Bei einer Leserführung über den W&W-Campus in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) staunten viele Teilnehmer über die moderne Arbeitswelt. Ein Detail löste derweil Verwunderung aus.
Keine festen Schreibtische, keine Bürotüren, dafür Palmengarten, eigene Arztpraxis, Wok-Station und Rückenfit-Kurs in der Turnhalle: Der W&W-Campus in Kornwestheim wirkt auf manche Besucher fast wie eine kleine eigene Stadt. Bei der Leserführung durch die Konzernzentrale wurde schnell klar: Bei dem drei Jahre alten Campus geht es nicht nur um Architektur, sondern um eine völlig neue Arbeitswelt – die den einen oder anderen älteren Teilnehmer auch etwas skeptisch zurückließ.
Die Idee eines großen Unternehmenscampus entstand in den Jahren nach der Fusion von Wüstenrot und Württembergische zur W&W im Jahr 1999. Die Identifikation der Mitarbeiter mit dem einen oder anderen Tochterunternehmen war groß, das Gemeinschaftsgefühl viel kleiner. Deshalb sollten nicht nur die vielen Standorte zusammengezogen, sondern auch eine neue Unternehmenskultur geschaffen werden.
Frankfurter Skyline in Kornwestheim
Lange wurde nach einem Standort gesucht, berichtet Campus-Projektleiter Jörg Tigges bei der Führung für die Leserinnen und Leser dieser Zeitung. Am Stuttgarter Flughafen, in der Innenstadt oder doch Richtung Karlsruhe? Am Ende fiel die Wahl auf das eigene Areal gegenüber vom berüchtigten Wüstenrot-Turm in Ludwigsburg.
Modernes Ambiente in der Kantine Foto: Simon Granville
„Es gab die wildesten Entwürfe“, sagte Tigges während der Führung. Es hätte auch sein können, dass hier ein kleines Frankfurt mit riesigen Hochhäusern zwischen Kornwestheim und Ludwigsburg entsteht. Die Verantwortlichen hätten jedoch schnell klargestellt, dass es etwas Bodenständiges sein solle. Keine Konzernzentrale für die Außenwirkung, sondern für die Mitarbeiter.
Wie das aussieht, konnten die Rundgangsteilnehmer an der meterlangen Cafébar und in der Kantine sehen – einer der 50 besten in Deutschland, wie Tigges betonte. Die Kantine mit 870 Sitzplätzen ähnelt eher einem Foodcourt mit Wok-Station, Pizza-, Pasta- und Veggie-Ecke.
Blick auf einen der Innenhöfe. Foto: Simon Granville
Ein weiteres Highlight, das Architektur und modernes Arbeiten vereint, ist die sogenannte Passage, die sich mitten durch die Gebäude zieht – im Freien und darunter im Inneren. Sie solle nicht nur ein Gang sein, um von A nach B zu kommen, erklärt Tigges, sondern Begegnungs- und Arbeitsort zugleich. Es gibt Sitzecken, ein Atrium für Vorträge und einen Palmengarten.
Hinzu kommen Lichthöfe, jeder individuell gestaltet. Eine Turnhalle, in der etwa Yoga- und Rückenfit-Kurse stattfinden. Ein eigener Kickplatz und eine Betriebsarztpraxis, die bis zu 60 Patienten täglich vor allem präventiv behandelt.
Verwunderung über Arbeitsplätze
2015 rollten die ersten Bagger, 2023 zogen die Mitarbeiter über Monate hinweg in den 500-Millionen-Euro-Campus ein. Nicht alles lief beim Bauen nach Plan, gesteht Tigges. So musste eine 3500 Quadratmeter große Oberfläche der Passage Zentimeter für Zentimeter wieder abgetragen werden, weil Wasser eingedrungen war.
Einige Teilnehmer der Führung haben früher selbst bei W&W gearbeitet und kommen aus dem Staunen kaum heraus. Ernst aus Eberdingen arbeitete jahrzehntelang „oben“ und zeigt in Richtung der alten Zentrale. Es sei toll, wie viel Platz man sich für Gemeinschaftsräume, grüne Oasen und Details wie Akustikabsorber für eine ruhigere Atmosphäre gelassen habe. „Es ist einfach ein schönes Arbeiten möglich“, sagt Ernst – und irgendwie sei das Gebäude auch eine große Wertschätzung für die Mitarbeiter.
Gang durch den großen Innenbereich Foto: Simon Granville
Eines wundert ihn und andere ältere Teilnehmer aber doch: die Großraumbüros ohne feste Arbeitsplätze – sogenannte Shared Desks, die Mitarbeiter tagesweise buchen. Auch Ernst kann sich an den Gedanken nicht gewöhnen. „Ich hatte 40 Jahre lang einen Raum mit einer Person geteilt“, sagt er und sieht ein: „Da war ich wohl etwas verwöhnt.“
Doch auch die Arbeitsplätze sind Teil des modernen Ansatzes der W&W-Gruppe – des Ansatzes, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Was offenbar gut klappt: Und das scheint zu funktionieren: Während sich ältere Mitarbeiter noch eher Wüstenrot oder der Württembergischen zugehörig fühlen, verschwimmt bei Jüngeren die Grenze, sagt Claudia Jordan von der Unternehmenskommunikation – vor allem bei denen, die nur das Arbeiten auf dem Campus kennen.