Klettern ist für viele Menschen Sport. Für die Teilnehmenden bei „Climbing for All“ ist es oft weit mehr: ein therapeutischer Raum, ein Ort der Gemeinschaft und ein Weg, sich selbst neu zu erleben. Geschäftsführer Frank Schumann knüpft mit seiner Arbeit im Verein an seine persönliche Leidenschaft an. „Ich bin von Kindesbeinen an Kletterer in der Sächsischen Schweiz“, sagt er.
„Klettern ist etwas sehr Ursprüngliches“
Als Klettertherapeut nutzen er und sein Team das Klettern, Menschen zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. „Es bedarf ganz wenig Impuls, um jemanden zum Klettern zu bewegen“, erklärt er. „Das ist etwas sehr Ursprüngliches.“ Das sehe man schon bei kleinen Kindern. Der Verein bringe deshalb Menschen mit Rollstuhl, neurologischen Erkrankungen oder psychischen Diagnosen gemeinsam an die Wand. Speziell geschraubte, großgriffige Routen würden dabei helfen. „Wir plädieren dafür, die Hürden niedriger zu schrauben, sodass im Prinzip jedermann klettern kann“, erklärt Schumann.
Unterstützt wird das durch Spenden und Projektpartner, denn die Finanzierung bleibe eine Herausforderung: Die Teilnehmenden zahlen einen Monatsbeitrag, viele Angebote wären ohne zusätzliche Unterstützung nicht möglich. Nur bei einem kleinen Teil der Kursteilnehmenden werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen.
Maria*: Klettergruppe ist geschützter Raum
Für Kursteilnehmerin Maria* war die Atmosphäre in der Gruppe entscheidend, dabei zu bleiben. Sie hatte lange gezögert, sich einer Klettergruppe anzuschließen. „Ich hatte Angst, dass zu viel verlangt wird oder meine Besonderheiten nicht respektiert werden“, sagt sie. Heute erlebt sie den Kurs als geschützten Raum: „Hier kann ich klettern, aber auch sagen: Jetzt geht es nicht mehr.“ Die Offenheit in der Gruppe sei etwas Besonderes. „Wir haben alle unsere Päckchen. Jeder weiß das und genau deshalb gibt es so viel Verständnis.“ Das stärke nicht nur das Selbstvertrauen, sondern auch den Blick auf andere: „Ich bin toleranter geworden und urteile weniger schnell,“ sagt Maria*. (*Name geändert)
Wir haben alle unsere Päckchen. Jeder weiß das und genau deshalb gibt es so viel Verständnis.
Maria
fühlt sich wohl in der Klettergruppe
Für Jo, seit mehreren Jahren dabei, ist das Klettern ein Raum für ihr persönliches Wachstum. „Hier habe ich das Gefühl, gesehen zu werden“, sagt sie. Neben Freude an Bewegung gehe es um Vertrauen, Angstbewältigung und Gemeinschaft. „Die Trainer ermutigen uns, über uns hinauszuwachsen.“ Für sie hilft Klettern, den „ständig vollen Kopf“ zur Ruhe zu bringen – gerade im Umgang mit ihrer ADHS.
Klettertherapie hilft im Leben
Auch Ehrenamtlerin Nora Frederich, die Soziale Arbeit studiert, erlebt das Klettern als wirksames pädagogisches Instrument. Zum Verein kam sie selbst über den Sport. Heute begleitet sie Gruppen, darunter auch ein Projekt mit Menschen, die eine Suchterkrankung überwunden haben. „Wir wollen ein Angebot schaffen, das einen neuen Einstieg ermöglicht – auch ins Leben“, erklärt sie.
Man lernt, die Komfortzone zu verlassen, ohne in Panik zu geraten.
Nora Frederich
kam über das Klettern zum Verein
Für Nora liegt die Stärke der Klettertherapie im Transfer: „Was man an der Wand lernt, lässt sich unglaublich gut auf den Alltag übertragen.“ Frustration aushalten, Vertrauen abgeben, Verantwortung übernehmen oder die eigene Grenze spüren – all das werde beim Klettern unmittelbar erfahrbar. „Man lernt, die Komfortzone zu verlassen, ohne in Panik zu geraten.“ Gerade für Menschen mit Suchterfahrung oder psychischen Belastungen sei das ein wertvolles Lernfeld.