Am Wochenende nach den britischen Kommunalwahlen, die Politikprofessoren und Kommentatoren bereits „historisch“ nennen, lernte die britische Öffentlichkeit eine Frau namens Catherine West kennen. Catherine West ist eine 59-jährige in Australien geborene Britin, aufgewachsen in Sydney, wo ihr Vater Schuldirektor war, sie studierte Soziale Arbeit, ehe sie nach London zog und in die Labour-Partei eintrat. Seit elf Jahren sitzt sie im Unterhaus als Labour-Abgeordnete für Hornsey and Friern Barnet, einen Bezirk im Norden von London. Google-Suchanfragen nach „Catherine West“ schossen seit Samstagabend steil nach oben, denn West verkündete am Samstag und zur Sicherheit auch noch mal am Sonntag im Fernsehen und Radio mit ruhiger Stimme, dass sie am Montag den Premierminister stürzen will.

Sie werde sich anhören, sagte West etwa am Sonntagvormittag in der BBC, was der Premierminister zu sagen habe, wenn er seine für Montag angekündigte Rede halten werde, sie sei schließlich „eine faire Person“. Aber wenn sie nicht zufrieden sei, werde sie eine E-Mail an die Parlamentsfraktion ihrer Labour-Partei schreiben, die Partei von Premier Keir Starmer, und ihre Kandidatur erklären: als neue Parteichefin und Premierministerin. Es könne so nicht weitergehen, sagte Catherine West, in jeder Firma würde der CEO entlassen werden angesichts solcher Resultate. „Wir haben ein Problem“, sagte West, „und wir müssen schnell reagieren.“

Die Unzufriedenheit mit dem Premier ist nicht nur im Land, sondern auch in der eigenen Partei groß

Kaum jemand in London rechnet ernsthaft damit, dass Catherine West bald britische Premierministerin sein wird, zumal auch noch nicht ganz klar ist, welche formalen Vorgänge eine solche Erklärung auslösen würde. Klar aber ist die Situation, in der sich Premier Keir Starmer befindet: Die Unzufriedenheit mit ihm nicht nur im Land, sondern auch in der eigenen Partei ist so groß, dass er sich womöglich bald mit einer leaderchip challenge der derzeitigen Parlamentarischen Staatssekretärin für den Indo-Pazifik auseinandersetzen muss.

Starmer selbst wurde am Wochenende in mehreren Interviews nach seinem Rücktritt gefragt, er verneinte stets entschieden. Aber die Fragen waren kaum überraschend. Die Kommunalwahlen in England, Schottland und Wales fielen so desaströs aus für ihn wie prognostiziert, wenn nicht noch schlimmer.

In Wales, wo Labour seit 104 Jahren ununterbrochen stärkste Partei war, kommt die Partei im neuen Regionalparlament auf gerade noch neun von 96 Sitzen. Die walisische Labour-Chefin Eluned Morgan wird nicht darunter sein: Sie verlor in ihrem eigenen Wahlkreis. Gewinner der Wales-Wahl sind wie erwartet die Sozialdemokraten von Plaid Cymru, die 43 Sitze bekamen, fast doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Stärkste Oppositionspartei sind die Ultrarechten von Reform UK mit 34 Sitzen.

Erstmals regieren in allen drei Regionalparlamenten Parteien, die für die Unabhängigkeit von London stehen

In Schottland gewannen die Sozialdemokraten der SNP klar mit 58 von 129 Sitzen, Labour und Reform sind mit je 17 die zweitstärksten Parteien im neuen schottischen Regionalparlament. Die Grünen kamen knapp dahinter auf 15 Sitze. Damit regieren nun erstmals in allen drei Regionalparlamenten des Vereinigten Königreichs Parteien, die für die Unabhängigkeit von London stehen. In Schottland erklärte SNP-Chef John Swinney sogleich, ein neues Referendum anstreben zu wollen, um sein Land endlich zu befreien von Westminster. Schottland, sagte Swinney, sei „Farage-proofed“, sicher vor Nigel Farage, und das solle so bleiben.

Nigel Farage stand nicht zur Wahl, natürlich nicht, bei den Kommunalwahlen werden ja lediglich Stadt- und Gemeinderäte gewählt, die nächsten General Elections sind 2029. Aber weil Reform in England fast 1500 neue councillors bekam und damit in etwa so viele, wie Labour verlor, feierte sich Farage wie der Sieger der Kommunalwahlen 2026. Das ist zumindest nicht falsch, zum Gesamtbild gehört aber auch, dass so viele Wähler wie nie die Grünen ankreuzten und auch die Liberaldemokraten ihr Resultat deutlich verbesserten. Erstmals entschieden sich die Briten bei einer Wahl also nicht mehr mehrheitlich für Labour oder die Konservativen, sondern für alle möglichen Parteien.

Keir Starmer ernannte als Reaktion darauf noch am Samstag die frühere Ministerin Harriet Harman zur Beraterin in Sachen „Frauen und Mädchen“ sowie den Ex-Premierminister Gordon Brown zum Berater mit dem kryptischen Titel „Special Reviewer on Global Finance and Cooperation“. Die Pressestelle veröffentlichte Fotos von Starmer und Brown, wie sie im Garten von No. 10 Downing Street lächelnd parlieren, scheinbar gelassen. Dem politisch links stehenden Sonntagsblatt Sunday Mail fiel dazu die schönste Titelschlagzeile ein, die man jetzt auch als das neue Motto des um seine Zukunft kämpfenden Premiers sehen könnte: „In Gord we trust“.