Es war eine Kleinigkeit, technisch gesehen. Ganze vier Straßenschilder mussten angefertigt und festgeschraubt werden, das gibt sogar der klamme Bezirksetat von Mitte locker her. Schon am Morgen, Stunden vor der Festveranstaltung im Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung, konnte es jeder Passant sehen: Die Hofjägerallee heißt nun Helmut-Kohl-Allee, symbolhaft pünktlich zum Europatag am 9. Mai.

Falls es mal Gegenwind gab, war er verweht. Ein paar Leute von der Kleinpartei Volt hatten sich auf der anderen Straßenseite niedergelassen und lobten Kohl auf Transparenten für Europa, möglicherweise ironisch? Und ein paar Autofahrer hupten unpolitisch erbost, weil die Polizei sie für ein paar Minuten in der Tiergartenstraße festsetzte, um die symbolische Enthüllung zu schützen.

Nur einer erwähnt die Kontroversen

Und drinnen ging es erst recht in voller Harmonie zur Sache, denn die Veranstalter – Senatskanzlei, Adenauer-Stiftung und Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung – gehören zum selben Lager. Das tun Bundeskanzler und Ex-Bundeskanzlerin auch, aber sie hatten abgesagt. Zudem war Kohls Witwe Meike Kohl-Richter nicht dabei – sie hat eine eigene Stiftung gegründet und klagt gegen die andere um die Verwendung des Namens.

Unter den Gästen fand sich also vorrangig die Berliner CDU in Gestalt von Kai Wegner, Dirk Stettner, Stefan Evers und Felor Badenberg. Ex‑Kulturstaatsminister Bernd Neumann war zu sehen, und auch Eberhard Diepgen war gekommen – kein Kohl-Liebling, aber Kooperationspartner beim Vereinigen.

Ein Häppchen aus Bachs Goldberg-Variationen, zubereitet für Violine und Cello, markierte den Beginn. Dann redeten Hausherrin Annegret-Kramp-Karrenbauer, Kai Wegner und der stellvertretende Bürgermeister von Mitte, Carsten Spallek, ebenfalls CDU. Dieser war auch der einzige, der andeutete, dass es während der drei Jahre dauernden Straßensuche für Kohl durchaus Kontroversen gegeben habe.

„Ich hätte mir einen noch prominenteren Ort vorstellen können“, sagte er, etwa einen Teil der Straße des 17. Juni oder der Ebertstraße am Brandenburger Tor, „diese Orte hätten den Bezug zu den Verdiensten Kohls um die deutsche Einheit noch stärker symbolisiert.“ Das aber sei politisch nicht durchsetzbar gewesen, wie überhaupt erst eine CDU-geführte Landesregierung die Erinnerung an dieser Stelle möglich gemacht habe.

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Über das Ergebnis herrscht Zufriedenheit, schon rein geografisch. Kramp-Karrenbauer sprach von einem „gewissen Dreieck der Christdemokratie“ und verwies auf die von Kohl in voller architektonischer Dominanz durchgesetzte Parteizentrale in Sichtweite der Allee und die unmittelbar angrenzende Adenauer-Stiftung. Die Nähe des Botschaftsviertels ergänze diese politischen Bezüge.

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Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner sagte: „Heute ist es endlich so weit, dass in Berlin eine Straße nach Doktor Helmut Kohl benannt wird, um seine historische Leistung in würdiger Form sichtbar zu machen.“ Europa, Deutschland und insbesondere Berlin hätten Kohl unendlich viel zu verdanken. Im Rahmen eines kurzen Podiumsgesprächs erinnerte sich Gerda Hasselfeldt, 30 Jahre im Bundestag und unter Kohl ein paar Jahre Bundesbauministerin. Sie sagte, sie habe Kohl immer, auch vor dem Mauerfall, als glühenden Verfechter der Belange Berlins erlebt. Er habe nie einen Zweifel gelassen, dass die Einigung Deutschlands und Berlins für ihn höchste Priorität habe.