Bevor die erste Stunde vergangen ist, hat der Geheimagent Jack Bauer einem Vorgesetzten ins Bein geschossen, das Passwort seiner Tochter knacken lassen, seiner Mitarbeiterin erklärt, warum man keine Kompromisse eingehen darf, ein Dutzend Telefongespräche geführt und drei- bis fünfmal zu jemandem gesagt, dass er ihm vertrauen soll. In diesem Tempo geht es acht Staffeln lang, 192 Folgen à 60 Minuten, und dass jede davon eine Stunde der Handlung erzählt, in sogenannter Echtzeit, das war 2001 eine kleine Fernsehrevolution.
Schaut man heute noch einmal rein, in die Serie „24“, dann wirkt der Rhythmus auch 25 Jahre später immer noch rastlos, gestresst, reizüberflutet, vorangetrieben von einem ständigen Countdown in Form der digitalen Zeiteinblendung mit ihrem pochenden Piepton. Und doch kommt es einem mittlerweile alltäglich vor: Man muss kein Attentat auf den amerikanischen Präsidenten verhindern müssen, um das Gefühl zu haben, ständig erreichbar sein zu müssen und ein Leben im Modus des ständigen Multitaskings zu führen: Wo bist du gerade? What’s your status? Halt mich auf dem Laufenden. Ich ruf zurück. Ich liebe dich. Ich dich auch. Und 144-mal: Damn it.
Eine Geste absoluter Zeitgenossenschaft
,,24“ lief am 6. November 2001 an, knapp zwei Monate nach dem 11. September, aber nicht nur die Handlung rund um die Einsätze der Antiterroreinheit CTU war absolut zeitgemäß. Sie verfolgte Verdächtige mit modernster Technologie, und das war zugleich beunruhigend und beeindruckend. Jack Bauer, gespielt von Kiefer Sutherland, war alles andere als ein moralisches Vorbild, er folterte, nahm Drogen, und seine Work-Life-Balance war erbärmlich. Im Umgang mit der modernen Kommunikation zeigte er aber eine unvergleichliche Coolness.
Besonders souverän war, wie er mit seinem Klapphandy umging, das er in Staffel Eins oft benutze: Die Bewegung, mit der er es auf- und zuklappte, war eine Geste absoluter Zeitgenossenschaft, und manchmal, zum Beispiel, wenn er in der einen Hand eine Waffe hielt, schaffte er es, das Gerät mit der anderen aufzuflippen, was mich an den Move erinnerte, den ich als Teenager geübt hatte, um ein Zippo-Feuerzeug aufzuschnipsen.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Und so peinlich halbstark das heute auch klingt, so avantgardistisch sah das damals aus, vielleicht gerade deshalb, weil es die Handhabung des modernen Geräts mit einer altmodischen Cowboy-Attitüde verband. Jack Bauer bediente sein Handy nicht so unbeholfen wie wir Anfänger, sondern so, als ob er es von Kindheit an gelernt hätte. Im Gegensatz zu uns Laien vor dem Fernseher, für die die neue Dauererreichbarkeit noch eine optionale Mode war, hatte er als Spezialagent auch gute Gründe für die kommunikative Wichtigtuerei.
Um wenigstens die technischen Voraussetzungen für diese Lässigkeit zu erfüllen, kaufte auch ich mir ein Klapphandy, ein Nokia 6260, ein Modell, das zwar Bauer nie benutzt hatte, aber es sah eleganter aus und lag schwerer in der Hand als seine Motorolas. Außerdem konnte man das Tastenfeld um 180 Grad drehen – ich habe nie genau verstanden, warum.
Was aber fast noch wichtiger war: Ich lud mir den Klingelton der CTU herunter, neben dem prägnanten Countdown das akustische Markenzeichen der Serie, und installierte ihn auf dem Handy. Das war widersinnig, da es ja der Klingelton der Festnetztelefone in der Behörde war, aber entscheidend war auch dabei die Geste: Die Modifikation eines Geräts aus der Massenfertigung hatte etwas Subversives, Aneignendes, auch wenn so eine Personalisierung damals keine großen Hacker-Fähigkeiten erforderte.
Der Dauerdruck, dem Jack Bauer ausgesetzt war, und die Gehetztheit, mit der er reagierte, war 2001 keine allgegenwärtige Erfahrung. Heute fühlt sich fast jede Form der digitalen Kommunikation wie Telefonterror an, der ganze Multitasking-Tag eine einzige To-do-Liste. Dabei telefoniert man mit den Smartphones von heute ja kaum noch. Aber mit Doomscrolling kann man nun einmal keine Terroristen fangen.