Ole Werner nahm die Vorlage genüsslich auf. Und outete einen Journalisten, der ihn gefragt hatte, ob er, Werner, im Auto etwa im Stile des früheren Dortmunder und heutigen City-Stürmers Erling Haaland eine CD mit der Champions-League-Hymne einschiebe. Für alle Nicht-Boomer: „CD“ ist in diesem Fall die Abkürzung für einen zumeist silbernen Tonträger namens „Compact Disc“, der sich in den 1980er-Jahren gegen die nun wieder moderne Vinyl-Schallplatte durchsetzte. Nein, sagte also Werner mit einem Augenzwinkern: Es gebe doch in den Autos keine CD-Abspielgeräte mehr.

Gleichwohl: Werner schaute, als würden ihn die Töne jener Weise berühren, die auf „Zadok The Priest“ von Georg Friedrich Händel aus Halle an der Saale beruht. Mehr noch vielleicht als die Zuschauer, denen die Melodie unter dem Gebrüll des stets anstrengenden Stadionsprechers vorgespielt wurde, kaum, dass der 2:1-Sieg gegen St. Pauli ein sogenannter Fakt war. Letztlich verkörperte die Musik die einzige belastbare, übergeordnete Nachricht des Leipziger Wochenendes: Nach einjähriger Abstinenz kehrte RB nicht nur nach Europa, sondern gleich in die Champions League zurück. „Trinkt heute einen!“, schlug RB-Kapitän David Raum vor, als man ihm ein Mikrofon in die Hand gab.

Leipzig schlägt St. Pauli

:Einmal Champions League, einmal Hoffen aufs Endspiel

Nach einem Jahr ohne Europapokalteilnahme sichert sich RB Leipzig mit einem 2:1 gegen St. Pauli den Zugang zur Champions League. Den Hamburgern fehlt mal wieder die Torgefahr – doch sie bekommen im Abstiegskampf noch eine allerletzte Chance.

Werner ließ den grundsätzlichen Willen zum Feiern erkennen; er gab allerdings zu bedenken, dass er seit geraumer Zeit „aus dem Training“ sei. Er versprach aber mit einem dezenten Lächeln, dass zur Erleichterung darüber, dass seine Mannschaft die Mission für dieses Jahr erfüllt habe, schon auch noch Freude kommen werde. „Der Verein ist wieder da, wo er sich selbst sieht und wo er auch hingehört. Die Spieler sind wieder da, wo sie sich selbst sehen und hingehören“, sagte der seit einem Jahr amtierende Coach. Wobei sich kaum jemand selbst stärker in der Champions League verortet als Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff, der eine unter anderem mit Jürgen Klopp bestückte RB-Hauptquartier-Delegation anführte. Am Ende ging Mintzlaff auch in die RB-Kabine. „Er hat gratuliert, und ich habe ihm gratuliert – wie das halt so ist bei einem Gemeinschaftswerk“, berichtete Werner. Nach so einem Spiel sei andererseits viel zu tun, man werde schon noch Zeit finden, miteinander zu sprechen.

Geschäftsführer Schäfer erwähnt die zahlreichen Neuerungen vor der Saison

Das deckte sich mit den Aussagen von RB-Sportgeschäftsführer Marcel Schäfer, 41, der in der Mixed Zone angekündigt hatte, man werde sich demnächst „mit Ole und seinem Berater zusammensetzen und Gespräche führen, logischerweise“, ehe er die Erläuterung nachschob, dass „grundsätzlich“ immer das Interesse bestehe, „eine erfolgreiche Zusammenarbeit fortzuführen“.

Nicht, dass RB am Samstag gegen St. Pauli brilliert hätte. Im Gegenteil: Der Sieg war zwei Ecken geschuldet, die erste davon bugsierte der offiziell verabschiedete Mittelfeldspieler Xaver Schlager ins Tor (44. Minute), die zweite verwertete der Veteran Willi Orban (54.). Vielleicht sei man ob des Umstands, dass man „was zu verlieren hatte“, so „ein bisschen gelähmt“ gewesen, unkte Schäfer. Doch am Ende nahm er auch hin, dass RB Leipzig durch den Anschlusstreffer von Abdou Ceelsay (86.) fast noch in die Bredouille geriet.

Denn Schäfer sagte auch dies: Vor knapp einem Jahr hätten alle sofort unterschrieben, wenn das Angebot gelautet hätte, RB zieht einen Spieltag vor Ende der Saison in die Champions League ein. Dann ließ er ein Jahr im Zeitraffer Revue passieren. Nach einem Jahr ohne jegliche Europapokal-Qualifikation wurde ein neues Trainerteam installiert, viele Veränderungen im Staff vorgenommen, die Mannschaft umgekrempelt – und aufgrund der Vorgaben der Konzernzentrale (also von Mintzlaff) mussten relativ hohe Transfererlöse erzielt werden. „Da muss man dann auch mal wirklich ein Lob aussprechen – nicht nur dem Trainerteam und der Mannschaft, auch allen Mitarbeitern im Klub“, sagte Schäfer.

Die Chefs schauen kritisch: Oliver Mintzlaff, Geschäftsführer bei Red Bull, (hintere Reihe, Zweiter von links) und der Global Head of Soccer, Jürgen Klopp, direkt daneben. Und davor CEO Tatjana Haenni mit Sportgeschäftsführer Marcel Schäfer (weißes Hemd).Die Chefs schauen kritisch: Oliver Mintzlaff, Geschäftsführer bei Red Bull, (hintere Reihe, Zweiter von links) und der Global Head of Soccer, Jürgen Klopp, direkt daneben. Und davor CEO Tatjana Haenni mit Sportgeschäftsführer Marcel Schäfer (weißes Hemd). Jan Woitas/dpa

Mit Blick auf die Zukunft wirkte Schäfer gelöst. Unter anderem gelobte er, die jüngst von RB-Chef Mintzlaff erhobene Forderung umzusetzen, den Senkrechtstarter dieser Saison, Yan Diomande, im Team zu halten. „Wenn ich Geschäftsführer Sport wäre, würde ich diesen jungen Spieler nicht verkaufen, egal welcher Preis dort aufgerufen wird“, sagte Mintzlaff jüngst öffentlich. Die RB-Kostenstelle dürfte sich freuen: Schäfer sagte, er schulde als weisungsbefugter Angestellter seinem Boss Gehorsam, „ich höre immer sehr aufmerksam zu, wenn meine Vorgesetzten Interviews geben“.

Da Diomande einerseits international viel Aufsehen erregt hat und RB Leipzig andererseits erstens „Leistung honoriert“ und durch die Champions League nicht mehr „unglaublich viele Transfererlöse erzielen“ muss (sprich: Geld hat), winkt Diomande eine satte Gehaltserhöhung. „Er ist explodiert, er ist ein absoluter Schlüsselspieler für uns“, sagte Schäfer. Oder droht, beispielsweise nach einer sagenhaften Weltmeisterschaft mit dem deutschen Gruppengegner Elfenbeinküste, doch ein Abschied? Es gebe eine nicht näher definierte Grenze, ab der man Angebote nicht ausschlagen könne. Wer RB kenne (und also Mintzlaff, Anm. d. Red.), wisse, „dass Zahlen eine äußerst wichtige Rolle spielen“.

Das wiederum heißt auch, dass man im Sommer trotz der Champions-League-Millionen (allein für die Qualifikation gab es zuletzt 18,62 Millionen Euro) nicht die Transferpolitik des vergangenen Sommers umwerfen werde. Es bleibe wichtig, „dass man in einem gewissen Segment bleibt“, also entwicklungsfähige Spieler zu vergleichsweise überschaubaren Preisen holt. Schäfer nannte neben Diomande noch den brasilianischen Stürmer Rômulo oder den dänischen U21-Angreifer Conrad Harder. Ob der im Winter bei Brighton ausgeliehene DFB-Nachwuchsstürmer Brajan Gruda bleibt, ist denkbar, hängt aber stark von den Modalitäten der Leihe ab. Je nachdem, welchen Betrag er aus England höre, könne „das Gespräch auch nach drei Sekunden beendet sein“. Einen Pluspunkt hat RB nun offiziell: Auch Gruda dürfte die Champions-League-Hymne in den Ohren klingen.