Der Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer (1927–2004) wollte nicht „Künstler“ genannt werden als ein Wesen, das sich per se besonders aus der Masse heraushebt. Vielmehr lebte er handwerkliche Bodenständigkeit: „Ich bin ein Bildermacher“, pflegte er zu sagen. Und meinte damit die Balance zwischen Inhalt und Form, die an keine Mode und kein Dogma gebundene Eigenwilligkeit des Stils. Dazu seine unangepasste, gelegentlich ziemlich skeptische, knorrige, ja mürrisch formulierte aufklärerische Sicht auf Welt und Gesellschaft.
Gerade erinnert die Kunsthalle Rostock an diesen „Bildermacher“ des weltbekannten „Jahrhundertschritts“ und des „Maskenmannes“. Das Haus, übrigens der einstige Museumsneubau zu DDR-Zeiten, versammelt indes nicht Mattheuers berühmte Gemälde aus Sammlungen großer Museen, welche ostdeutsche Kunstgeschichte in besonderem Maße markieren: „Die Ausgezeichnete“, der aus dem Theater flüchtende „Prometheus“, der „Dissident“ oder jene Fata Morgana der Freiheit, die über der Grenze DDR/ČSSR schwebte, als im August 1968 der Prager Frühling niedergepanzert wurde.

Wolfgang Mattheuer: „Ostsee“, 1965, farbige Kreide auf Papier
© VG Bildkunst Bonn 2026/Wolfgang Mattheuer
In Rostock steht man stattdessen vor einer Entdeckung in Mattheuers Nachlass, der bis zu ihrem Tod von seiner Lebenspartnerin, der Künstlerin Ursula Mattheuer-Neustädt, gehütet wurde. Vor dem, was bislang in Mappen und Schüben lagerte und heute von der Galerie Schwind (Frankfurt a.M./Leipzig/Berlin) betreut und inventarisiert wird: 100 Landschaftsmotive auf Papier oder Karton, ausgewählt aus mehreren tausend hinterlassenen, gleichsam tagebuchartigen Blättern eines skeptischen Romantikers.
In Vitrinen, als weitere Zeugen seines Unterwegsseins und der überwundenen Ländergrenzen in einer im Kalten Krieg geteilten Welt, liegen persönliche Arbeitsmaterialien wie Skizzenbücher, Handschriftliches, Fotos. Und auch Mattheuers unverzichtbare Reiseutensilien: das Zeiss-Fernglas und die Kamera.
Das sibirische Kind, noch ohne Metaphorik
Schon das bislang völlig unbekannte zeichnerische Frühwerk der 1950er-, 1960er-Jahre belegt trotz der noch naturalistischen Manier die Suche dieses Mitbegründers der „Leipziger Schule“ nach eigenwilligem Ausdruck jenseits der geforderten sozialistisch-realistischen Pathetik. Von 1947 bis 1951 hatte Mattheuer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert. Dort lehrte er bis 1974.

Wolfgang Mattheuer: „Pass-Straße nach Südtirol“, 1999, Gouache/Aquarell
© VG Bildkunst Bonn 2026/Wolfgang Mattheuer
Eine UdSSR-Reise führte ihn 1966 nach Sibirien. Ein Mitbringsel war das „Mädchen in Bratsk“. In dieser noch „klassischen“ Papierarbeit zeigt sich der unverwechselbare spätere Mattheuer-Stil: die neusachliche Bildsprache, die klare Perspektive mit betontem Vordergrund, leicht aus dem Goldenen Schnitt gerückt, die Gestalt des Kindes keineswegs niedlich. Der landschaftliche Hintergrund verjüngt sich in den sandbeigen Farbschwüngen der Straße bis zu schneebedeckten sibirischen Bergzügen.
Die fremde Gegend hat den passionierten Landschaftsmaler Mattheuer fasziniert, doch er mystifiziert oder verschlüsselt sie nicht surreal, was er später mit Motiven aus der biblischen oder griechischen Mythologie tat, bei „Kain und Abel“ etwa, dem abstürzenden „Ikarus“, dem erschöpften „Sisyphos“.
Das sibirische Kind steht einfach da in seinem grünen Mäntelchen, blickt den Betrachter arglos an. Bratsk, eine sowjetische Pionierstadt am Fortschrittsprojekt Bratsker Stausee mit Wasserkraftwerk, liegt in der dünn besiedelten Taiga. Um 1960 herum unter schwierigsten Bedingungen vom Reißbrett aus errichtet, war die „sozialistische Stadt“ ein Zukunftsversprechen.
Mattheuer aber verfiel keiner Begeisterung wie Jahrzehnte früher russlandreisende Künstler, etwa Heinrich Vogeler, der in die UdSSR übersiedelte, wo er freilich nach dem Überfall der Hitlerarmee in ein Stalinsches Arbeitslager in Kasachstan deportiert wurde und dort verhungerte.

Wolfgang Mattheuer: „Am Schwarzen Meer bei Sturm, Hafen Xosta“, 1961, Kugelschreiber
© VG Bildkunst Bonn 2026/Wolfgang Mattheuer
Mattheuers menschenleeren Landschaften fehlt jedes euphorische Ideal, ob nun den sowjetischen Impressionen oder denen von Mexiko- und Schweiz-Studienreisen, ermöglicht vom Künstlerverband der DDR. Da konnte er Schwarzmeerhäfen, Yukatan und das im Nebel verschwundene Matterhorn zeichnen. Man sieht sturmgepeitschtes Meer, untergehende Sonnen, schwarze Nachthimmel mit Monden und Blitzen, düstere Wälder, Wolken, Nebel. War das die für die Leipziger Schule so typische verschlüsselte „Aktualität der Mythen“?
Ja, auch die Landschaften sind (politisch) lesbar. Dieser desillusionierte Beobachter zeichnete und malte Fakten. Und er stellte Fragen zum Zustand der Gesellschaft, zum Verhältnis von Utopie und Realität, von Individuum und Gemeinschaft, von Natur und deren Vergewaltigung im Namen des Fortschritts. Dies nicht nur zu DDR-Zeiten, sondern auch 1999, als er, zehn Jahre nach dem Mauerfall, die „Pass-Straße nach Südtirol“ auf Papier setzte, nur scheinbar ein Landschaftsidyll.

Wolfgang Mattheuer (1927-2004) in Leipzig vor seinem Selbstporträt
© Eckehard Schulz/imago
Beim langen Draufgucken wird diese göttliche Natur zum pragmatisch-brutal durchschnittenen Menschenwerk. Auf den ersten Blick wirkt das Motiv fast abstrakt, ein Bild aus Nähe und Ferne, massiv und minimalistisch reduziert zugleich. Typisch Mattheuer eben.
Der zunächst realistische, also ganz aus der Anschauung kommende Blick wird immer durchdringender, filtert die dramatische Veränderung der Landschaft durch den menschlichen Eingriff als Gleichnis heraus für die Sorge um die Natur, deren Gleichgewicht in einer Moderne, die sich zunehmend „asphaltiert“ und „betoniert“.
Der Traum von Freiheit und das Scheitern
Mattheuer war gebürtiger Vogtländer. Seine Heimatregion, die ans West-Erzgebirge, an Tschechien, Thüringen und an Franken grenzt, bekam ihren Namen im frühen Mittelalter durch die Feudalherren , die „Vögte“, und wird auch „Musikwinkel“ genannt, war bis zum Ende der DDR und der rigorosen Abwicklung der Betriebe und Manufakturen nach der deutschen Wiedervereinigung eine traditionsreiche Region des Musikinstrumentenbaus. Diese hügelige Landschaft seiner Kindheit kommt oft vor in den Bildern. Mattheuer thematisierte die Schönheit und die Zerstörung durch bedenkenlose Industrialisierung.
Und wenn er das Thema Freiheit bildhaft machte, dann meistens auch das Scheitern dieses Traumes. Mattheuer war kein dissidentischer Maler. Er wollte nie in den Westen. Lieber stritt er im Geiste mit Caspar David Friedrich über Gott und die Welt. Er suchte Harmonie, aber er sah die Landschaften, die brutal vernutzt wurden, bei Leipzig und Halle, im erzgebirgischen und ostthüringischen Uranbergbau. Autobahnbänder durchziehen die Gegend, kein Baum mehr.
Mattheuer hinterließ gemalte Botschaften, keine ideologischen Abziehbilder, wie das Künstlern aus der DDR oftmals unterstellt wurde. Er war ein kritischer Beobachter seiner Zeit, kein Besserwisser. Ihm ging es darum, Widersprüche sichtbar zu machen. Als er den ideologischen Selbstbetrug der SED-Führung nicht mehr ertrug, gab er schon Monate vor dem Ende der DDR sein Parteibuch samt der hohen Kunstpreise zurück.
Mattheuers Reisen. Kunsthalle Rostock, Hamburger Str. 40. Bis 21. Juni, Di–So 11–18 Uhr. Die Schau ist Auftakt einer deutschlandweiten Tour anlässlich Mattheuers 100. Geburtstags am 7. April 2027.
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