Für Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, ist der 9. Mai ein intensiver Tag – mit vollem Terminkalender und vollem Kofferraum. An mehreren Orten in Berlin gilt es, Flaggen ehemaliger Regimenter der Roten Armee zu entrollen, Kränze niederzulegen, Botschaften auszusenden. 

Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist in Russland Feiertag – und eines der zentralen Propaganda-Events im System Putin. Und dies wird auch in Berlin zelebriert: Anhänger von Putins Russland nutzen den Tag alljährlich für Versammlungen. In diesem Jahr nahm auch Botschafter Netschajew selbst an einer Demonstration teil.

Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park am 9. Mai Hunderte Menschen besuchten am Samstag das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park.

© Dominik Lenze

„Wer hat angefangen?“

Der erste Termin beginnt um 9 Uhr am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park: Kranzniederlegung, Zeremonie, Fotos. Hinter Netschajew: die Fahnenträger mit den Rotarmisten-Flaggen. Auf dem Rückweg zum Auto gibt der Botschafter anwesenden Streamern und Journalisten die aus seiner Sicht entscheidenden Fragen mit auf den Weg: „Wer hat angefangen und wann?“ Gemeint ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. „Wer hat angefangen mit einem Staatsstreich 2014 in Kiew?“ – in der russischen Propaganda wird die Maidan-Revolution als vom Westen gesteuerter Putsch bezeichnet.

Im Laufe des Tages versammeln sich Hunderte Menschen am Ehrenmal im Treptower Park. Ideologisch ein kruder Mix: Am Eingang steht die kommunistische DKP, wenige Meter weiter betreibt der Reichsbürger Rüdiger Hoffmann einen Stand. Derselbe Hoffmann, von dessen Kundgebung 2020 Querdenker auf die Treppen des Bundestages gestürmt waren. Sein Weltbild stellt er als Pyramide dar: unten Parteien und Bewegungen, darüber Firmen und Banken, an der Spitze diffuse Strippenzieher. Überraschend: In dieser Darstellung steht die Deutsche Telekom über der CIA.

Im Tagesspiegel vor 80 Jahren Kapitulation, Zusammenbruch, Befreiung

Vor dem Ehrenmal legt die Organisation „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“ einen Kranz nieder und zeigt ein Transparent mit der Aufschrift „Solidarität mit dem Donbass“. Der Verein steht im Verdacht, von Deutschland aus prorussische Milizen in der Ostukraine unterstützt zu haben. Es gab Festnahmen, die Bundesanwaltschaft ermittelt. Die Vereinsvorsitzende lebt inzwischen in Russland.

Der russische Botschafter auf einer Versammlung in Berlin-Mitte, dahinter Flaggen proukrainischer Gegendemonstranten Der russische Botschafter Sergej Netschajew nimmt an einem Gedenkmarsch in Berlin-MItte Teil; begleitet von proukrainischem Gegenprotest.

© Dominik Lenze

Am Rand der Veranstaltung steht Algimantas Savsin mit einer Ukraineflagge. Der junge Mann besitzt die deutsche und die russische Staatsbürgerschaft, hat den Großteil seines Lebens in Russland verbracht. „Ich bin nicht dagegen, gefallener Helden zu gedenken, auch nicht der russischen“, sagt er. „Das Problem ist: Viele hier unterstützen nicht Erinnerungskultur, sie unterstützen die Invasion in die Ukraine.“

Gedenken an Ende des Zweiten Weltkriegs

Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa. Generäle der deutschen Wehrmacht unterzeichneten in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 ein entsprechendes Dokument vor den Siegermächten USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion in Berlin-Karlshorst.

Russland feiert den Sieg über Deutschland am 9. Mai mit Militärparaden, Waffenschauen und Massenaufmärschen – und nutzt den Feiertag zugleich, um militärische Stärke zu demonstrieren und den aktuellen Krieg politisch aufzuladen. (mit dpa)

Ein älterer Mann mischt sich ein und behauptet, die Ukraine sei „in eine Privatarmee des Westens verwandelt“ worden, um Russland zu zerstören. Savsin entgegnet knapp: „Russland bräuchte doch nur seine Armee abziehen.“ Der Mann bleibt unbeirrt, spricht von „westlichen Eliten“ als treibende Kraft hinter dem Krieg.

Algimantas Savsin demonstriert mit einer Ukraineflagge gegen Kreml-Propaganda.

© Dominik Lenze

Russische Flagge und Kriegslied

Gegen 11 Uhr rollen schwarze Limousinen mit russischen Diplomatenkennzeichen über die Straße des 17. Juni. Am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten steigen Botschafter Netschajew, Männer in Anzügen und Militäruniformen und – natürlich – die Fahnenträger aus. Erneut: Kranzniederlegung, Zeremonie, Fotos. Doch es gibt technische Probleme. Eine Bluetooth-Box verbindet sich nicht richtig, immer wieder ertönt der Signalton.

Nach dem Gedenken geht es direkt weiter. Um 12 Uhr sammelt sich vor dem Brandenburger Tor die Demonstration des „Unsterblichen Regiments“. Teilnehmer tragen Fotos ihrer Vorfahren aus dem Zweiten Weltkrieg. Laut Polizei nehmen rund 600 Menschen teil. Der Botschafter reiht sich vorne ein, nur wenige Meter neben ihm weht die russische Flagge. Als die Menge loszieht, singen sie gemeinsam das russische Partisanenlied „Katjuscha“, das auch in aktueller russischer Kriegspropaganda verwendet wird.

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Netschajew ist an diesem Tag nicht der Einzige mit dichtem Programm. Eine kleine Gruppe pro-ukrainischer Aktivisten begleitet ihn nahezu durchgehend und widerspricht der Kreml-Inszenierung. Sie sind bereits im Treptower Park vor Ort, als er dort einen Kranz niederlegt. Als die Demonstration Richtung Ehrenmal zieht, zeigen sie ukrainische Flaggen und lassen blau-gelbe Luftballons steigen.

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Für die Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen an den drei sowjetischen Ehrenmalen untersagte die Polizei wegen des Ukraine-Krieges Uniformen und russische Fahnen. Ausnahmen galten etwa für Diplomaten. An den Ehrenmalen im Treptower Park, Tiergarten und Schönholz waren zudem Marsch- und Militärlieder verboten. Gegen diese Auflagen sei vereinzelt verstoßen worden, sagte die Polizei. (mit dpa)