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Wladimir Putin will den „Sieg“ feiern – eigentlich zwei davon. Doch die Parade am 9. Mai birgt diesmal Gefahren, wie ein Experte sagt. Eine Analyse.

Das Gedenken an den Sieg über Nazi-Deutschland am 9. Mai ist in Russland Tradition – das Leid des deutschen Angriffs traf schließlich Millionen Familien und ihre Nachkommen. Aber erst Wladimir Putin verwandelte das Erinnern ab 2008 in eine Militärparade mitsamt Panzern und Raketen. Die Ausgabe am Samstag hat nun Potenzial für ein Debakel, wie der Kölner Politologe Thomas Jäger der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt. Die Präsentation von martialischem Militärgerät hat der Kreml bereits weitgehend gecancelt – schon das erregte Aufmerksamkeit. Aus Sorge vor einem Schlag der Ukraine.

Wladimir Putin auf einem KI-bearbeiteten Foto der Siegesparade 2020, im Vordergrund Wolodymyr Selenskyj.Wladimir Putin will an „siegreiche“ Sowjethistorie anknüpfen (hier ein KI-nachbearbeitetes Foto von der Siegesparade 2020) – Wolodymyr Selenskyjs Ukraine durchkreuzt diese Erzählung zunehmend. © Petros Karadjias/Kreml/Handout picture alliance/picture alliance/dpa/AP

„Putin verkauft den Krieg gegen die Ukraine im Kontext des Gedenkens an den Sieg im Zweiten Weltkrieg“, betont der Professor für Internationale Politik und Außenpolitik und TV-Experte. „Der Super-GAU für Putin wäre, wenn noch sichtbarer würde, dass Russland den Krieg nicht gewinnt und die propagandistische Verbindung zwischen beiden Kriegen gekappt würde.“

Die Ukraine könnte Putins Parade zum doppelten Desaster machen

Besondere Fallhöhe ergibt sich aus der Rolle, die Putin dem Weltkriegsgedenken gegeben hat. Seine Behörden versuchten, eine durchgehende historische Linie zu schaffen, erklärte die in Russland geborene Slawistin Daria Khrushcheva unserer Redaktion vor dem 9. Mai 2025. „Unsere Großväter haben gekämpft, also müssen auch wir kämpfen“, laute eine Erzählung. Eine weitere versucht, die freie und demokratische Ukraine als „faschistisch“ oder „nazistisch“ zu brandmarken. Am 9. Mai gehe es Putin zudem um ein „das Volk einendes Ereignis“, erklärte die Expertin. Dazu gehört auch der Stolz auf einen Sieg. Den historischen. Und den vermeintlich nahenden in der Ukraine.

Doch der ist in weite Ferne gerückt. An den Fronten des eigenen Angriffskrieges machte Russland zuletzt unter dem Strich nur minimale Geländegewinne. Russland komme „nicht voran“, sagt auch Jäger. Zugleich hat die Ukraine an den eigenen Fähigkeiten zu Schlägen tief in Putins Reich gearbeitet – und Erfolge erzielt. Raffinerien und Öl-Infrastruktur traf sie zuletzt zuhauf. Aber auch bis nach Moskau drangen Drohnen vor. Ein heikler Aspekt vor der teilweise zynischen Inszenierung des Aggressors in Moskau.

Putins Parade in Moskau: Russland feiert „Tag des Sieges“ mit gigantischer Militärparaderussische Studentinnen und Studenten, gekleidet in die Mode der 1950er und in sowjetischen UniformenFotostrecke ansehen

„Russland ist nicht imstande, sich ausreichend gegen ukrainische Angriffe zu schützen. Damit ist die Flugabwehr überfordert“, sagt Jäger. Putin könne Ziele in Russland „nicht ausreichend schützen lassen“. Das gilt potenziell wohl auch für die symbolträchtige Parade am Samstag. „Das Risiko, dass die Parade zum Ziel wird, hat man so hoch eingeschätzt, dass zahlreiche Maßnahmen ergriffen wurden, die Risiken zu senken: keine Militärtechnik, Waffenruhe, Drohung mit Bestrafung“, erklärt der Politologe.

Tatsächlich rief Putin einseitig eine Waffenruhe für den 8. und 9. Mai aus – womöglich um einen potenziellen Angriff als Friedensbruch ächten zu können. Die Ukraine antwortete mit einer noch früher angesetzten einseitigen Waffenruhe. Sie gilt seit Mittwoch, wurde aber nach Angaben des ukrainischen Militärs von Russland bereits vielfach gebrochen. Zugleich drohte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa mit „massiven“ Angriffen auf Kiews Zentrum als Antwort auf eine mögliche Attacke am 9. Mai. Nicht nur deshalb steht die Ukraine wohl vor einer Abwägung. Selbst, wenn ein hochrangiger Beamter dem Kyiv Independent erklärte, man sehe „keinen Sinn“ in einer Feuerpause „hinsichtlich der Parade“.

Putins Militärparade im „Ob die Ukraine gut beraten wäre, einen Angriff zu versuchen…“

„Ob die Ukraine gut beraten wäre, einen Angriff zu versuchen, ist zwiespältig zu beurteilen“, sagt Jäger. Für Putin wäre schon der Überflug einer ukrainischen Drohne eine „PR-Katastrophe“ meint er. Das gelte auch ohne militärische Attacke: „Die Bilder hätten Sprengkraft genug.“ Ein echter Angriff wiederum könne Putin Argumente für eine Mobilisierung im Ukraine-Krieg liefern, die der bislang scheut. Auch würden nicht alle Unterstützer der Ukraine einen solchen Anschlag begrüßen. Eine Lösung könne ein PR-Erfolg ohne Gewalt sein – vielleicht werde es am Samstag Flugblätter auf dem Roten Platz regnen, so Jäger.

Das wäre ein weiteres sichtbares Indiz für russische Verwundbarkeit. Doch selbst die Schutzvorkehrungen bereiten ein gewisses Maß an Schmerz. Man verzichte aufgrund der „operativen Lage“ darauf, Militärtechnik zu präsentieren, erklärte das Verteidigungsministerium – Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach zudem von „terroristischer Gefahr“. Dass diese neue Gefahr Folge der „Spezialoperation“ ist, dürfte aber vielen in Russland klar sein. Zeitweise kappten die Behörden vor der Parade das mobile Internet in Moskau und St. Petersburg. Ein heikler Schritt – gerade weil der Effekt für sehr viele Menschen spürbar ist.

Auch auf den Tribünen wird die Lage vergleichsweise trist sein. Putins autoritäres Netzwerk in Europa schwächelt: Der slowakische Regierungschef Robert Fico will zwar nach Moskau reisen, verzichtet aber auf einen Besuch der Parade. Über eine Neuauflage der letztjährigen Moskau-Reise von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić war zunächst nichts bekannt. Viktor Orbán als üblicher Verdächtiger ist ohnehin abgewählt. Und auch der bosnische Serbenanführer Milorad Dodik wird kein Staatsamt mehr innehaben, sollte er denn ein weiteres Mal kommen. Im November wählte die bosnische Teilrepublik Srpska einen Nachfolger.

Es scheint, als wäre ein störungsfreier Ablauf der abgespeckten Parade zum 9. Mai schon ein Erfolg für Putin. Es wäre ein eher bescheidener Anspruch für einen „Tag des Sieges“. Im für ihn schlimmsten Fall drohen dem Kreml-Chef gleich zwei Tiefschläge: Eine Demütigung durch einen vielleicht auch nur symbolischen Auftritt einer ukrainischen Drohne am Rande der Parade. Und die wachsende öffentliche Erkenntnis, dass der Krieg schließlich dorthin zurückkehrt, wo er entfacht wurde – so, wie es das NS-Regime im Zweiten Weltkrieg erlebt hat. (Quellen: Thomas Jäger, Daria Khrushcheva, Kyiv Independent, dpa, eigene Recherchen)