Für nicht wenige Filmfans gilt Ingmar Bergman als einer der bedeutendsten Regisseure der Geschichte. Der 2007 verstorbene Schwede schuf legendäre Werke wie Das siebente Siegel, Wilde Erdbeeren, Persona oder Fanny und Alexander. Gemessen an verkauften Kinotickets ist sein mit Abstand erfolgreichster Film jedoch ein anderer: Das Schweigen aus dem Jahr 1963.

Allein in Deutschland zog Das Schweigen laut Inside Kino  über 11,5 Millionen Zuschauer:innen an und wurde damit zum meistbesuchten Film des Jahres 1964. Es ist bis heute das letzte Mal, dass hierzulande ein Schwarzweißfilm auf Platz 1 der Jahres-Charts landete. Ehrlicherweise hatte dieser geradezu unglaubliche Ansturm aber wenig mit der unbestreitbaren Qualität des Werks oder Bergman selbst zu tun, sondern mit dem aufsehenerregenden Skandal, der das Drama seinerzeit begleitete.

„Kunstwerk oder Pornografie?“ Das Schweigen löste weltweiten Aufschrei aus

Die Prämisse von Das Schweigen klingt zunächst nicht unbedingt skandalträchtig: Es geht um die Schwestern Ester (Ingrid Thulin) und Anna (Gunnel Lindblom), die sich gemeinsam mit Annas 9-jährigem Sohn Johan (Jörgen Lindström) auf der Heimreise nach Schweden befinden. Als die lungenkranke Ester einen Zusammenbruch erleidet, müssen sie in der unbekannten Stadt Timoka haltmachen, in der eine unverständliche Sprache gesprochen wird. Der bizarre Ort treibt das entfremdete Trio bald zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen.

Vielmehr war es die für die damalige Zeit ungewohnt direkte Darstellung sexueller Handlungen, die die Zensoren auf den Plan rief und einen öffentlichen Aufschrei in der Presse auslöste. Während Das Schweigen beispielsweise in Frankreich zunächst gänzlich verboten und in den USA nur stark geschnitten veröffentlicht wurde, fanden lediglich in Deutschland und Schweden ungekürzte Vorführungen des Dramas statt.

Doch auch hierzulande sorgte der Film für heftige Proteste unter Sittenwächtern, was schließlich sogar die „Aktion Saubere Leinwand “ ins Leben rief, die sich gegen die zunehmende Sexualisierung der Massenmedien stemmte. Der Großteil der Presse war angesichts Bergmans neuester Schöpfung gespalten: So titelte das konservative Blatt Die Welt „Kunstwerk oder Pornografie?“ und die Aachener Volkszeitung stellte die Frage: „Großes Meisterwerk oder höllische Vision?“

Diese Zensurdebatte machte das geneigte Publikum natürlich erst recht neugierig: So funktionierte der öffentliche Skandal als die bestmögliche PR für den Film, der dadurch schließlich zu dem erwähnten Mega-Erfolg im Kino avancierte.

Und was meinte Bergman selbst zu der ganzen Aufregung um sein Werk (via Deutschlandfunk Kultur )?

Über Das Schweigen will ich überhaupt nicht diskutieren. Ich finde in dieser Diskussion ist der Film selbst meine einzige Antwort. Da will ich wirklich schweigen.

Aus heutiger Sicht ist die Empörung über Das Schweigen kaum noch nachvollziehbar, handelt es sich doch um ein für Bergman so typisch schwermütiges und emotional herausforderndes Psychogramm, in dem die ausgelebte Sexualität eher als Ersatz für fehlende Intimität und menschliche Nähe dient.

Noch mehr Skandale:Hier könnt ihr Das Schweigen aktuell kostenlos streamen

Ein Kinoticket ist selbstverständlich heute nicht mehr nötig, um Bergmans Meisterwerk Das Schweigen sehen zu können. Doch selbst Abo-Kosten müsst ihr nicht dafür in Kauf nehmen: Das aufwühlende Drama steht nämlich derzeit in der Streaming-Flatrate von Joyn völlig kostenlos zur Verfügung.