In Moskau traf am Samstag die trübe russische Wirklichkeit auf Wladimir Putins ungebrochene Maximalansprüche. Die Militärparade zum „Tag des Sieges“ von 1945, die der russische Herrscher auf dem Roten Platz abnahm, wirkte wie ein Schatten ihrer Vorgängerinnen. Viel weniger Soldaten als sonst marschierten auf, das Militär gab nicht einmal eine Gesamtzahl bekannt. Sondern nur, dass „mehr als 1000“ Teilnehmer der „speziellen Militäroperation“, des Angriffskriegs gegen die Ukraine, an der Parade beteiligt seien.
Die Invasoren bildeten auch eine eigene Paradeformation, Orden baumelten an Schutzwesten, Auszeichnungen wurden hervorgehoben. Aber nur zwölf solcher Formationen gab es insgesamt, viel weniger als früher, und eine davon kam aus Nordkorea. Das war eine Premiere. Erinnert wurde an die Rolle der nordkoreanischen Kämpfer bei der Rückeroberung grenznaher Teile des westrussischen Kursker Gebiets von „neonazistischen Eroberern“.
Gemeint waren die Ukrainer, getreu der Kreml-Linie, den aktuellen Krieg als Fortsetzung desjenigen darzustellen, der 1945 siegreich endete. Wie bei früheren Paraden wurden die Ukraine und die Ukrainer aber an keiner Stelle benannt: nicht als damalige Sowjetbürger, nicht als heutige Kriegsgegner. Wohl, um sie nicht aufzuwerten.
Die deutsch-ukrainische Historikerkommission schätzt, dass etwa acht Millionen Ukrainer für die sowjetische Armee mobilisiert wurden; sie stellten ein Viertel der sowjetischen Streitkräfte. Insgesamt sind demnach schätzungsweise acht bis zehn Millionen Menschen aus der ukrainischen Sowjetrepublik im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen, Zivilisten wie Soldaten.
Weniger Gäste in Moskau
In Moskau saßen weniger Gäste als sonst auf der Tribüne, weniger Journalisten waren zugelassen worden, nur wenige Staats- und Regierungschefs gekommen. Zwei von ihnen, die Präsidenten Kasachstans und Usbekistans, hatten ihre Reisen gleichsam erst in letzter Minute angekündigt. Sie hörten, wie Putin, symbolträchtig platziert zwischen einem 100 Jahre alten Weltkriegsveteranen und einem Teilnehmer des aktuellen Krieges, in seiner Ansprache Opfer, Geschlossenheit und Siege beschwor. Der russische Vormarsch in der Ukraine war langsam und wirkt derzeit gestoppt, doch Putin sagte über seine Truppen: „Sie stellen sich einer aggressiven Macht entgegen, die vom gesamten NATO-Block bewaffnet und unterstützt wird. Und trotz alledem schreiten unsere Helden voran.“
Eine der Paradeformationen am 9. Mai 2026 stellte Nordkorea.AP
Panzer, Raketenwerfer und anderes militärisches Gerät fehlten völlig, erstmals seit 2007. Das Militär hatte den Verzicht mit der „operativen Lage“, Putins Sprecher mit ukrainischen Bedrohungen begründet, denn Kiews Drohnen werden immer effektiver. Statt echter Waffen wurde ein Video gezeigt, das russische Waffensysteme feierte und Glückwünsche von Soldaten übermittelte. Es beanspruchte sieben der 46 Minuten, die die Parade nur dauerte. Auch die Flugschau gegen Ende war schnell vorbei. Kampfflugzeuge sprühten die Farben der russischen Trikolore in den wolkigen Himmel über Moskau. Putin wirkte dennoch zufrieden.
Als der Herrscher am Samstagabend vor den sogenannten Kreml-Medienpool trat, erklärte er die Schmälerung seiner Parade „nicht nur“ mit der Sicherheit, sondern „vor allem“ damit, dass die russischen Streitkräfte sich eben darauf „konzentrieren“ müssten, „den Gegner“ in der „speziellen Militäroperation“ nun „endgültig zu zerschlagen“.
Putin sieht Waffenruhe als Frucht eigener Drohungen
Putin beschrieb Trumps Initiative nun als Frucht der russischen Drohungen sowie von „Arbeit“ und „Dialog“ mit den USA. Moskau „warnte“ die Amerikaner demnach vor „möglichen Folgen“ eines Angriffs auf Kiew für die dortigen diplomatischen Vertretungen und „bat“ darum, „alles Nötige“ für deren „Sicherheit“ zu tun, mit dem Resultat der Feuerpause.
Nebenbei präsentierte der Herrscher eine falsche Chronologie der Vorgeschichte von Trumps Feuerpause. So behauptete Putin, Moskau habe seine eigene einseitige Waffenruhe für den 8. und 9. Mai am Tag nach seinem Telefonat mit dem Amerikaner ausgerufen. Das war am 29. April, die Ankündigung aber erst am 4. Mai. Auch behauptete Putin, Kiew habe darauf erst nach „ein, zwei Tagen“ reagiert. Tatsächlich hatte Selenskyj schon nach eineinhalb Stunden seine eigene Waffenruhe von Mittwoch an vorgeschlagen, die Russland dann demonstrativ ignorierte.
Drohungen nicht nur gegen die Ukraine
Daneben machte Putin klar, dass er allen militärischen Rückschlägen und dem wachsenden Unmut der Russen über die auch mit dem Krieg begründeten Internetbeschränkungen zum Trotz weiter stur an dem Ziel festhält, sich die Ukraine zu unterwerfen – und womöglich weitere Länder. Finnland warf er in saloppen Worten vor, der NATO in der Hoffnung beigetreten zu sein, „dass hier bei uns alles zusammenbricht“ und das Land danach Beute machen könne.
Eine Staatsfernsehvertreterin wiederholte die im März aufgebrachte Moskauer Mär, die drei baltischen Staaten hätten ihren Luftraum für ukrainische Drohnen geöffnet, und fragte, ob Russland daher die schon jetzt in der Nordostukraine beanspruchten „Sicherheitszonen“ ausweiten müsse, „vielleicht bis zu den westlichsten Grenzen der Ukraine“. Putin sagte, „Sie haben die Frage selbst beantwortet“, man müsse es „so machen, dass niemand uns bedroht, das ist alles. Danach werden wir auch streben.“
Putin erzählte auch, der slowakische Ministerpräsident Robert Fico, am Samstag sein einziger Gast aus einem EU- und NATO-Land, habe ihm gesagt, dass „Selenskyj bereit sei zu einem persönlichen Treffen“. Dazu erklärte sich Putin zum wiederholten Male bereit, hob aber neuerlich hervor, Selenskyj müsse dafür „nach Moskau kommen“. Ein Treffen in einem „Drittland“ komme nur infrage, wenn ein Friedensvertrag unterzeichnet werde, der „auf die lange, historische Perspektive ausgerichtet“ sei.
Putin bei seiner Rede auf dem Roten Platz am 9. Mai 2026AFP
Dabei hat Putin seinen eigenen Blick auf die Geschichte im Blick, in dem die eigenständige Ukraine als Verirrung erscheint. In der persönlichen Komfortzone blieb Putin auch, als er nach einem Kandidaten gefragt wurde, der für die EU mit Russland sprechen könne, wie es Ratspräsident António Costa angeregt hat. „Ich persönlich würde den ehemaligen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Schröder, vorziehen“, sagte Putin über Russlands ehemaligen Rohstofflobbyisten. Gerhard Schröder hatte Putin im März 2022 bald nach dem russischen Überfall auf die Ukraine angeblich in einer Friedensmission besucht, ohne Wissen der damaligen Bundesregierung und ohne sichtbare Einwirkung auf den Kriegsverlauf.
Selenskyj „erlaubt“ Parade
In Kiew kann Präsident Selenskyj die vergangenen Tage durchaus als Erfolg verbuchen. In fast jeder Ansprache betonte er, dass Moskau seine Parade nicht ohne Einwilligung der Ukraine abhalten könne. Nicht nur in der verkleinerten Parade, sondern vor allem in dem Ersuchen um eine Waffenruhe für den 9. Mai sah der Präsident eine Schwäche des Kremls.
Nach der Verkündung der Waffenruhe durch Trump unterschrieb Selenskyj ein Dekret „zur Durchführung einer Parade in Moskau“. Das kam, wie ukrainische Kommentatoren bemerkten, nicht ohne Spitzen gegen Putin aus.
„Aufgrund zahlreicher Bitten und aus humanitären Gründen, die in den Verhandlungen mit der amerikanischen Seite am 8. Mai 2026 dargelegt wurden, ordne ich an: 1. Die Durchführung einer Parade am 9. Mai 2026 in Moskau (Russische Föderation) zu genehmigen.“ Für die Dauer der Parade werde der Rote Platz aus dem Einsatzplan für ukrainische Waffen ausgeschlossen, heißt es weiter.
Dazu werden „hilfreicher Weise“ die genauen Koordinaten des Roten Platzes festgehalten, wie es in einem Meinungsstück der Onlinezeitung „Kyiv Independent“ heißt. „Der Präsidialerlass 374 ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein gezielter Witz die Fassade der Propaganda herunterreißen und einen Diktator in Verlegenheit bringen kann, ohne wertvolle Mittel zu verschwenden“, schreibt die Autorin.
In Moskau fand man das Dekret weniger witzig. „Wir brauchen von niemandem eine Erlaubnis“, kommentierte Kremlsprecher Dmitrij Peskow. „Wehe dem, der versucht, sich über den Tag des Sieges lustig zu machen.“
Peskows Reaktion wiederum rief in Kiew neuen Spott hervor. Der Publizist Witalij Portnykow wunderte sich etwa, dass man das Dekret in Moskau überhaupt so ernst genommen und nicht einfach ignoriert habe. Er attestiert den Russen einen Minderwertigkeitskomplex. „Eine Nation, die sich selbst respektiert, würde darauf sicher nicht so reagieren“, sagte er im Sender Espreso TV. „Sie wirken wie ein gekränkter Teenager.“
Russische Angriffe trotz Waffenruhe
Neben den Witzen, die viele Ukrainer über Selenskyjs Erlass reißen, freut man sich in der Hauptstadt auch über ein paar ruhige Nächte ohne Heulen der Alarmsirenen. Doch dominiert Zynismus in vielen Gesprächen über die Waffenruhe. In der ukrainischen Hauptstadt weiß man, dass es nur eine Verschnaufpause ist, bevor der Beschuss mit Drohnen und Raketen wieder einsetzt. Manche hoffen zwar, dass diese drei Tage ein Anfang sein könnten; die Hoffnung hatte auch Trump geäußert. Aber im fünften Jahr gibt sich kaum jemand mehr der Illusion hin, dass dieser Krieg bald zu Ende sein könnte.
Davon zeugten auch russische Angriffe am Samstag. In der Großstadt Charkiw im Nordosten der Ukraine zielten die russischen Streitkräfte nach Angaben der lokalen Behörden offenbar auf ein Industriegebiet. Dabei sei ein neunstöckiges Wohnhaus von einer Drohne getroffen worden, teilte Charkiws Bürgermeister am Samstagabend auf Telegram mit. Fünf Menschen seien verletzt worden, darunter zwei Kinder.
Auch aus den frontnahen Gebieten im Osten und Süden des Landes wurde Beschuss gemeldet. Insgesamt seien in den Gebieten Charkiw, Donezk und Cherson 19 am Samstag verletzt worden, hieß es von den Behörden. Die ukrainische Luftwaffe meldete zudem am Sonntagmorgen, dass in der Nacht 27 Drohnen abgefangen worden seien.
Auf politischer Ebene rief am Samstagabend auch Putins Behauptung Widerspruch hervor, die Ukraine weigere sich, Gefangene auszutauschen. Trump hatte den Austausch von jeweils 1000 Gefangenen zusammen mit der Waffenruhe verkündet. Putin zufolge hat Russland der Ukraine bereits vor Trumps Vorschlag eine Liste mit 500 gefangen genommenen ukrainischen Soldaten übergeben. Danach sei der Kontakt zu Kiew abgebrochen.
Das Präsidialamt in Kiew teilte dagegen laut dem Sender Suspilne mit, Putins Behauptung, die Ukraine sei nicht bereit für einen Gefangenenaustausch, „entspricht nicht den Tatsachen“. Da die Vereinbarung des Gefangenenaustauschs unter Vermittlung der USA zustande gekommen sei, müsse die amerikanische Seite auch deren Umsetzung garantieren. Dazu liefen die Gespräche noch.