Ein ungewöhnliches Bild bot sich den Passanten am Samstagnachmittag auf dem Marktplatz in Halle (Saale): Wo normalerweise reges Treiben herrscht, legten sich dutzende Menschen wortlos auf den harten Steinboden. Mit der bundesweiten Aktion „#LIEGENDDEMO“ machten Aktivisten und Betroffene im Rahmen der „me/cfs awareness days“ (08.–12.05.2026) auf die prekäre Lage von Menschen aufmerksam, die an Myalgischer Enzephalomyelitis / Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) leiden.

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Ein Leben in der totalen Erschöpfung

​ME/CFS ist weit mehr als nur „Müdigkeit“. Es handelt sich um eine schwere Multisystemerkrankung, die oft durch Virusinfektionen wie Covid-19, Influenza oder das Epstein-Barr-Virus ausgelöst wird. Das Leitsymptom ist die sogenannte Post-Exertionelle Malaise (PEM) – eine dramatische Zustandsverschlechterung nach bereits geringster körperlicher oder geistiger Anstrengung.
​Auf den ausgelegten Plakaten in Halle wurde das Leid greifbar: ​„Willst du dich wie lebendig begraben fühlen? Wir auch nicht! Wir brauchen Medikamente! JETZT!“ ​Für schwerstbetroffene Patienten findet das Leben oft jahrelang – manchmal für immer – isoliert in abgedunkelten Räumen statt. Selbst alltägliche Verrichtungen wie Duschen können einen PEM-Schub auslösen, der Tage oder Wochen anhält.

Forderungen nach Anerkennung und Versorgung

​Trotz der Schwere der Erkrankung, die bereits 1969 von der WHO als neurologische Krankheit eingestuft wurde, fehlt es in Deutschland an einer flächendeckenden medizinischen Versorgung. In einer emotionalen Rede während der Kundgebung wurde die aktuelle Situation scharf kritisiert:
– ​Mangelnde Forschung: „Forschung allein reicht nicht. Menschen mit ME/CFS brauchen nicht erst in zehn Jahren Hilfe, sie brauchen sie jetzt“, hieß es von einer Rednerin.
– ​Fehlende Medikamente: Bisher gibt es keine heilenden Medikamente oder zugelassenen Therapien.
​- Versorgungslücken: Viele Betroffene kämpfen jahrelang um Anerkennung bei Krankenkassen und Behörden, während ihnen gleichzeitig die Kraft für diesen bürokratischen Hürdenlauf fehlt.

Zahlen, die aufrütteln

​Die Dimension der Krankheit ist gewaltig. Laut aktuellen Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS leben in Deutschland rund 650.000 Betroffene – eine Zahl, die sich seit der Corona-Pandemie (zuvor ca. 250.000) mehr als verdoppelt hat. Besonders erschütternd: Unter den Erkrankten befinden sich etwa 80.000 Kinder und Jugendliche.
​Ein handgeschriebenes Plakat auf dem Halleschen Markt stellte die provokante Frage: ​„600.000 Menschen sind an ME/CFS erkrankt, darunter ca. 80.000 Kinder & Jugendliche! Lassen wir sie alle im Stich?“

​Stellvertretend für die „Unsichtbaren“

​Da viele Patienten aufgrund ihrer Schwäche nicht selbst vor Ort sein können, sprangen Angehörige und solidarische Bürger ein. „Schnapp dir eine Matte und gib den Menschen ein Gesicht, die selbst zu krank sind, um dabei sein zu können“, forderte die Initiative auf.
​Der liegende Protest in Halle war ein stilles, aber kraftvolles Signal gegen das Vergessen. Die Teilnehmer forderten ein Ende der Stigmatisierung und den Aufbau spezialisierter Ambulanzen, damit ME/CFS endlich als das behandelt wird, was es ist: eine schwere körperliche Erkrankung, die das Leben hunderttausender Menschen zerstört.

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Hintergrund: Die Aktion in Halle war Teil einer bundesweiten Kampagne, bei der in zahlreichen Städten zeitgleich im Liegen protestiert wurde, um die Politik zu mehr Investitionen in Forschung und Versorgung zu bewegen.

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