46 Jahre und 304 Tage – Holger Kunkel verbrachte sein ganzes Berufsleben bei der Polizei in Braunschweig. Die meiste Zeit davon klärte er Mordfälle auf. Seit einigen Jahren ist Kunkel, 68, im Ruhestand. Hier erzählt der frühere Hauptkommissar von einem Fall, den er gemeinsam mit Kollegen erst nach zwei Jahrzehnten lösen konnte und der ihm besonders gut in Erinnerung geblieben ist. Ein Gesprächsprotokoll.
Zwei Leichen, aber kein Täter: Die Fälle Andrea Fechner und Doris Mundt
Ich war ein junger Verkehrspolizist in Braunschweig, als an einem frühen Abend im Januar 1981 die Meldung rausging: Raubüberfall mit einer Schwerstverletzten. Sofort rückten zahlreiche Streifenwagen aus. Der Tatort war die Boutique „Mode-Eck“ am Neustadtring. Dort fanden Kollegen die Geschäftsführerin Andrea Fechner. Sie war 22 Jahre alt, genau wie ich. Jemand hatte mit einem Holzknüppel brutal auf sie eingedroschen. Es muss ein erschreckender Anblick gewesen sein: überall Blut. In der Kasse fehlten 400 Mark an Tageseinnahmen.
Ich wurde in die Umgebung geschickt, um nach verdächtigen Personen zu suchen. Es gab aber keine Täterbeschreibung, keine Hinweise, nichts. Schließlich brach die Einsatzzentrale die Fahndung ab. Andrea Fechner wurde ins Krankenhaus gebracht und starb dort drei Tage später an ihren schweren Kopfverletzungen. Besonders tragisch war, dass sie erst kurz zuvor geheiratet und sich mit dem eigenen Modeladen einen Traum erfüllt hatte. Doch die Ermittlungen verliefen im Sande. Der Fall geriet in Vergessenheit.
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Ende der 90er-Jahre fing ich an, mich systematisch mit ungeklärten Tötungsdelikten in Braunschweig zu befassen. Ich war gerade von der Schutzpolizei zur Mordkommission gewechselt. Seit 1969 gab es 18 Cold Cases. Die Kriminaltechnik hatte wahnsinnige Fortschritte gemacht. Vor allem die DNA-Analyse gab mir Hoffnung. Zu meinem Erschrecken stellte ich aber fest, dass in nur neun Fällen überhaupt noch verwertbare Spuren vorhanden waren.
Im Fall Andrea Fechner hatten wir Glück: In der Akte befanden sich noch Beweismittel. Schmuck, Stiefel, ein blutbespritztes Teppichstück. Laut Obduktionsbericht gab es im Inneren des Genitalbereichs Verletzungen, was darauf hindeutete, dass das Opfer auch vergewaltigt worden war. Wir richteten eine Sonderkommission ein. Ein Ermittlungsleiter, eine Analystin und ich bildeten das Kernteam. Unterstützt wurden wir von zehn Kräften der Bereitschaftspolizei. Gemeinsam arbeiteten wir uns durch die Spurenakten aller Personen, die damals im Fokus der Kripo gestanden hatten. Im Fall Andrea Fechner waren es rund hundert mögliche Verdächtige. Die meisten lebten noch. Allein ihre Aufenthaltsorte zu ermitteln, war mühsame Kleinarbeit.
Wie eine Verwechslung die Ermittlungen vorantrieb
Wir spürten diese Personen auf und nahmen Speichelproben. Die Proben gingen zusammen mit den Beweisstücken zum DNA-Abgleich an das LKA. Das Ergebnis war ernüchternd: kein Treffer, keine fremde DNA auf den Asservaten. Wir standen weiterhin ohne konkrete Spur da. Die neuen Recherchen, die bereits Jahre gedauert hatten, kamen kaum voran. Bis ich im Frühjahr 2005 einen Anruf aus Hannover erhielt.
Am anderen Ende der Leitung war eine Sachbearbeiterin des Landeskriminalamts. „Herr Kunkel, wir haben einen Treffer“, sagte sie. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Der Name des mutmaßlichen Täters lautete Manfred A., der zu diesem Zeitpunkt in der Sicherungsverwahrung der ehemaligen JVA Celle saß. Ein Schwerverbrecher vor dem Herrn. 1978 das erste Mal straffällig geworden. Danach immer wieder kleine Läden überfallen, wo Frauen allein arbeiteten. Dabei hatte er sich auch an ihnen vergangen. Er kam dann nach Wolfenbüttel ins Gefängnis, durfte tagsüber jedoch raus.
Kunkel in seinem Haus bei Braunschweig.
Foto: Leon Grupe
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Er fuhr morgens nach Braunschweig zur Arbeit, auch 1981, und abends zurück in den Knast. Auf dem Weg kam er an Andrea Fechners Laden vorbei. Deshalb war er bereits damals ins Visier der Kripo geraten, es existierte eine Spurenakte zu ihm. War er unser Mann?
Seine DNA war an einer Zigarettenkippe gefunden worden. Doch bei Andrea Fechner gab es keine Zigarette als Beweismittel. Die LKA-Mitarbeiterin hatte tatsächlich die Fälle verwechselt. Sie sprach eigentlich von Doris Mundt, die am Valentinstag 1981 bei Goslar getötet worden war. Wieder ein junges Opfer. Der Täter hatte sie mitgenommen, sexuell genötigt und schließlich ihren Kopf mehrfach auf den gefrorenen Boden geschlagen – daran starb sie.
Eine Schauspieleinlage brachte den Täter zum Reden
Auch die Kollegen in Goslar arbeiteten inzwischen an ungeklärten Mordfällen und hatten die Asservate zur DNA-Auswertung ans LKA geschickt. Im Fall Doris Mundt gab es gleich mehrere Übereinstimmungen: Die DNA von Manfred A. fand sich sowohl an ihrem BH als auch an ihrer Gürtelschnalle. Es sah schlecht aus für ihn, ganz schlecht. Wir durchsuchten seine Zelle, fanden aber keine weiteren Beweise.
Allerdings wussten wir, dass Manfred A. im offenen Vollzug Anfang der 80er-Jahre die Wochenenden bei seinen Eltern in Vienenburg verbringen durfte. Dass ihm der Audi 80 vom Vater zur Verfügung stand und dass er damit zur Disco nach Goslar fuhr. Die entscheidende Frage war nun: Wie kriegen wir eine Aussage? Die Kollegen aus Goslar hatten eine Idee, vor der ich heute noch den Hut ziehe.
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Wir besorgten einen Audi, wie der seines Vaters. Gleiches Modell, gleiche Lackierung, sogar die Kennzeichen waren identisch. Sogenannte Dubletten. Den Wagen stellten wir vor dem früheren Elternhaus ab. Dann holten wir Manfred A. aus dem Gefängnis und fuhren mit ihm dorthin. Als er den Audi sah, wurde er sichtlich nervös. Schweißperlen auf der Stirn. In dem Auto saß ein Kollege, der losfuhr, und wir hinterher. Vor einer Bushaltestelle am Ortsausgang hielten wir an. Und dort stand eine Frau: Vokuhila, brauner Cordanzug. Sie sah aus wie Doris Mundt in der Nacht ihres Todes.
Die Gesichtsfarbe von Manfred A. werde ich nie vergessen. Die war nicht weiß oder rot, die war grün. Wir brachten ihn auf die Dienststelle nach Goslar zur Vernehmung. Mit viel Einfühlungsvermögen ist es uns nach drei Tagen gelungen, ihn zu einem vollumfänglichen Geständnis zu bringen.
Nicht jeden Cold Case konnte Holger Kunkel lösen
Und dann haben wir gesagt: „Komm, wir machen noch eine Fahrt.“ Wir fuhren mit ihm zum Tatort von Andrea Fechner. Auch dort ging es ihm schlecht. Er muss geahnt haben, dass wir ihn auch für diese Tat drankriegen wollten. Doch in diesem Fall war die Beweislage wegen fehlender DNA-Spuren zu dünn.
Ein Leben als Kommissar: Kunkel geht noch einmal die Akte eines alten Falls durch.
Foto: Leon Grupe
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Also suchte ich den einzigen Menschen auf, der ihn im Gefängnis noch besuchte: seine Mutter. Sie war ohnehin am Ende, ihr Sohn saß seit Jahrzehnten hinter Gittern. Als ich ihr von dem Mord an Andrea Fechner erzählte, traf sie das schwer. Sie kam dann mit auf die Dienststelle. Und in einem Besprechungsraum hat sie ihrem Sohn die Leviten gelesen, aber so richtig. „Wenn du jetzt hier nicht reinen Tisch machst, dann komme ich dich nie wieder besuchen“, schrie sie, „dann bist du für mich gestorben.“
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Sie hat ihn sogar geohrfeigt, offenbar das erste Mal in seinem Leben. Und dann ist er eingeknickt. Unter Tränen gestand er auch die Tötung von Andrea Fechner. Zum Motiv ließ er sich nicht ein, er faselte nur etwas von Streit und einer Eskalation. Ein klares Mordmerkmal ließ sich daraus nicht ableiten.
Ich weiß nicht, ob Manfred A. noch lebt. Zuletzt saß er in der JVA Sehnde. Wahrscheinlich wird er bis zu seinem Tod im Gefängnis bleiben. Für mich war es natürlich eine große Erleichterung, ihn nach all den Jahren doch noch überführen zu können. Immer wenn ich seine Akte in der Hand hielt, hatte ich das Gefühl: Er ist der Täter. Dass ich nicht alle Cold Cases lösen konnte, lässt mich aber bis heute nicht los. Drei Frauenmorde aus dem Jahr 1969 sind weiterhin ungesühnt.