Wie aus einem netten Abend in einer vollbesetzen Kirche eine ehrgeizige und emotionale Bürgerdebatte über Wuppertals Identität werden kann, bewiesen am Donnerstag Harald Krassnitzer und Lothar Leuschen. Sie waren zu Gast beim „Offenen Abend“ der evangelischen Gemeinde Elberfeld-Südstadt in der Johanneskirche.
Schauspieler Harald Krassnitzer ist ehemaliger Tatort-Kommissar und gerade mit dem Demenz-Drama „Der verlorene Mann“ im Kino zu sehen. Mit seiner Frau, der Wuppertaler Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer, lebt er seit Langem in Beyenburg. Er engagiert sich für das Projekt „Chance 8“, einer Achtsamkeitsgruppe für emotional und sozial belastete Kinder in der Alten Feuerwache, und sagt: Wuppertal besitzt eine hohe Lebendigkeit. Lothar Leuschen kennt die Stadt als Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung mittlerweile seit Jahrzehnten – und wusste: Ein Abend mit „Reflexionen zu einer spannenden Stadt“, so der Titel, würde definitiv kein theoretischer Rückblick bleiben.
Die Idee: Wuppertal zur Kulturhauptstadt machen
Herausforderungen, Chancen, Visionen: Es begann als Zwiegespräch und wurde schließlich zu einer Debatte unter Einbeziehung des Publikums – vor allem über die Zugewandtheit zu einer Stadt und das Engagement der Bürger, wenn eine Verwaltung zu viel Sitzvermögen hat. „Wir hören die ganze Zeit, dass die Stadt nichts kann und Armut zu verwalten hat“, sagte Harald Krassnitzer. Der Fokus müsse sich ändern – im Rathaus wie auch in der Stadtgesellschaft. Seine Idee: Wuppertal soll Europäische Kulturhauptstadt werden, um Identität zu schaffen – so wie es Wuppertals Partnerstadt Košice in der Slowakei im Jahr 2013 war. Oder: „Wuppertal könnte auch eine Modellregion bilden, die anders mit Bürokratie umgeht. Wir haben überbordende administrative Forderungen. Wir müssen für unsere Achtsamkeitsinitiative jedes Jahr über 60 Seiten Formulare ausfüllen, um das Projekt neu zu legitimieren.“ Dies konnten auch andere Besucher bestätigen – sei es bei Anfragen für Radwege oder soziale Projekte. „Man hat den Eindruck, dass diese Stadt kein Vertrauen in die Fähigkeit ihrer Bürger besitzt“, so Krassnitzer.
„Wir brauchen ein Rathaus, das sagt: ,Sie wollen etwas machen? Wir unterstützen Sie.‘“, bekräftigte Lothar Leuschen die Botschaft. Stattdessen würden Ideen im Sand verlaufen, weil man keine Genehmigungen erhält. „Wir werden es der Verwaltung nicht gestatten, vieles auszusitzen. Denn wir sind nicht nur Stimmvieh und Steuerabgeber. Wenn viele Menschen gemeinsam auftreten, ist es aussichtsreicher, dass sich die Verwaltung mit den Themen ihrer Bürger befasst. So wie heute Abend.“ Das Argument der Finanznot sei ebenfalls hinfällig: „Wir haben einen städtischen Haushalt von 1,7 Milliarden Euro.“ Die Knappheit von Mitteln hänge davon ab, wie sie verteilt werden.
Das bürgerschaftliche Engagement beweise, wie man auch ohne die große Unterstützung der Stadt oder vielmehr trotz der Hürden, die sie den Bürgern in den Weg stelle, Referenzprojekte realisieren könne, so Leuschen: „Schauen Sie auf die Nordbahntrasse, die Junior Uni oder den Arrenberg – ein vermeintlich abgehängter Stadtteil, der aufgeblüht ist.“ Lothar Leuschen wünscht sich, dass „die Leute im Urlaub nicht mehr sagen: Ich komme aus der Nähe von Düsseldorf, sondern ich komme aus Wuppertal“.
„Es kommt etwas
auf die Stadt zu“
So entwickelte sich der Abend zu einem inspirierenden Plädoyer für lokale Leidenschaft. Die Energie der Veranstaltung war schließlich so greifbar, dass die Absicht entstand, daraus eine Initiative zu entwickeln, damit die Inspiration nicht an den Wänden der Johanneskirche verhallt. Es kommt also etwas auf die Stadt zu, dass sie nicht ignorieren kann. Die Debatte ist angestoßen und eine Fortsetzung angedacht. Harald Krassnitzer sagte zu, wieder dabei zu sein, möglicherweise an einem Ort mit noch mehr Platz wie der Historischen Stadthalle – und mit Politikern aus dem Rat. Man könnte diese Ambitionen fast als Stadtwette einer künftig wieder im ZDF laufenden Samstagabendshow einreichen: „Wetten, dass wir es schaffen, die Verwaltung von ihrem stoischen Sitzvermögen wegzukriegen?“ Auch die Profilbildung als „Schwebebahnstadt“ soll wieder aufgegriffen werden; sie war kürzlich im Stadtrat abgelehnt worden.
Zudem sammelten Harald Krassnitzer und Lothar Leuschen am Donnerstag Spenden für die sogenannte „Peacebell“. Ein Kunstwerk, bei dem eine Glocke aus Kriegsschrott gegossen wird, initiiert von Sänger Michael Patrick Kelly. Die Kosten betragen rund 40 000 Euro. Wie die Veranstalter mitteilen, ergab die Sammlung in der Johanneskirche 1570 Euro.
Die „Offenen Abende“ sind ein fester Bestandteil des Gemeindelebens. Nächster Termin ist am 11. Juli; dann ist der Betriebsleiter der Wuppertaler Schwebebahn, Christian Kindinger, zu Gast.