Heute jährt sich ein ungewöhnliches Kapitel deutscher Nachwendegeschichte zum 35. Mal: Der berüchtigte Eierwurf auf Bundeskanzler Helmut Kohl während seines Besuchs in Halle (Saale) am 10. Mai 1991. Die Szene hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und brachte die Saalestadt damals schlagartig in die bundesweiten Schlagzeilen.
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Kohl, frisch wiedergewählter Kanzler des vereinten Deutschlands, war auf Antrittsbesuch in der Stadt. Der Weg führte ihn vom Ratshof über den Marktplatz in Richtung Stadthaus. Dort sollte er mit Vertretern der Stadt sprechen und ein Zeichen des Aufbruchs setzen – doch es kam anders.
Statt nur Applaus und Begeisterung erwartete den Kanzler eine Gruppe Demonstranten. Als Kohl die Treppen des Ratshofs herabstieg, flogen plötzlich mehrere Eier in seine Richtung. Eines traf ihn am Kopf – das Bild des CDU-Politikers mit Eigelb im Gesicht ging um die Welt. Was folgte, war ein Moment, der noch heute für Diskussionen sorgt: Anstatt in Deckung zu gehen, stürmte Kohl auf die Menschenmenge zu.
Jusos-Chef im Mittelpunkt
Im Zentrum seines Zorns stand ein junger Mann mit langen Haaren, in der einen Hand eine Juso-Fahne, in der anderen angeblich ein Ei. Es handelte sich um den damaligen Juso-Chef von Halle. Kohl beschimpfte ihn lautstark, Sicherheitskräfte mussten eingreifen.
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Was folgte, war ein politisches und mediales Nachbeben. Der Vorfall wurde zum Symbol für die Spannungen zwischen West und Ost, zwischen Regierung und Teilen der ostdeutschen Bevölkerung, die sich nach der Wende nicht ausreichend mitgenommen fühlten.
Heute, 35 Jahre später, erinnert sich Halle mit gemischten Gefühlen an diesen Tag. Für die einen bleibt es ein Beispiel für respektlosen Protest, für die anderen ein Zeichen der politischen Meinungsäußerung in einer turbulenten Zeit.
Der damalige Juso-Chef äußerte sich zuletzt in einem Interview: „Ich wollte provozieren, das stimmt. Aber ich habe kein Ei geworfen. Das war jemand anderes.“ Kohl selbst sprach Jahre später von einem „angsteinflößenden Moment“, der ihn aber in seiner Entschlossenheit bestärkt habe.
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