sich das Leben genommen hat – und Paul sucht nach Antworten, wer sie wirklich war.“
Wer wir sind, zeigt sich im Spiegel des Gegenübers. Der Trauerbewältigung aus der Männerperspektive fügt Ilaria Lanzino eine feministische Facette hinzu. Marietta als Hure zu zeigen, wie die Musik es andeutet, will sie nicht. Und auch Marie ist nicht nur eine Heilige. Nicht zuletzt aber geht es um ein universelles Thema: wie wir ganz individuell Trauer verarbeiten, die uns auf der anderen Seite aber auch verbindet.

Heute live aus der Staatsoper Hannover: „Die tote Stadt“
Hören Sie die Premiere von Erich Wolfgang Korngolds Oper hier ab 19.05 Uhr im Livestream!
- Datum:
- 09.05.2026, 19:30 Uhr
- 14.05.2026, 18:30 Uhr
- 23.05.2026, 19:30 Uhr
- 29.05.2026, 19:30 Uhr
- 07.06.2026, 18:30 Uhr
- 18.06.2026, 19:30 Uhr
- 27.06.2026, 19:30 Uhr
- Ort:
-
Staatsoper Hannover
Opernplatz 1
30159
Hannover