Karte des arabischen Golfes

Die Interessen der Golfstaaten driften seit dem Iran-Krieg zunehmend auseinander

(Bild: Libin Jose/Shutterstock.com)

Irans Raketen trafen Manama, Doha und Dubai – und sprengten die Illusion einer gemeinsamen Golffront. Wie sich eine Region neu sortiert. Eine Analyse.

Der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran wirkt wie ein Röntgenbild – er macht sichtbar, was lange unter der Oberfläche schwelte: Mit dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus dem Öl-Kartell könnte eine neue Zeitrechnung am Golf angebrochen sein. Kämpfen nun alle Anrainer für sich allein – und ist die Kooperation in der Region endgültig passé?

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Dabei erodierten vermeintliche Gewissheiten rasend: Das noch zu Anfang März durch den katarischen Journalisten Faisal Al-Mudahka (Gulf Times) ausgegebene Mantra – es handle sich um einen US-israelischen Krieg, mit dem „man nichts zu tun habe“ – zerbrach binnen Stunden.

Der iranische Raketenbeschuss kratzte am Erfolgsmodell einer gesamten Region wie Nadelstiche an einem Luftballoon: Die Golfstaaten drohen, in den Mühlen einer geopolitischen Auseinandersetzung zerrieben zu werden, in die sie nie eintreten wollten.

Doch dauerhafte Passivität oder Aussitzen sind keine Option. Spätestens mit den Angriffen auf Manama, Doha und Dubai, den Zerstörungen an Energie-, Öl-, Wasser- und Tourismusinfrastruktur konnten die iranischen Nadelstiche kaum mehr ignoriert werden.

Der Krieg hatte die Herzkammer des Golfmodells erreicht: Mit einer gesperrten Straße von Hormus und dem „größten Energiepreisschock der Geschichte“ (US-Thinktank Carnegie Endowment) zahlen die Golfstaaten den höchsten Preis für einen Krieg, den sie nicht gewinnen können. Folgt in dessen Windschatten eine neue Golf-Ordnung?

Von Macht und Modernisierung

Kein Alltag, keine Normalität – Tausende geflohen. Der Druck auf die autokratisch-monarchistisch regierten Staaten ist immens: Fällt ihr ökonomisches System, droht die Erosion der Herrschaft.

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Allein in Saudi-Arabien, inmitten der von Kronprinz Mohammed bin Salman vorangetriebenen Modernisierung jenseits des fossilen Rentenkapitalismus, bestimmt der Ölpreis noch immer den staatlichen Versorgungsmarkt.

Über 60 Prozent des saudischen Staatsbudgets stammen aus dem Öl – sinken diese Einnahmen dauerhaft, ist das herrschaftlich-repressive Bündnis aus Al-Saud-Clan und wahabitischem Klerus gefährdet. Ein stiller Triumph Teherans? Möglich. Doch die Frage ist größer: Kommt es in dessen Folge zum Big-Bang am Golf?

Kein monolithischer Block

Im Status quo ante war die Region durch eine US-Sicherheitsarchitektur geprägt. Der Iran galt als Bedrohung, der man durch diplomatische Einbindung – etwa die unter chinesischer Vermittlung vereinbarte Annäherung zwischen Riad und Teheran – zu begegnen suchte.

Doch die Golfstaaten waren nie ein monolithischer Block: Während die VAE und Bahrain bereits 2020 im Weißen Haus ihre Beziehungen zu Israel normalisierten – ein offener Bruch mit der arabischen Konsenslinie, Israel ohne palästinensische Zugeständnisse niemals anzuerkennen – blieben Oman, Katar und Saudi-Arabien offiziell neutral, wahrten den Abstand.

Nur Kuwait, gebunden durch starken innenpolitischen Widerstand, verharrte auf traditionellen Pfaden – vor Ort herrscht seit Jahrzehnten ein starker pro-palästinensischer Konsensblock bestehend aus gesellschaftlicher Meinung und Parlament.

Entscheidend jedoch eine frühere Weichenstellung: Spätestens ab 2020 rückte Riad graduell von Washington ab – ausgelöst durch die durchaus berechtigte und unter der Trump-Administration und dem Pivot gen Pazifik verstärkte Wahrnehmung, die USA seien keine verlässliche Schutzmacht mehr.

Mit Peking besaß Riad eine Alternative. Im Windschatten dieser Entwicklung diversifizierte sich das Spektrum weiter aus, betrieben die VAE eine eigenständige, spannungsgeladene Schaukelpolitik zwischen Iran und Israel – die nun im OPEC-Austritt gipfelte.

Wirtschaftsrivalität als eigentlicher Sprengstoff

Parallel schwelte eine ökonomische Rivalität, der US-Krieg war das Vehikel. Insbesondere die VAE und Saudi-Arabien konkurrierten um die wirtschaftliche Vormachtstellung: Mit der saudischen Headquarter-Policy strebte Riad an, alle Unternehmen, die von den gigantischen Großprojekten profitieren wollten, zur Verlegung ihrer Regionalsitze nach Riad zu zwingen – ein Frontalangriff auf Dubais Rolle als Handels- und Finanzzentrum. Der offene Kampf um den regionalen Hub-Platz vergiftete die Stimmung.

Das Grundproblem: Alle Golfstaaten verfolgen nahezu identische Entwicklungspfade – Logistikzentrum werden, Tourismus ankurbeln, Diversifizierung jenseits des Öls (mit Ausnahme von Oman) vollenden. Statt regionaler Spezialisierung wählte man unabsichtlich Konvergenz. Ein Spiel, das nicht dauerhaft gut gehen konnte – wie die seit Jahren schwelenden Streitigkeiten um Fördermengen zeigen.

Drei Lager, sechs Staaten

Im Krieg offenbarten sich aus wirtschaftlichen und pfadabhäging-gewachsenen Grundbedingungen gänzlich differente Sichtweisen. Die sechs Golfstaaten lassen sich in drei Kategorien einordnen: die antiiranische Achse, die taktischen Jongleure und die neutraleren, pro-iranischen Vermittler.

  • Bahrain und Kuwait sind am klarsten antiiranisch positioniert. Bahrain wurde massiv angegriffen, forderte als Novum ein internationales UNO-Eingreifen – erst Moskaus und Pekings Veto stoppte den Vorstoß. Das Land beherbergt Hauptquartier und fünfte Flotte der US-Marine. Kuwait agiert vorsichtiger, doch das Trauma der irakischen Besatzung und die enge strategische Bindung an die USA seit 2004 als „major non-Nato ally“ prägen das Handeln bis heute.
  • VAE und Saudi-Arabien fungieren als zweideutiges und ungleiches Zwischenscharnier. Die VAE sind durch iranischstämmige Einwohner und ihre Rolle als Handelsdrehscheibe für iranischen Export eng an Teheran gebunden – verharren sicherheitspolitisch jedoch im US-Lager. Riad näherte sich diplomatisch dem Iran an; der US-Drohnenmord an General Soleimani bremste diese Entwicklung nur kurz. Dennoch gilt: Auf Basis eines unkalkulierbaren Eskalationsrisikos dürfte Riad daran gelegen sein, iranische Angriffe so rasch wie möglich auszuschließen, die gesamte Existenz der Despotie scheint bedroht.
  • Oman und Katar nehmen hingegen pro-iranische Sonderrollen ein. Der Oman profilierte sich – noch vor Pakistan – als Vermittler zwischen Washington und Teheran, besitzt gute Kontakte in beide Richtungen und könnte als kleiner, großer Gewinner aus dem Krieg hervorgehen: Er positioniert sich als einträgliche Alternative zur gesperrten Straße von Hormus und bietet Ausweichhäfen an. Katar, mit einer 20-prozentigen schiitischen Minderheit und geteilter Nutzung des South-Pars-Gasfeldes mit dem Iran, wurde trotz intakter Beziehungen zu Teheran massiv angegriffen, dies belastet das Verhältnis schwer. Laut dem Hamburger Giga-Institut sind die iranisch-katarischen Beziehungen primär taktischer Natur: pragmatisch, überlebenswichtig, wirtschaftlich fundiert. Sollte der Iran die in Teilen ökonomisch irrational-selbstschädigenden Angriffe auf die LNG-Linien und das Gasfeld fortsetzen, droht ein erneuter Einschnitt.

Ungleicher Golf

Das Bild am Golf ist höchst gemischt, volatil, dynamisch – und offen in alle Richtungen. Zwar fordern alle Staaten der Region ein Ende des Krieges, doch ihre dahinterliegenden Interessen könnten kaum unterschiedlicher sein. Während der Oman als Kriegsprofiteur gelten kann, bangen Bahrain und Katar um militärische Schäden.

Kuwait und die VAE mögen gar auf einen amerikanischen Sieg hoffen – Riad könnte sowohl seine Beziehungen zum Iran verbessern, wie auch – unter Aufgabe der Versprechen an die heiligen islamischen Stätten – in israelische Arme laufen. Einen gemeinsamen Golf gab und gibt es nicht. Abseits kultureller und sprachlicher Bindungen geht es um kalkulierte Interessen der politischen Klassen – und mittlerweile ums nackte Überleben.