Der Flieder duftet. Kastanien strecken ihre Blüten in den blauen Himmel. Aus dem Gebüsch zwischen zwei Wohnblocks ruft ein Sprosser. Ganz schön grün ist es in Grünau. In einem der sogenannten Punkthochhäuser bewohnt der Fotograf Harald Kirschner eine Maisonette-Wohnung im 15. und 16. Stock. Dort angekommen, weist Kirschner zuerst aus dem Fenster: „Deswegen sind wir noch hier.“ Der Ausblick über Leipzig ist atemberaubend.

Seit 1981 wohnt das Ehepaar Harald und Jutta Kirschner hier. Der Fotograf und die Illustratorin bekamen die dringend benötigte Wohnung damals über den Bund Bildender Künstler zugeteilt, als ihr zweites Kind unterwegs war.

130 Quadratmeter für 200 Ostmark

Der Antrag lief da schon vier Jahre. „Auf einmal hieß es: Wir haben eine Wohnung für euch!“ Die Freude darüber sei aber recht schnell verflogen, erzählt Kirschner: „Als wir hörten, die sei in Grünau, waren wir enttäuscht.“ Das Künstlerpaar befürchtete, in diesem noch unfertigen und zudem abgelegenen Viertel vom kulturellen Leben der Stadt abgeschnitten zu sein. „Viele haben dann gesagt: Also wenn ihr das nicht macht, dann seid ihr blöd. Das sind immerhin 130 Quadratmeter – und das für 200 Ostmark, das war ja geschenkt.“

Inzwischen sind die Kinder aus dem Haus und der Fotograf hat sich mit Dunkelkammer und einem Arbeitsraum im Obergeschoss eingerichtet. Dort schlummern, in Grafikschränken und unzähligen Schachteln, die Abzüge und Negative aus 50 Schaffensjahren. 

Das Leben vor der Haustür einfangen

1944 in Reichenberg, dem heutigen Liberec, geboren, studierte Kirschner ab 1968 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Sieghard Liebe und Heinz Föppel. Seitdem ist die sozialdokumentarische Fotografie sein Metier. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen, positiv wie negativ, ist ihm bis heute wichtig.

„Als ich dann hier nach Grünau zog, da lag das Thema vor meiner Haustür“, berichtet er, „da brauchte ich bloß rausgehen und fotografieren.“ Nur Zeit habe man mitbringen müssen, meint er. Warten auf den richtigen Moment, um dann schnell auf den Auslöser zu drücken. Manchmal, so erzählt er mit schelmischem Lächeln, habe er als Tarnung auch seine kleine Tochter mitgenommen: „Das war auch ein Schutz: da kommt ein Vater mit dem Kinderwagen, mit dem Baby. Da kann nichts passieren.“

Gummistiefel für das „Schlammhausen“ Grünau

Die Aufnahmen, die damals entstehen, zeigen ein ganz anderes Grünau. Eines, das den Beinamen „Schlammhausen“ trug. Noch ohne Kastanienbäume und Fliederbüsche. Stattdessen allgegenwärtig auf den Fotos: Gummistiefel. Noch immer wuchsen neue Wohnblöcke in die Höhe. Überall warteten Baumaterial und Baumaschinen auf ihren Einsatz. Befestigte Straßen fehlten hingegen noch, erinnert sich Kirschner: „Für uns war damals wichtig: Wie wollen wir heimisch werden? Wie wollen wir uns wohlfühlen und sozial miteinander leben?“

Harald Kirschner setzt sich ein, wird zeitweilig Leiter der Hausgemeinschaft, die regelmäßig Kinderfeste organisiert oder sich um die Außenanlagen kümmert. Nebenbei hält er das gemeinsame Vortasten in dieses neue, noch unbekannte Leben, mit seiner Kamera fest. Vor allem die Kinder: Inmitten von Schuttbergen spielend, beim Herumklettern auf halsbrecherisch hohen Betonelementen, beim Baden in Pfützen.

Für uns war damals wichtig: Wie wollen wir heimisch werden? Wie wollen wir uns wohlfühlen und sozial miteinander leben?

Harald Kirschner, Fotograf

Abenteuerspielplatz Baustelle

„Das Besondere war, dass die Kinder diesen Zustand voll in Besitz nahmen“, erklärt Kirschner sein Interesse. Ein großer Abenteuerspielplatz sei das Viertel für sie gewesen. „Da wurde gebaut und gespielt. Manches war auch durchaus gefährlich. Ich staune selbst, dass wir das damals so einfach zugelassen haben.“

Auch nach dem Mauerfall fotografiert Kirschner die Veränderungen vor seiner Haustür: Den Einzug der Westprodukte in die Kaufhallen, die Container-Filiale einer Bank. Seine jüngste Bilderstrecke entstand in einem Elfgeschosser, kurz vor dessen Abriss. In dem von den Bewohnern liebevoll „Eiger Nordwand“ genannten Block fotografierte er die Wohnungen, nachdem alle Mieter ausgezogen waren.

Heute vermisst der 82-Jährige vor allem das Miteinander in den Hausgemeinschaften. Auf die Frage, was er, ganz persönlich, an Grünau möge, muss er erstmal überlegen: „Den Kulkwitzer See. Der ist gar nicht so weit und der hat das schönste Wasser in Sachsen. Echt.“ Dabei schaut er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in die Ferne.