Ich kreische. Es ist 2019, ich bin gerade 20 geworden und schreie zum ersten Mal, seit ich kein Baby mehr bin, aus voller Lunge. Eigentlich habe ich mich bis dahin nicht als Fangirl gesehen. Der Schrei bricht aus mir heraus, als Billie Eilish die Bühne betritt. Ich kann nichts dagegen machen.
Sieben Jahre später. Billie Eilish, 2001 geboren, ist jetzt schon seit fast zehn Jahren berühmt. Ihr neues Projekt mit dem Avatar-Regisseur James Cameron kommt in die Kinos, ein 3D-Konzertfilm, „Hit Me Hard and Soft: The Tour“. Eines dieser Konzerte habe ich damals live gesehen. Jetzt sitze ich im Kino. Das Licht geht aus, Jubel. Ein, zwei, Tausende Handybildschirme leuchten auf, die über ihre Kameras alle dasselbe Bild zeigen. Wieder überrollt mich die Wucht dieser ersten Sekunden.
Hypnose, Ekstase, Willenlosigkeit in 3D
Das erste Gesicht, das der Film zeigt, ist die Nahaufnahme eines Fans. „She’s the headlights, I’m the deer“, singt Billie, dabei ist ganz klar, dass sie das Scheinwerferlicht ist und wir, ihr Publikum, schockstarr und mit weit aufgerissenen Augen mitsingend, die Rehe. Die Dokumentation zeigt Fans in absoluter Hypnose, Ekstase, Willenlosigkeit.
Und jetzt? Ist das noch eine Künstlerin im Gespräch mit ihren Fans?
„Hit Me Hard and Soft“ ist schon der dritte große Billie-Eilish-Film. Er folgt auf die sehr persönliche Dokumentation „The World’s a Little Blurry“, die Eilish in der Zeit der Veröffentlichung ihres Debütalbums „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ begleitete. Dann kam der Konzertfilm „Happier Than Ever: A Love Letter to Los Angeles“. Hier performte sie ihr zweites Album im leeren Hollywood-Bowl-Amphitheater. Sowohl die Architektur als auch die gespenstische Atmosphäre erinnerten ein wenig an Pink Floyds Musikfilm „Live at Pompeii“ (1972). Den Fokus ganz vom Publikum zu lösen, war eine Entscheidung, die auch auf den ikonischen Talking-Heads-Konzertfilm „Stop Making Sense“ (1984) verwies.
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Der neue Film orientiert sich an ganz anderen Vorbildern, Justin Biebers „Never Say Never“ und „Believe“. Das Konzert ist ein Austausch, ein Netz, das Publikum Ko-Star. Passend zur Fanbeziehung, wie sie die sozialen Netzwerke mitgeprägt haben, folgen die Aufnahmen keiner Broadcastlogik.
Elf Minuten vor Showbeginn: Wir sehen mit Billies Augen durch eine Öffnung die volle Arena, während sie in einer schwarzen Box am Publikum vorbei unter die Bühne gerollt wird, um von dort aus aufzutauchen. Der 3D-Effekt ist großartig, das Immersionsvorhaben geht auf: Wir sind Billie! Nachvollziehbar, dass Cameron sich ausgerechnet ihre Konzerte vorgenommen hat: Auch ihre Musik, oft in Feinstarbeit aus endlosen Audiospuren geschichtet, hat etwas Immersives, ich denke an das Geräusch eines Tackers, unmerklich leise, aber doch unverkennbar, das die Zeile „staple your tongue“ („,Tacker‘ deine Zunge“) begleitet. Die Positionierung der Bühne in der Mitte der Arena entfaltet ihren eigenen multidimensionalen Effekt. Sie ist nicht auf eine klassische Frontalshow auslegt, sondern wird rundherum bespielt. Vorne und hinten, rechts und links lösen sich auf.
Dank ihr wurde der Geschmack von Teenagern und jungen Frauen endlich ernst genommen: Billie Eilish auf der Bühne bei ihrer „Hit Me Hard and Soft“-Tour.Paramount
Wer als Kritiker über Konzerte schreibt, die von Fangirls, also vorwiegend weiblichen Teenagern und jungen Frauen, dominiert werden, bewegt sich in einer langen Tradition der Geringschätzung. Dieses Konzert gehört eindeutig uns Fangirls. In ihrem Buch „Everything I Need I Get From You: How Fangirls Created The Internet As We Know It“ von 2022, schreibt die US-amerikanische Journalistin Kaitlyn Tiffany: „Solange Teenager als lukrative Marktgruppe existierten, lieferte die Branche ihnen ein ‚Teeny Bopper‘-Idol. Wenn Journalisten und Kritiker über diese Idole schrieben, taten sie dies oft in voller Billigung ihres Marketings, wenn auch mit einem Hauch von Verachtung.“
Auch ich bin darum nur widerwillig Fan. Aber Billie Eilish machte alle Welt zu Teenagern, das zeigen allein die zahlreichen Artikel: Der Geschmack junger Frauen wurde nicht zuletzt durch Eilish endlich ernst genommen.
Mit ihrem Sofortdurchbruch als Vierzehnjährige ist Eilish eine moderne Verkörperung des der Musikgeschichte altbekannten Wunderkinds. Dass dies nicht der typische Weg zum Superstar ist, wird schon klar, wenn man einen Blick auf Billies Altersgenossen wirft: Da sind die Disney-Karrieren von Olivia Rodrigo und Sabrina Carpenter auf der einen Seite. Auf der anderen stehen Leute wie Addison Rae, die den Weg in die Musikindustrie über jahrelanges Posten auf Tiktok, Instagram oder Youtube fand. Eilish hätte dort vielleicht einen Geniekult um eine Teenagerin in Baggy-Kleidung mit Tourette-Syndrom und Depressionen auslösen können.
Dank ihrem Bruder Finneas und ihrer Mutter kam es anders.
Billie Eilish und Finneas arbeiteten von Anfang an gemeinsam. Mit „Hit Me Hard and Soft“ spielte sie ihre erste Tour größtenteils ohne ihn.Paramount
Die Nähe zu den Fans, sie war auf ihr Talent für Lyrics zurückzuführen, die Teenager in jener Düsternis begegnen, die einen in diesem Alter so plötzlich einholen kann. Obwohl immer klar war, dass Eilish trotz ungesunder Liebesbeziehungen und mentaler Schwierigkeiten behütet aufwuchs, Teil einer liebevollen Familie war, also nicht das Leid durchlebte, von dem sie sang. Doch fühlte sie sich offensichtlich nicht als Teil der Welt. Billies Musik bedeutet in dieser Hinsicht für viele, sich von Emotionen mitreißen zu lassen und diese zugleich zu verarbeiten: Wehmut, Entfremdung, Wut, Machtlosigkeit, Selbsthass.
Darum ist Eilish mit zunehmender Berühmtheit nicht weniger relatable geworden. Ihre Songs waren immer schon geteilte Tagträume. Szenarien, in die man sich aus einem Auto- oder Busfenster schauend hineinträumt. Mal waren es makabere Phantasien über Freiheiten und Macht, die Teenagern fehlt, wie „You Should See Me in a Crown“ oder „Bad Guy“, zu denen sie sich von Bösewichten wie Moriarty in der Serie „Sherlock“ inspirieren ließ. Oder die Idee, sich in ihren eigenen Stalker hineinzuversetzen („The Diner“). Mal war es der blanke Horror, den emotionale Intimität auslösen kann, und die Angst vor der eigenen Fähigkeit, andere zu verletzen: „bury a friend“, „when the party’s over“ oder „I love you“. Mal überlegene Gleichgültigkeit („bellyache“, „Copycat“, „L’Amour De Ma Vie“). Mal Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit oder der Wunsch nach Selbstauslöschung („everything I wanted“, „listen before I go“). Sie lieferte einen Schutzpanzer und die Wegbeschreibung zu seinem zartesten Inneren gleich mit dazu.
Der Film thematisiert die Herausforderungen, die aus so einer intensiven, fast symbiotischen Fanbeziehung entstehen. „She showed me my mental health can and will be okay“, sagt einer der interviewten Fans im Film. Andere erzählen, wie Eilishs Musik ihnen durch Mobbingerfahrungen oder durch die Pubertät geholfen hat. „Safe and seen“, sicher und gesehen, diese Worte fallen immer wieder, wenn Fans von Billie sprechen – oder Billie mit ihren Fans.
Cameron und Eilish sind Ko-Regisseure des Films, weil Kameraführung und Bühnenshow so stark ineinandergreifen. Sie verbindet auch ihr Klimaaktivismus.Paramount
Dazu die Aufnahmen von Händen, Händen, Händen, die Eilish im Vorbeigehen wie Hunderte Kompassnadeln folgen und ständig nach ihr greifen, bis ihre eigenen Hände zerkratzt sind. Eilish versteht das als Justin-Bieber-Fangirl gut: „I come from being a fan, so to me . . . I understand that need and the aggression.“
Und doch hat sich diese Beziehung über die Jahre professionalisiert. Die verzweifelte Suche nach parasozialer Nähe, die noch aus ihren Aussagen in der Dokumentation zu ihrem ersten Album sprach, ist nicht mehr erkennbar: „I need you guys to be fucking okay ’cause y’all are the reason I’m okay, ’kay?“ Und: „I don’t think of them as fans. Ever. They’re not my fans, they’re like … part of me.“
Eine menschliche Tarotkarte
Billie Eilish wird dieses Jahr 25, sie ist 2001 geboren. Ihr Bruder und engster Arbeitspartner Finneas hat über das Geburtsjahr seiner Schwester sogar einen Song geschrieben, auch wenn es darin nicht um seine Schwester geht, sondern um den Film von Stanley Kubrick. In jedem Fall zählt Eilish damit zur Generation Z. Wie kaum ein anderer Star steht Billie Eilish für das Sprechen über bestimmte Merkmale der Jugend: Hofft man, aus der Jugend die Zukunft zu lesen, dann ist Billie Eilish eine menschliche Tarotkarte. Sie steht für alles, was die Generation Z zumindest eine Weile lang auszuzeichnen schien: vegan und umweltbewusst, nüchtern, queer, radikal ehrlich und verletzlich, untypisch in ihrer Performance oder Nichtperformance von Weiblichkeit.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das Interesse an dieser Altersgruppe scheint in den letzten Jahren gewachsen zu sein. Blickt man darauf, wie die Generation Z inzwischen weit über Arbeitsmarktfragen hinaus diskutiert wird, könnte man argumentieren, Jugendkultur bekomme heute mehr und wohlwollendere Aufmerksamkeit als je zuvor.
Vielleicht weil sie auch das bestimmt, was als Mainstream, was als Geschmack gilt. Der älteste Jahrgang der Gen Z ist jetzt 30, der jüngste bald volljährig. Eilish scheint dennoch auch in der nächsten Generation Jugendlicher einen Nerv – eigentlich ein ganzes Nervenkostüm – zu treffen, wenn man sich auf ihren Konzerten umsieht.
Videos der ersten Kino-Vorführungen zeigen, wie Fans durch die Kinosäle tanzen und hüpfen (bei der Berliner Preview war davon leider nichts zu spüren). In den Kommentarspalten der Videos hagelt es aber auch Hasskommentare. Das ist insofern erstaunlich, als Kritik an Billie Eilish im Vergleich zu vielen anderen Popstars weniger verbreitet ist. Die neue Wut mag auf ihre politische Dankesrede bei den diesjährigen Grammys zurückzuführen sein: „No one is illegal on stolen land“, sagte sie da, und: „Fuck ICE“. Das brachte ihr jedenfalls einen Hasskommentar von Elon Musk ein, mit dem sie eine längere Fehde verbindet: Sie sei eine Heuchlerin, hat Musk einmal geschrieben. Diesen Vorwurf kennt man von anderen Hasswellen, wie sie zuletzt etwa den Popstar Chappell Roan trafen, mit der Eilish viele politische Ansichten teilt. Was noch vor fünf Jahren eines der größten Probleme von innerlinken Social-Media-Debatten war, ist längst zu einer rechten Diskreditierungsstrategie geworden.
Was passiert, wenn ein Symbol erwachsen wird?
All das mischt sich in die Rezeption des Films. Aber natürlich kann man auch als Fan kritisch beobachten, wie der Konzertfilm, der im Rahmen einer Kooperation von James Cameron mit Meta entstand, der Vermarktung der „Meta Quest“-VR-Brillen und damit der Normalisierung von Brillen als Hardware dienen wird.
Im Verlauf der Show werden die Zeitsprünge hinter die Kulissen größer. Eilish hat schon immer gern Vorder- und Hinterbühne vermischt. Mit diesem Film treibt sie das Spiel auf die Spitze.
Cameron führt auch Interviews mit ihr, in denen aber schnell ersichtlich wird, dass seine dokumentarische Arbeit sich bisher vor allem auf die Natur, auf Tiefsee- und Tauchexpeditionsfilme konzentrierte. Seine Fragen sind vorsichtig, gefällig. Tatsächlich muss man Billie Eilish nicht herausfordern, um Transparenz zu bekommen. Aber aus den meisten Promo-Interviews zum Film erfährt man mehr über sie als aus diesen Gesprächsabschnitten. Sie nimmt ihre Schattenseiten immer schon vorweg – und entkommt ihnen paradoxerweise auf diese Weise. Nach Jahren, in denen ihre mentale Gesundheit öffentlich dokumentiert wurde, hätte man da tiefer graben können.
Eilish erfand sich mit jedem Album vorsichtig neu. Da ist die Erleichterung des Erwachsenwerdens, die man ihr von Jahr zu Jahr mehr ansieht: Wer ist Billie Eilish, wenn sie nicht leidet? Was passiert, wenn ein Symbol erwachsen wird, Individuum werden will? Was macht man mit der in Form einer Kunstperson konservierten Jugendlichkeit? Und natürlich: Was zeigt die Tarotkarte jetzt?
Was zeigt Billie Eilish, wenn nicht das hier: einen Menschen, der tut, worin er gut ist, und damit zur Naturgewalt geworden ist? Passt also doch zu Camerons Naturdokus.
Billie Eilish muss kein endloser Teenager sein. Es wäre ihren Fangirls, also auch mir, eine Ehre, mit diesem Idol zu altern. Auch wenn das etwas mehr Abstand erfordern mag.
Man, is she the greatest. Kreisch!
Der 3D-Konzertfilm „Hit Me Hard and Soft: The Tour“ ist diese Woche in den Kinos angelaufen.