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Fans des Netflix-Hits „Lupin“ müssen sich an eine neue Stimme der Hauptfigur gewöhnen. Dahinter steckt ein eskalierender Streit um KI – mit noch weiter reichenden Folgen.

Egal, woher eine Serie oder ein Film kommen – in Deutschland sprechen die Figuren Deutsch. Und dank der sehr guten Synchronsprecher hierzulande denkt man auch gar nicht darüber nach. Bei Netflix könnte sich das demnächst aber ändern: Die deutschen Synchronsprecher weigern sich immer öfter, für den Streaminggiganten zu arbeiten. Beliebte Serienhelden wie „Lupin“ sollen deshalb bald eine neue deutsche Stimme bekommen – oder gar nicht mehr Deutsch sprechen.

Der Streit schwelt schon seit einigen Monaten. Netflix will von den Synchronsprechern vertraglich das Recht eingeräumt bekommen, mit den Stimmen seine KI zu trainieren – was immer mehr Synchronsprecher verweigern. Sie fürchten schlicht um ihre berufliche Existenz.

Weitreichende KI-Rechte

„Netflix verlangt von Synchronsprecher:innen, weitreichende Rechte an ihren Stimmaufnahmen einzuräumen – einschließlich der Nutzung für KI-Training, der digitalen Bearbeitung und Nachbildung sowie der Erzeugung synthetischer Stimmen“, erklärt der Verband deutscher Sprecher:innen (VDS). „Eine zusätzliche Vergütung bietet Netflix dafür nicht an.“ Die Sorge des Verbands: Sollte Netflix die Stimmen durch KI-Training erfolgreich emulieren, könnte man in Zukunft auf die menschlichen Sprecher verzichten – und Serien und Filme vollständig mit KI synchronisieren. 

„Wenn wir vertraglich zustimmen, dass unsere natürlichen Stimmen für das Training von KI-Programmen eingesetzt werden dürfen, werden wir alle in der deutschen Synchronsprache früher oder später nicht mehr gebraucht“, fasst Natascha Geisler die Angst gegenüber dem „BR“ zusammen. Ihre Stimme kennt man: Geissler hat etwa in zwölf Filmen Superstar Jennifer Lopez ihre Stimme geliehen.

Viele von Geisslers Kollegen teilen ihre Befürchtungen – und verweigern Netflix die Nutzung ihrer Stimme. Das jüngste Beispiel ist der Netflix-Hit „Lupin“. Die Serie um einen französischen Meisterdieb ist weltweit ein Hit, Netflix bereitet sich auf den Start der vierten Staffel vor. In Deutschland muss man sich aber umgewöhnen: Gleich vier der bisherigen Sprecher haben Netflix die Unterschrift verweigert – darunter ausgerechnet Sascha Rotermund und Anne Helm, die die beiden Hauptdarsteller Omar Sy und Ludivine Sagnier synchronisieren. Das meldet der Branchendienst „DWDL“. Wie Netflix mit der Situation umgehen will, wollte der Streamingdienst „DWDL“ nicht verraten.

Netflix versucht zu beruhigen

Allgemein versucht der Streamingdienst die Sorgen zu entschärfen. Man wolle sich an geltendes Recht halten, versichert Netflix gegenüber mehreren Medien. „So darf eine mittels KI generierte digitale Nachbildung einer Stimme nur mit ausdrücklicher und gesonderter Zustimmung der betroffenen Sprecherinnen und Sprecher erfolgen“, heißt es in dem wortgleichen Statement.

In einem Interview mit „Politico“ erklärte Netflix’ Vize-Chef Ted Sarandos gar, man könne Synchronsprecher gar nicht mit KI ersetzen – zumindest bislang. „Der wichtigste Aspekt von Synchronisierung ist die Performance. Es ist also wichtig, gute Sprecher zu haben“, erklärte er dort. „Klar kann man es mit KI günstiger machen. Aber ohne die Performance, die sehr menschlich ist, sinkt die Qualität des Produkts.“ Das würden auch zahlreiche Tests des Streamingdienstes zeigen. „Wenn man etwas nicht mag, macht man aus.“

Tatsächlich waren bisherige Versuche mit KI-Synchronisation kläglich gescheitert. In den USA hatte etwa Amazon versucht, die Anime-Serien „Banana Fish“ „No Game No Life Zero“ und „Vinland Saga“ mit einer KI-generierten Tonspur ins Englische zu übertragen. Nach einer Welle von Beschwerden nahm der Konzern die Tonspuren wieder zurück. Sie waren einfach zu schlecht – noch.