Deutschland, Frankreich, Belgien, Irland und die Niederlande schicken Flugzeuge nach Spanien zur Evakuierung ihrer Staatsangehörigen von dem Kreuzfahrtschiff, auf dem das Hantavirus ausgebrochen ist. Das teilte der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska am Samstag mit. Die „MV Hondius“ ist derzeit auf dem Weg von den Kapverden zur kanarischen Insel Teneriffa, die zu Spanien gehört, und soll dort am frühen Sonntagmorgen ankommen.

Die Europäische Union entsendet den Angaben zufolge zudem zwei weitere Maschinen für die übrigen EU-Bürger. Für Passagiere aus Nicht-EU-Staaten, deren Heimatländer keine eigenen Flüge organisieren könnten, bereiteten die USA und Großbritannien Notfallpläne und Transportmöglichkeiten vor. Insgesamt befinden sich 140 Passagiere plus Besatzungsmitglieder an Bord der „Hondius“.

Ausreise ohne Gepäck

Die spanischen Passagiere sollen das Schiff als Erste verlassen. Die Reihenfolge für die übrigen Nationalitäten werde von den Gesundheitsbehörden festgelegt, sagte Grande-Marlaska weiter. Die Reisenden dürften erst von Bord gehen, wenn ihr jeweiliges Evakuierungsflugzeug abflugbereit sei. Sie dürften zudem nur die wichtigsten persönlichen Gegenstände mitnehmen. Das restliche Gepäck verbleibt auf dem Schiff und wird später in die Niederlande gebracht und desinfiziert.

WHO: Risiko einer Epidemie „gering“

Der Leiter der Weltgesundheitsorganisation WHO will auf der Kanareninsel Teneriffa die Evakuierung überwachen. Tedros Adhanom Ghebreyesus traf am Samstag in Spanien ein und reist nun gemeinsam mit Vertretern der spanischen Regierung nach Teneriffa. Man beobachte die Situation, koordiniere die Unterstützung sowie die nächsten Schritte und werde die Mitgliedstaaten und die Öffentlichkeit auf dem Laufenden halten, schrieb Tedros auf der Plattform X. „Bislang bleibt das Risiko für die Bevölkerung der Kanarischen Inseln sowie weltweit gering.“ Zum gegenwärtigen Zeitpunkt zeige niemand an Bord der „Hondius“ Symptome einer Hantavirusinfektion.

Übertragung nur bei „sehr engem Kontakt“

Der Virus-Ausbruch auf der „Hondius“ geht auf das Andesvirus zurück, einen in Südamerika verbreiteten Virusstamm, bei dem Übertragungen von Mensch zu Mensch möglich sind. Für diesen Übertragungsweg sei aber „sehr enger Kontakt“ nötig, sagte WHO-Sprecher Christian Lindmeier. Er wies darauf hin, dass selbst Menschen, die auf dem Schiff in denselben Kabinen übernachtet hatten, „in manchen Fällen nicht infiziert worden sind“.

Sechs Fälle und zwei Verdachtsfälle

Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff hatte die Weltgesundheitsorganisation sechs Infektionen bestätigt. Zudem gebe es zwei wahrscheinliche Fälle, teilte die UN-Behörde mit. Insgesamt seien acht Menschen erkrankt, drei von ihnen starben. Darunter sind eine Deutsche aus Passau und ein niederländisches Ehepaar.

Vier Patienten werden in Krankenhäusern in den Niederlanden, in Südafrika und in der Schweiz behandelt. Für einen Verdachtsfall in Deutschland gab es unterdessen Entwarnung: Ein Test ist laut der WHO negativ ausgefallen. Zuvor war eine Kontaktperson in der Uniklinik Düsseldorf untersucht worden.

Virologe Streeck: „Da wird keine zweite Pandemie ausbrechen“

Der Ausbruch des Hantavirus auf dem Schiff bereitet dem Virologen Hendrik Streeck keine Sorgen. „Da wird keine zweite Pandemie ausbrechen“, sagte Streeck. Der Ausbruch sei in einem begrenzten Umfeld erkannt worden, in dem Kontakte besser nachvollzogen werden können als in einer offenen Bevölkerung. Entscheidend sei nun, Betroffene schnell zu identifizieren, Symptome zu überwachen, Kontaktpersonen nachzuverfolgen und mögliche Übertragungswege sauber aufzuklären.

„Positiv ist doch, dass wir jetzt über dieses Virus mal sprechen! Hantaviren sind auch in Deutschland heimisch. Wer etwa seine Garage aufräumt und Staub aufwirbelt, sollte vorsichtig sein und vielleicht einen Mundschutz tragen, um ein Einatmen der Erreger zu vermeiden“, sagte Streeck.

Ansteckung des ersten Passagiers weiter unklar

Die „Hondius“ war am 1. April in Ushuaia in Argentinien zu einer Atlantik-Kreuzfahrt aufgebrochen. Ein erster Passagier aus den Niederlanden starb nach Angaben des Kreuzfahrtveranstalters Oceanwide Expeditions am 11. April an Bord. Seine Frau ging am 24. April mit anderen Passagieren auf der Insel St. Helena im Südatlantik von Bord, flog nach Johannesburg und starb dort am 26. April in einem Krankenhaus. Am 2. Mai starb auf dem Schiff zudem eine deutsche Passagierin, ihre Leiche ist noch an Bord.

Die WHO vermutet, dass sich der Niederländer mit dem Hantavirus infizierte, bevor er an Bord ging. Nach Angaben des argentinischen Gesundheitsministeriums hatte er mit seiner Frau seit Ende November Argentinien, Chile und Uruguay bereist. Wo genau er sich ansteckte, ist demnach weiter unklar. Angesichts der langen Inkubationszeit, die bis zu sechs Wochen betragen kann, sind laut WHO-Chef Tedros weitere Infektionsfälle nicht ausgeschlossen. Weltweit wird nun nach möglichen Infizierten und Kontaktpersonen gesucht. 

Hantavirus: Erkrankung verläuft meistens mild

Hantaviren werden von verschiedenen Nagetieren wie Mäusen oder Ratten übertragen. Die klassische Ansteckung erfolgt über Staub oder Partikel aus Kot, Urin oder Speichel der Tiere. Selbst im trockenen Zustand bleiben die Viren außerhalb des Wirts noch bis zu zwei Wochen ansteckend. Besonderes Infektionsrisiko herrscht zwischen April und September, auch wenn es ganzjährig Infektionen gibt.

Typische Krankheitsverläufe beginnen meist plötzlich mit hohem Fieber und grippeähnlichen Symptomen wie Kopf- und Muskelschmerzen. Schwere Verläufe mit inneren Blutungen oder akutem Nierenversagen sind selten.