Ein Feld mit Soalarmodulen

AUDIO: Bildschöne Bücher: „Metamorphosis“ von Rainer Zerback (3 Min)

Stand: 10.05.2026 06:00 Uhr

Rainer Zerbacks Bildband „Metamorphosis“ zeigt die Schwäbische Alb als künstlich geformte Landschaft – ästhetisch, kalt und melancholisch. So sichtbar war unser Eingriff in die Natur selten.

von Janek Wiechers

Die Umwelt, wie wir sie kennen, hat mit ursprünglicher Natur kaum noch etwas zu tun. Die Landschaft um uns herum ist ein Kunstprodukt, das der Mensch seit Jahrtausenden verändert. Land- und Forstwirtschaft, Siedlungen, Straßen und Industrie hinterlassen Spuren. Mit diesem Thema beschäftigt sich künstlerisch der Fotograf Rainer Zerback. In seinem neuen Bildband geht es genau darum – um die Verwandlung der Landschaft.

Versiegelte Flächen statt lebendiger Natur

Auf einer Wiese unter grauverhangenem Himmel: hunderte Solarpanele fast bis zum Horizont. In den polierten Flächen spiegeln sich die Wolken. Hier und da schimmert ein wenig Rasenfläche durch; im Hintergrund stehen ein paar karge Büsche.

Dann: neugebaute Einfamilienhäuser. Steril wirken sie, weiße Fassade, graue Fenster, graue Dachflächen. Die Siedlung ist fast komplett versiegelt: die Einfahrten gepflastert, die Straßen asphaltiert, die Grundstücke mit grauen Betonmauern eingefasst. Penibel geschnittene Hecken.

Noch ein Bild: Mitten in der Feldmark liegt ein eigentümlich deplatzierter Friedhof. Die Grabsteine sind präzise aufgereiht, immer im gleichen Abstand zueinander. Daneben: sorgfältig geharkter Kies. Auf dem tristen mit Betonsteinen gepflasterten Weg zwischen den Gräbern wächst kein Grashalm.

Die melancholische Seite der Moderne

Rainer Zerback zeigt uns in panoramaartigen Fotografien eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Sowohl die Natur – Felder, Auen, Wiesen und Wälder – als auch die von Menschenhand geschaffenen Dinge darin – bestellte Äcker, Fabriken, Häuser, Straßen und Spielplätze -, alles strahlt eine seltsame Künstlichkeit aus.

„Rainer Zerback eröffnet uns eine artifiziell inszenierte Fotografie, die in Ruhe provoziert – indem sie uns entzieht, was wir gewohnt sind: Seine Welt ist eine Zwischenwelt: nicht real, aber tief wahr“, schreibt der Kunsthistoriker Günther Baumann im Begleittext. Er weist darin auf einen interessanten Umstand hin: dass tatsächlich nur in wenigen Bildern Zerbacks Menschen zu sehen sind.

Panoramawürdige und bedrängende Aufnahmen

Der Effekt ist enorm: Gerade das Fehlen von Menschen lässt deren landschaftsformenden Einfluss umso deutlicher hervortreten. Denn nichts, was in Zerbacks Fotos zu sehen ist, wäre ohne den Einfluss menschlicher Zivilisation denkbar.

„Es geht nicht um eine apokalyptische Endzeit“, so Baumann, „denn die scheinbar beiläufige Darstellung des Menschen macht umso deutlicher, wie dieser in die teils unendlich weite, teils bebaute Landschaft eingreift – in einerseits panoramawürdigen und andererseits bedrängenden Aufnahmen sind die menschlichen Spuren erkennbar.“

Wenn Natur nur noch Kulisse ist

Zerbacks Bilder wirken gewiss nicht auf jeden Betrachter endzeitlich. Sie sind sogar häufig sehr ästhetisch – zugleich aber auf eine Art kalt, unbeseelt. Ein melancholischer Beigeschmack macht sich breit.

Das ist so beim riesigen Industriegebiet fremdartig hineinplatziert in eine weitläufige Landschaft. Ebenso beim unwirtlichen Parkplatz neben einer vierspurigen Autobahn, die kärgliche Baumgruppen durchschneidet. Oder beim betonierten Skateboardplatz in einem Wohngebiet neben geradezu lächerlich kleinen Rasenflächen. Immer wirkt die Natur in Zerbacks Fotografien domestiziert, an den Rand gedrängt.

Aufgeschlagene Bücher

Bildbände über Architektur, Menschen oder Landschaften sind immer ein Genuss für die Augen. NDR Kultur stellt immer wieder herausragende Neuerscheinungen im Programm vor.

Schönheit oder Abgründe?

Die Fotografien entstanden alle in der Region Schwäbische Alb. Diese stehe exemplarisch auch für viele andere Landstriche, findet Rainer Zerback: „Sie besticht nicht nur durch ihre reizvolle Landschaft, sondern steht auch beispielhaft für einen tiefgreifenden Strukturwandel von einem landwirtschaftlich geprägten, ressourcenarmen Landstrich zu einer Region mit Industrieunternehmen.“

Dass der Mensch seine Umgebung massiv beeinflusst, wird hier eindringlich sichtbar. Ob die Veränderung der Landschaft gut oder schlecht ist? Ob das, was Zerback zeigt, ästhetisch-erbaulich ist, oder doch reichlich deprimierend? Beide Lesarten sind denkbar.

Cover: Rainer Zerback: Metamorphosis

Metamorphosis

von Rainer Zerback

Seitenzahl:
150 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Kerber
ISBN:
978-3-7356-1086-7
Preis:
42 €