Im Jahr 2001, also vor genau fünfundzwanzig Jahren, kam ich nach Berlin. Damals war ich fünfundzwanzig Jahre alt. Als angehende Künstlerin zu dieser Zeit in Berlin zu sein, war vielleicht das Beste, was man erleben konnte.

Ich unterhielt mich neulich mit Freunden darüber, dass wir die möglicherweise phantastischste Zeit in einer großen europäischen Stadt erlebt haben, die es je gab. Und dahin würde ich gerne noch einmal zurück, ja. Unbedingt. Ob ich gerne noch einmal fünfundzwanzig wäre, das weiß ich nicht. Aber unter Zuhilfenahme einer Zeitmaschine wäre ich dabei.

Wir waren so frei, man brauchte fast kein Geld zum Leben, überall gab es Kunst, Künstler, Clubs und Musik. Nichts war fertig, alles offen. Legal und illegal, spontan und billig. Wir feierten endlose Partys, und während wir in unseren spottbilligen Wohnungen die alte Raufasertapete zentimeterweise von den Wänden kratzten, dachten wir uns wilde Filme aus.

Kein Plan für die Zukunft

Ich komme aus München und tauchte in Berlin in ein anderes Universum ein. Ich hatte keinen Plan für meine Zukunft, kein Szenario, wie mein Leben einmal sein sollte, und keine Ahnung, wohin ich mich bewegte. Erst einmal bewegte ich mich einfach woandershin. Ich hatte keine Angst. Und natürlich war da noch dieses Gefühl, das man in dem Alter ohnehin hat, nämlich dass einem die Welt gehört. Was sonst?

Sonja Heiss heuteSonja Heiss heuteJens Koch

Darüber hinaus waren wir natürlich der Meinung, unsterblich zu sein. Ein durchaus angenehmes Gefühl. 2001 war auch mein zweiter Film, „Karma Cowboy“, fertig. Mit einer Kommilitonin und einem Kameramann waren wir drei Monate durch die USA gereist und hatten einen dokumentarisch-fiktiven Film gedreht, in dem wir nach einem Mann suchten, den es in Wirklichkeit nie gab. Ein poetischer Road­trip durch die amerikanische Unterschicht, über endlose Wüstenstraßen, durch Trailerparks und schimmelnde Condos, Crack-Motels und kleine Paradiese, in denen wundervolle Freaks mit wenig Geld ein wildes Leben lebten.

Als wir uns auf die Reise begaben, wussten wir nicht, ob unsere Idee überhaupt funktionieren würde, und besonders sicher war es auch nicht in Downtown Detroit, den Suburbs von New Orleans oder den billigsten Motels am Rande von Las Vegas oder Memphis. Am Ende aber wurde ein sehr besonderer Film daraus. Bis zu diesem Zeitpunkt waren meine Filme also eher intuitive Experimente, in Berlin fand ich dann meine fiktive erzählerische Stimme. Erst ab Mitte zwanzig traute ich mich, wirklich zu schreiben.

Es lag wahrscheinlich am Alter. Nicht mehr ganz jung zu sein, etwas erlebt, gefühlt und gesehen zu haben, von dem man erzählen wollte, das man auch wirklich begreifen konnte, aber doch noch jugendlich mutig genug zu sein, es überhaupt zu wagen. Es lag aber auch am Gefühl der Freiheit in dieser Stadt. Das alles mag vielleicht eine etwas idealisierte Erinnerung sein, aber so erinnere ich mich. Und zwar gerne.

Als Frau 25 sein? Herausfordernd.

Ich möchte aber ungern nach „Früher war alles besser“ klingen. Ich bin mir sicher, dass man auch jetzt noch all das finden kann, wenn man es wirklich will. Aber mir fiele es wesentlich schwerer, heute noch so idealistisch und frei zu sein. Ich denke, wir tragen alle gerade schwer an der Lage der Welt und sorgen uns um die Zukunft. Das macht schon melancholisch, auch wenn die Melancholie fürs Schreiben sehr hilfreich sein kann. Fürs literarische Schreiben insbesondere, wie ich finde. Manchmal habe ich sogar Angst davor, zu glücklich zu sein, in der Annahme, ich wäre dann nicht mehr in der Lage, ein gutes Buch zu schreiben. Ein Glück ist das Glück aber ein schwer zu erreichender Dauerzustand.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Als Frau nun noch einmal fünfundzwanzig zu sein, im Jahr 2026, empfände ich auch als herausfordernder. Als ich fünfundzwanzig war, sah es so aus, als würde alles besser. Die Welt feministischer, demokratischer, friedlicher, gerechter. Deutschland schien sehr wenig rassistisch, Deutschlandflaggen gehörten zum Fußball, es gab noch keine AfD. Und irgendwie war mir der Feminismus fast egal. Mein Leben als Frau erschien mir damals nicht wirklich als ein benachteiligtes, in dem Alter verstand ich es wahrscheinlich nicht. Zudem lief ja auch alles in die richtige Richtung.

Heute sehe ich, wie wenige Frauen Kinoregie machen. Immer noch. Ich sehe, dass Frauen beim Film bei Weitem nicht gleich bezahlt werden, wie auch in fast allen anderen Berufen. Dass es als Frau in so vieler Hinsicht wesentlich schwerer ist. Ich denke auch, dass wir uns in einer Phase der Rückentwicklung befinden. Das Patriarchat atmet gerade wieder entspannt durch: Uff, noch mal gut gegangen. Die Männer, die sich für kurze Zeit bedroht sahen, können jetzt endlich wieder sie selbst sein.

Das arrogante junge Ich

Zurück zur 25. Ich erinnere mich, wie selbstbewusst wir alle waren. Eine Eigenschaft, die ich auch heute bei Menschen in dem Alter beobachte. Ich glaube, man braucht sie genau dann, auch wenn ich in der Rückschau mein manchmal fast arrogantes Ich belächle. So lag es jedenfalls auf der Hand, was sonst, dass ich, dass wir den deutschen Film und die deutsche Literatur würden verändern können. Die scharfe Trennung zwischen „Kunst“ und „Unterhaltung“ beseitigen, nach dem Vorbild der American Indies erfolgreich werden mit Filmen, die klug sind, aber auch humorvoll, ironisch, zutiefst menschlich, unterhaltsam, aber mit Intellekt.

Die Trennlinie ist nicht wirklich verschwunden, wenn auch ein ganz klein wenig verblasst. Das hat viel damit zu tun, wie man hierzulande das Publikum, die Leserinnen und Leser betrachtet, denke ich. Denn ich bin davon überzeugt, dass diese Art von Filmen und Literatur gerade extrem viel Potential hat.

Nicht mehr fünfundzwanzig zu sein empfinde ich manchmal auch als sehr angenehm. Wenn ich beispielsweise den Worten vertraue, die ich in mein Laptop tippe, anstatt sie wieder und wieder infrage zu stellen. Wie damals, als ich fünfundzwanzig war und noch lernen musste, meine literarische Stimme zu mögen. Jetzt aber lese ich die Zeilen, die mich oft selbst überraschen, weil ich nicht weiß, aus welchen Tiefen meines Unterbewusstseins und meiner Erinnerung sie dorthin gelangt sind, und auch nicht, warum ich diesen Sprachstil habe, woher der überhaupt kommt, aber sie bereiten mir Freude.

Nicht alles wahr, aber wahrhaftig

Dagegen jedoch kann ich mir nicht mehr erlauben, Filme wie damals „Hotel Very Welcome“ oder „Karma Cowboy“ zu drehen. Fast ohne Geld, ohne das Ziel, damit je Geld zu verdienen, künstlerisch völlig frei. Das war nicht nur schön zu machen, man sieht den Filmen diesen Geist auch an. Sich weiterzuentwickeln, Neues zu entdecken, ein größeres Publikum zu erreichen aber hat nicht weniger Reiz, wenn man nicht mehr fünfundzwanzig ist.

Und immer noch kann ich an meinem Schreibtisch sitzen und mir Geschichten ausdenken, und dass ich diese dann auch filmisch zum Leben erwecken oder irgendwann in einer Buchhandlung entdecken kann, das ist ein großes, phantastisches Geschenk. Wenn ich den Anfang dieses Textes noch einmal lese, fällt mir der Titel meines letzten Filmes, der Adaption von Joachim Meyerhoffs Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ ein.

Meine Erinnerungen an diese phantastische Zeit vor fünfundzwanzig Jahren sind wahrscheinlich oder ziemlich sicher nur zu einem Teil wahr. Wahrhaftig sind sie dennoch. Es stellt sich zuletzt also die Frage: Wäre ich wirklich gerne noch einmal fünfundzwanzig – oder ist es nicht viel besser, mich daran zu erinnern?

Sonja Heiss ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihre Filme „Hotel Very Welcome“, „Hedi Schneider steckt fest“ und „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ wurden auf der Berlinale uraufgeführt und vielfach ausgezeichnet. Ihr neuer Kinofilm „Raging Moms: Am Ende der Geduld“ befindet sich in der Postproduktion. 2027 erscheint ihr nächster Roman mit dem Titel „Die Selbstenthauptung der Elysia Marginata“ (KiWi).