Mit der Frage nach Europa und dem Konjunktiv wollten sie sich beim FC Augsburg nicht allzu viel beschäftigen. Sie wussten nach ihrem 3:1 (2:0) gegen Borussia Mönchengladbach am Samstag im letzten Heimspiel der Saison ja nicht, ob ihnen der SC Freiburg tags darauf den nötigen Gefallen für weitergehende Hoffnungen tun würde, nämlich beim Hamburger SV nicht zu gewinnen. Auch in eigener Sache hielt sich Manuel Baum nicht mit potenziellen Szenarien auf, sondern genoss stattdessen das Hier und Jetzt.
An die Möglichkeit, dass er in der Augsburger Arena mit seiner Mannschaft letztmals als Trainer vor die Fans getreten sein könnte, habe er überhaupt nicht gedacht, sagte Baum. Er habe sich schlicht bedanken wollen für die Unterstützung und sei „einfach mega glücklich“ über die weitgehend „tolle Leistung“. Er glaube, alle im Publikum gingen „mit einem Lachen nach Hause, genauso wie wir“. Und lächelte dabei schon mal.
MeinungErneuter Klassenverbleib
:Was Augsburg so stark macht? Sie wissen, wer sie sindSZ PlusKommentar von Thomas Hürner
Beim FC Augsburg befinden sie sich gerade in einem Zustand der Glückseligkeit. Das ist für den Verein aus dem schwäbischen Teil Bayerns ein eher seltenes Vergnügen. In den vergangenen zehn Jahren bewegte sich der FCA mit seinen Abschlussplatzierungen zwischen Rang zwölf und 15 stets durch diverse Graustufen der Bundesliga, vorherige Abstiegskämpfe oft inklusive. Dass die Augsburger nach dem 33. Spieltag mit Zufriedenheit auf ihr Werk blicken und es im Schlussakt bei Union Berlin weiter aufhübschen können, darf als umso bemerkenswerter gelten, weil sie sich Anfang Dezember noch ernsthaft sorgen mussten um ihre Versetzung. Nach dem Pokal-Aus gegen den Zweitligisten VfL Bochum sowie acht Niederlagen aus den ersten zwölf Ligaspielen mit 27 Gegentoren deutete damals nichts auf einen derart entspannten Saisonabschluss hin. Vielmehr wirkte der FCA unter seinem damaligen Trainer Sandro Wagner aufgekratzt und labil wie ein Teenager. Doch mit Baum, der vor dem 13. Spieltag von Wagner übernahm, haben sie in Augsburg zu einer bemerkenswerten Ausgeglichenheit gefunden.
Schon nach dem vorletzten Spieltag können sie trotz des misslungenen Saisonstarts die drittbeste Bilanz in ihren 15 Bundesligajahren vorweisen. Mit 28 Punkten haben sie zudem bereits ihren besten Rückrundenertrag aus der Spielzeit 2013/14 eingestellt. Nur der FC Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig und der VfB Stuttgart holten in der aktuellen zweiten Saisonhälfte mehr Punkte. Und mehr Zähler in einer gesamten Saison sammelte der FCA nur in den Spielzeiten 2013/14 (52 Punkte/Platz acht) und 2014/15 (49 Punkte/Platz fünf), jeweils mit seinem damaligen Trainer Markus Weinzierl. Vor elf Jahren reichte das zur bisher einzigen Qualifikation für den Europapokal.
Hätte ihnen im Januar jemand eine solche Rückrunde prognostiziert, „wir hätten uns totgelacht“, sagt Gregoritsch
All das spricht gerade auch sehr für Baums Trainerarbeit. Der 46 Jahre alte ehemalige Lehrer hat es geschafft, ein leistungsförderndes, positives Klima zu erzeugen und die Mannschaft nicht nur zu stabilisieren, sondern auch fußballerisch voranzubringen. Die meisten Spieler sind sehr angetan von der Zusammenarbeit. „Seit ich hier bin, macht es Spaß. Von Tag eins haben wir uns in unserer Entwicklung extrem gesteigert“, sagte der im Januar per Leihe nach Augsburg zurückgekehrte Angreifer Michael Gregoritsch. Zum überzeugenden Sieg gegen Mönchengladbach hatte der österreichische Nationalspieler in der 24. und 72. Minute das erste und dritte Augsburger Tor beigesteuert. Zudem trafen Robin Fellhauer (42.) und Gladbachs Giovanni Reyna (90.+2).
Gregoritsch hätte die beachtliche Bilanz von 43 Punkten nach 33 Spieltagen bei seiner Ankunft nicht für möglich gehalten. Wäre ihnen das im Januar prognostiziert worden, „hätten wir uns totgelacht und ich hätte wahrscheinlich gesagt: ‚Sag mal, bleib mal ein bisschen realistisch.‘“ Doch man habe sich den Ertrag mit vielen guten Spielen verdient, stellte Gregoritsch fest. Sportdirektor Benjamin Weber sprach zudem von einem nahezu perfekten letzten Heimspiel. Das späte Gegentor hätte zwar nicht sein müssen, dennoch sei es „überragend“, sich so vom eigenen Publikum zu verabschieden. „Das zeichnet uns aktuell aus, dass wir hungrig sind, hungrig bleiben und nicht nachlassen. Das ist einfach ein sehr, sehr guter Geist“, sagte Weber, „wir sind sehr, sehr zufrieden, wie es gerade läuft.“ Auch das unterscheidet den FCA mit Trainer Baum gerade von den vergangenen Jahren, als die Augsburger in den letzten Saisonspielen regelmäßig stark nachließen.
Viel spricht nun zwar dafür, dass Baum Augsburgs Trainer bleibt und nicht als Leiter Entwicklung und Fußballinnovation zurückkehrt in seinen eigentlichen Job, den er beim FCA erst im vergangenen Sommer angetreten hatte. Doch seine Zukunft lassen sie weiter offen. Nach dem Saisonende werde man sich zusammensetzen, kündigte Weber an. „Die Ergebnisse sprechen für sich“, sagte er zwar. Zugleich sei man auf mehrere Szenarien vorbereitet. Was das für Baums Zukunft bedeuten könnte? Der Trainer macht sich zumindest öffentlich nicht die Mühe, sich mit solchen Konjunktiven zu beschäftigen.
