Ganz einfach ist es nicht, bei diesem Rennen den Überblick zu behalten. Beim Rennen um Kennet Eichhorn.

Ständig wechselt die Führung. Mal liegt der eine vorn, dann taucht aus dem Nichts plötzlich ein anderer auf und setzt sich an die Spitze.

Momentan ist das, wenn die jüngsten Berichte stimmen, Borussia Dortmund aus der Fußballbundesliga. Aber wer weiß? Vielleicht ist auch alles ganz anders. Vielleicht sind die Bayern vorn. Oder Bayer Leverkusen. Oder Real Madrid.

Wenn man Woche für Woche mit solchen Themen konfrontiert wird, arbeitet es natürlich in einem. Wir sprechen hier über einen 16-Jährigen.

Stefan Leitl, Trainer von Hertha BSC, über Kennet Eichhorn

„Es wird viel geschrieben“, sagt Benjamin Weber, der Sportdirektor von Hertha BSC. Aber ja: „Es ist eine Interessenlage da.“

Im Tagesspiegel vor 80 Jahren Hertha, Union…? Gesundbrunnen, Oberschöneweide…!

Stefan Leitl, der Trainer des Berliner Zweitligisten, muss ein wenig schmunzeln, als er auf das mediale Getöse rund um Kennet Eichhorn angesprochen wird. Auf all die Gerüchte, die wohl tatsächlich hauptsächlich Gerüchte sind.

Denn gefühlt wird Herthas Mittelfeldspieler jede Woche mit einem anderen Verein in Verbindung gebracht, der ihn ganz sicher in diesem Sommer verpflichten wird. „Ich kann nur so viel sagen, dass er überall spielen und überall seinen Weg gehen kann“, sagt Leitl.

Und eigentlich ist das alles gar nicht zum Schmunzeln. Vor allem nicht für Kennet Eichhorn, der von seinem Arbeitgeber Hertha BSC immer noch weitgehend von der medialen Außenwelt abgeschirmt wird. Was nicht heißt, dass ihm die Spekulationen um seine Person verborgen bleiben.

„Ich nehme Kenny so wahr, dass viele Gedanken in seinem Kopf sind“, sagt Leitl. „Wenn man das Woche für Woche liest und vielleicht auch mit solchen Themen konfrontiert wird, dann arbeitet es natürlich in einem. Wir sprechen hier über einen 16‑Jährigen.“ Über einen 16-Jährigen allerdings, der als eines der beachtlichsten Talente im deutschen Fußball gilt.

Vor einem Jahr noch war Kennet Eichhorn eine dieser Nachwuchshoffnungen, von denen man raunt, dass man sich den Namen merken solle. Ein Talent, das mit 15 noch zu jung war, um überhaupt im Profifußball spielen zu dürfen. Jetzt aber, nach 15 Einsätzen für Hertha in der Zweiten Liga, ist Eichhorn eine der heißesten Aktien auf einem traditionell überhitzten Markt.

Für eine kolportierte Ablöse von zehn bis zwölf Millionen Euro kann der Mittelfeldspieler die Berliner in diesem Sommer verlassen. Gemessen an seinem Alter ist das eine pervers hohe Summe. Gemessen an Eichhorns Fähigkeiten und seinem voraussichtlichen Werdegang hingegen gelten zwölf Millionen bei ihm schon fast als Schnäppchen.

Eichhorn macht intuitiv fast alles richtig

Nur dem Gesetz nach ist Kennet Eichhorn noch minderjährig. Auf dem Fußballplatz bewegt er sich mit der Reife eines Erwachsenen. Er hat nichts Kindisches oder Jugendliches mehr an sich, außer der Freude am Spiel vielleicht. Eichhorn macht intuitiv so gut wie alles richtig, was Herthas Trainer Leitl schon vor Wochen zu der Aussage verleitet hat, „dass alle in diesem Land noch sehr viel Freude an ihm haben werden“. Alle. Nicht nur die Fans von Hertha BSC.

An diesem Sonntag, im Heimspiel gegen Greuther Fürth, kehrt Eichhorn nach Ablauf seiner Rotsperre für Hertha auf den Platz zurück. Ob er in der Startelf stehen wird? „Ja“, sagt Trainer Leitl. Was für eine Frage.  

Hertha mit Personalsorgen

Vor dem Heimspiel gegen Greuther Fürth wird Herthas Trainer Stefan Leitl erstmals seit Längerem wieder von größeren Personalproblemen geplagt. Neben dem gelbgesperrten Kevin Sessa und den länger fehlenden John Anthony Brooks, Boris Mamuzah Lum und Deyovaisio Zeefuik fällt auch Mittelstürmer Dawid Kownacki erneut aus.

Der Pole hatte schon vor dem Spiel in Magdeburg über Schwindel geklagt und konnte deshalb die ganze Woche nicht trainieren. Ob er in dieser Saison überhaupt noch mal zum Einsatz kommt, ist fraglich. Auch Marton Dardai (muskuläre Probleme) steht gegen Fürth nicht zur Verfügung.

So könnte Hertha spielen: Ernst – Eitschberger, Gechter, Kolbe, Karbownik – Eichhorn, Seguin – Winker, Brekalo, Reese – Schuler.

Viel spannender ist: Wie lange er das noch tun wird? Ein Jahr ist es her, dass Ibrahim Maza Hertha verlassen hat, um in der großen Fußballwelt sein Glück zu suchen. Viele Fans dachten damals: Solch einen Spieler werden wir lange nicht mehr haben. Doch nun scheint es bereits den nächsten zu geben. Den nächsten, der geht?

Fünf Spieler – Tim Hoffmann, Toni Leistner, Diego Demme, John Anthony Brooks und Jeremy Dudziak – wird der Klub vor dem Spiel gegen Fürth offiziell verabschieden. Kennet Eichhorn wird nicht darunter sein. Und trotzdem deutet einiges darauf hin, dass er am Sonntag zum letzten Mal für Hertha im Olympiastadion auflaufen wird.

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„Der große Wunsch wäre natürlich, dass er bleibt“, sagt Trainer Leitl, „nicht nur von mir, sondern von uns allen.“ Aber es sind nicht irgendwelche Klubs, die um Eichhorn buhlen. Es sind die besten, und nicht nur aus Deutschland. Es sind Klubs, die mit der Champions League locken statt mit der Zweiten Liga und entsprechend auch mit einem deutlich höheren Gehalt.

Hertha kann Eichhorn nur die Aussicht auf weiterhin viel Spielzeit auf anständigem Niveau bieten, bei gleichzeitigem Verbleib in seiner gewohnten Umgebung. Damit wirbt Sportdirektor Weber, auch im Austausch mit der Familie. Der Vater von Kennet Eichhorn – so zumindest wird es erzählt – soll übrigens ein Hardcore-Hertha-Fan sein.