
Am vorletzten Spieltag hat Bayer Leverkusen die Champions League fast sicher verspielt. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung.
Es war eine Woche, die sinnbildlich für die Saison von Bayer Leverkusen stand. Nach einem begeisternden 4:1-Heimsieg gegen RB Leipzig und dem damit verbundenen Sprung auf Platz vier hatte die Werkself im Kampf um die Qualifikation zur Champions League alle Trümpfe in der Hand. Aus eigener Kraft konnte das Team von Trainer Kasper Hjulmand Platz vier an den letzten beiden Spieltagen verteidigen und so erneut in die Königsklasse einziehen.
Nur eine Woche später ist die Euphorie Ernüchterung gewichen. Die verdiente 1:3-Niederlage beim direkten Konkurrenten VfB Stuttgart am Samstag bedeutet Platz sechs und drei Punkte Rückstand auf die nun viertplatzierten Schwaben. Zu allem Überfluss zog auch 1899 Hoffenheim mit einem Sieg gegen Werder Bremen an Bayer vorbei und hat ebenfalls drei Zähler Vorsprung.
Bayer geht in Führung und bricht ein
Dabei ging alles so gut los. Nach nur 34 Sekunden hatte Aleix Garcia Leverkusen in Führung gebracht. „Wir haben den besten Start, den man eigentlich so haben kann in so einem Spiel in Stuttgart“, sagte Bayer-Kapitän Robert Andrich. Den habe man sich nur fünf Minuten später mit dem Ausgleichstreffer von Ermedin Demirovic aber „wieder mit dem Arsch eingerissen“. Insgesamt sei es „zu wenig von uns“ gewesen, so Andrich.
In der Folge bestimmte Stuttgart das Spiel und war am Ende der verdiente Sieger, was sich nicht zuletzt auch durch eine Schussbilanz von 20:6 auch in Zahlen belegen lässt. „Wenn ich Spiele wie heute anschaue, dann muss man sagen, dass wir es auch nicht verdient haben. So ehrlich müssen wir mit uns sein“, befand Andrich.
Andrich: „Sinnbild für unsere Saison“
Denn dieser Leistungseinbruch nur sieben Tage nach der Gala gegen Leipzig ist kein Einzelfall in einer Saison, die von ständigen Aufs und Abs begleitet wird. Andrich erklärte die Pleite gegen Stuttgart deshalb zu einem „Sinnbild für unsere Saison“ und stellte die Charakterfrage: „Wir haben viele Charaktere, die ziemlich viel mit sich selbst ausmachen. Wir haben zu wenig Leute, die zusammenstehen.“
Alarmierende Aussagen am Ende einer Saison, die mit einem personellen Umbruch im Kader und auf der Trainerposition begann. Trainer Kasper Hjulmand muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Mannschaft nach der frühen Übernahme von Ex-Coach Erik ten Hag zwar auf Kurs Europa gebracht, aber nicht die Stabilität verliehen zu haben, die für die angepeilte Qualifikation zur Champions League von Nöten gewesen wäre.
Viele Neuzugänge zündeten nicht
Es wäre zu leicht, die Schwankungen in dieser Saison auf die vielen prominenten Abgänge und zahlreichen Neuzugänge des vergangenen Sommer zu schieben. Zumal sich unter Hjulmand in der entscheidenden Phase eine Startelf herauskristallisiert hat, in der mit Torhüter Mark Flekken, Verteidiger Jarell Quansah und Mittelfeldspieler Ibrahim Maza lediglich drei Neue einen Platz sicher hatten. Der Rest war schon in den erfolgreichen Jahren unter Xabi Alonso bei Bayer. An Erfahrung mangelte es also nicht.
„Die Mannschaft muss sich definitiv in Sachen Widerstandsfähigkeit verbessern“, erklärte Sportchef Simon Rolfes, dessen Transferpolitik aus dem vergangenen Sommer nicht so aufgegangen ist wie sich Bayer das erhofft hat. Schließlich saßen in Stuttgart und den Wochen zuvor mit Malik Tillmann, Ernest Poku, Eliesse Ben Seghir, Loic Badé und Ezequiel Fernandez Spieler auf der Ersatzbank, für die zusammen über 130 Millionen Euro ausgegeben wurden. Unter Hjulmand konnte sich aber keiner von ihnen einen Stammplatz erarbeiten.
Der Griff nach dem letzten Strohhalm
Für Rolfes steht deshalb erneut ein anstrengender Sommer an. Neben der ungewissen Zukunft zahlreicher Spieler ist auch die Zukunft von Hjulmand ungewiss, gerade bei einem Verpassen der Champions-League-Qualifikation. Dafür besitzt Leverkusen vor dem abschließenden Heimspiel gegen den Hamburger SV nur noch Außenseiterchancen.
Er werde die letzte Woche angehen, „als ob es das nächste Endspiel ist“, erklärte ein kämpferischer Robert Andrich. Neben einem eigenen Sieg gegen den HSV benötigt Bayer Schützenhilfe von Eintracht Frankfurt (gegen Stuttgart) und Borussia Mönchengladbach (gegen Hoffenheim). „Wir wissen alle: Es kann noch alles passieren im Fußball. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber wir müssen das letzte Spiel gewinnen und dann können wir noch hoffen.“
Unsere Quellen:
- Interviews mit Robert Andrich, Simon Rolfes und Kasper Hjulmand
- Spiel VfB Stuttgart gegen Bayer Leverkusen am 9. Mai 2026
Sendung: WDR.de, „Ernüchterung bei Leverkusen nach Pleite in Stuttgart“, 10.05.2026, 13.06 Uhr